Pro und Contra Nachtmarkt am Stromwerk – ein Streitgespräch über die Stadtteilentwicklung in der Neckarstadt-West [Videobeitrag]

Der Nachtmarkt am Stromwerk ist eine neue Spielstätte für Kunst und Kultur in der Neckarstadt-West. Was die einen feiern, kritisieren andere als Teil der Gentrifizierung des Stadtteils. Markus Sprengler, künstlerischer Leiter des Nachtmarkts, und Lenny vom Offenen Stadtteiltreffen Neckarstadt (OST) vertreten konträre Positionen und schildern ihre Sicht darauf, wie der Nachtmarkt die Stadtteilentwicklung beeinflusst. Ein Streitgespräch über Kunst und Kultur, Gentrifizierung und Gastrofizierung und die Zukunft der Neckarstadt-West. (cki)

Videobeitrag bei Youtube: https://youtu.be/BkAboPKq1M4

 




Boykottaufrauf des Offenen Stadtteiltreffen Neckarstadt – Betreiber des Nachtmarkt-Geländes erhalten Gegenwind

Der Nachtmarkt befindet sich auf dem Gelände des Stromwerks am Rand der Neckarstadt-West

Vor etwa einer Woche startete das Offene Stadtteiltreffen Neckarstadt (OST) seine Kampagne unter  #BOYKOTTSTROMWERK in den sozialen Medien Facebook und Instagram.

Die Initiator*innen des OST sehen den Nachtmarkt als einen Baustein der Gentrifizierung und Gastrofizierung der Neckarstadt West, welche von Privatinvestor*innen wie dem Firmengeflecht um Hildebrandt & Hees oder der Quintus Gastro GmbH vorangetrieben werden. Gastrofizierung bedeutet hierbei die Umwandlung eines Stadtteils zu einem Ausgeh- und Vergnügungsviertel mit negativen Auswirkungen auf die Bewohner*innen, wie es zum Beispiel der Jungbusch in den vergangenen Jahren erlebt hat. Kritisiert wird dabei nicht nur, dass die Bewohner*innen zukünftig mit mehr Lärm und Müll konfrontiert werden könnten, sondern auch, dass die dafür angeeigneten und zum Teil umgewidmeten Gastroflächen ausschließlich mit gehobener Gastronomie für „zahlungskräftige Klientel“ geplant werden.

Die Aktiven des OST verweisen bei der Kampagne immer wieder auf die Erfahrungen aus dem Jungbusch, wo ebenfalls mit sozialem Fortschritt geworben wurde, zu welchem eine Renovierung und Aufwertung des Stadtteils beitragen werde. Nur leider hat dieser Fortschritt für viele Menschen lediglich Verteuerung, Lärm oder sogar Verdrängung bedeutet, während eine hippe und urbane Mittelschicht mit Vergnügen die Profitinteressen der Investor*innen bedient. Das angepriesene soziale Engagement sei dabei laut OST komplett auf der Strecke geblieben, weswegen auch für die Neckarstadt keine soziale und nachhaltige Entwicklung, sondern lediglich profitorientierte Aufwertung erwartet werde, wobei sich der Wert hauptsächlich am Gewinn der Investor*innen bemessen wird.

Anlass für den Boykott sind mehrere geplante Veranstaltung auf dem Gelände des alten Stromwerks, wie zum Beispiel die Konzertreihe „Stromwerksommerbühne“ bei welcher auch einige namhafte Künstler*innen auftreten werden. Diese Konzertreihe könnte einen ersten Vorgeschmack bieten, wie sich solche Veranstaltungen auf die unmittelbare Umgebung in der Neckarstadt auswirken könnten. Mit dem Boykott wird aber nicht nur das Firmengeflecht der beteiligten Personen adressiert, sondern auch die Stadt Mannheim, welche laut OST eigentlich für den „Erhalt bezahlbaren Wohnraums, Transparenz und echte Bürgerbeteiligung“ bzw. Mitbestimmung sorgen solle.

Partybereich am Stromwerk außerhalb der Betriebszeiten

Die Kampagne des OST möchte die Organisierung der Anwohner*innen fördern und darüber mehr Mitbestimmung bei der Gestaltung ihres Stadtteils erreichen. Dafür geht die Kampagne in dieser Woche auch auf den Neumarkt, um mit den Menschen der Neckarstadt weiter in Kontakt zu kommen und sich gemeinsam mit Themen wie Mietkampf, Gentrifizierung oder der Kampagne #BoykottStromwerk auseinanderzusetzen. Das OST zeigt zum einen am Freitag den 06.08. um 21:00 Uhr auf dem Neumarkt den Film „Wem gehört die Stadt?“ und organisiert weiterhin Flyeraktionen am 07.08. und 14.08 jeweils um 14:00 Uhr. Das nächste Offene Stadtteiltreffen findet dann am 13.08. um 19:00 Uhr auf dem Spielplatz in der Dammstraße statt.

Text: DeBe | Bilder: cki




Wer bestimmt über den öffentlichen Raum?

Die Neckarwiese ist am Abend ein beliebter Treffpunkt für junge Menschen. Die Stadt hat für diesen Ort ein nächtliches Alkoholkonsumverbot am Wochenende erlassen.

Selten war öffentlicher Raum so gefragt, wie jetzt. Der Sommer ist da, die Inzidenz sinkt stetig. Clubs, Kneipen und Discos sind teilweise noch geschlossen oder zumindest im eingeschränkten Betrieb. Es ist also völlig logisch, dass es junge Menschen nach draußen zieht und sich zentrale Treffpunkte bilden, wo man Freund*innen treffen, Party feiern und etwas erleben kann. So schnell, wie die Inzidenzen sinken, so schnell kommen die Konflikte um den öffentlichen Raum. Der Staat zeigt mit autoritären Maßnahmen Härte und den jungen Menschen werden Grenzen der gerade erst wieder gewonnenen Freiheit aufgezeigt.

In Stuttgart ist die beliebte Freitreppe an der Königstraße gesperrt worden. In Heidelberg ließ die Polizei die Neckarwiese räumen und in Mannheim gibt es ein nächtliches Alkoholverbot, unter anderem im Jungbusch und auf der Neckarwiese.

Die Geister die sie riefen

Junge, laute und feiernde Menschen gibt es genau dort, wo man sie erwarten kann. Der Jungbusch mit seiner Hafenpromenade wurde jahrelang zum sogenannten „Szene-“ und Ausgehviertel entwickelt. Jetzt ist das entsprechende Publikum da. Auch das Projekt ALTER am Alten Messplatz ist ein voller Erfolg und zieht die Menschen an. Ebenso die Neckarwiese, die sich immer mehr zum zentralen Treffpunkt der Stadt bei gutem Wetter entwickelt hat.

Doch werden die jungen Menschen an ihren Treffpunkten nicht gerade herzlich willkommen geheißen. Mit regulativen Maßnahmen, greifen Stadt und Polizei in das Partygeschehen ein. Für mehrere Plätze wurde Alkoholkonsumverbote verfügt. Entsprechende Kontrollen enden nicht selten mit Konflikten, Bußgeldern, Strafanzeigen oder sogar Festnahmen. In Heidelberg ist die Situation auf der Neckarwiese massiv eskaliert.

Für den Jungbusch gibt es immerhin die „Nachtschichtler“, die mit sozialarbeiterischen Methoden auf das Geschehen einwirken. Sie sollen Regeln erklären und mit den Feiernden ins Gespräch kommen. Sie sind quasi der Puffer zwischen Partypublikum und Polizei. Dennoch setzt der Staat auch hier im Zweifelsfall seine Verbote mit Gewalt durch.

Für ein Recht auf öffentlichen Raum

Der Jungbusch ist mit seinem Spannungsfeld zwischen Partypublikum und Anwohner*innen sicher ein besonders komplizierter Fall. Andernorts könnte es eigentlich einfacher sein. Doch warum greift die Polizei auch an Orten wie der Neckarwiese hart durch?

„Die derzeitigen Einschränkungen, wie wir sie unter anderem in Stuttgart und Heidelberg erleben, sind unverhältnismäßig. Die Polizei sieht in der aktuellen Situation in den Städten offensichtlich eine Chance, Verbote wie das Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen und Maßnahmen wie die Ausweitung von Videoüberwachung umzusetzen, die sie schon lange fordern. Statt solcher Maßnahmen und mehr Polizeikontrollen fordern wir mehr mobile Jugendarbeit. Offensichtlich überzogene Haftstrafen wie nach der sogenannten Stuttgarter Krawallnacht im letzten Jahr, verurteilen wir scharf. Es darf nicht sein, dass an diesen Jugendlichen jetzt ein Exempel statuiert wird.“ So erklärt es Luigi Pantisano (Die Linke) aus Stuttgart.

„Viele junge Menschen haben im letzten Jahr ihre Solidarität mit der älteren Bevölkerung und Risikogruppen gezeigt. Sie sind zu Hause geblieben und haben auf vieles verzichtet“, ergänzt seine Parteikollegin Gökay Akbulut. „Wir müssen kreative Lösungen für eine Nacht- und Feierkultur finden, damit die Menschen in den Nachbarschaften in ihrer Nachtruhe nicht gestört werden.“ Verweil- und Alkoholverbote könnten das Problem nicht lösen. Sie führten zu einer Verlagerung auf weitere Plätze und zu einer Spirale der Kriminalisierung der Jugendlichen.“

Wohin mit den Feiernden?

Wie könnten kreative Lösungen aussehen? Sie müssen attraktiv und frei zugänglich sein. Akzeptanz bei den Anwohner*innen ist eine Voraussetzung für deren Erfolg. Der Nachtmarkt am Rande der Neckarstadt-West möchte eine solche Alternative sein. Doch es gibt Kritik an der undurchsichtigen Zusammenarbeit zwischen Politik und Immobilieninvestoren. Wer verfolgt hier welche Interessen? Wer profitiert davon?

Eine gute Alternative können selbstverwaltete und unkommerzielle Räume und Orte sein. ALTER auf dem Alten Messplatz geht sicherlich in die richtige Richtung, auch wenn der Standort nicht die große Menge der Feiernden aufnehmen kann. Es zeigt aber, dass der Bedarf an unkommerziellen, freien und wenig kontrollierten Orten da ist und diese entsprechend ausgebaut werden müssen. Dann laufen auch die Verbots- und Repressionsmaßnahmen ins Leere. (cki)