Kretschmann: „Impfen ist eine tolle Sache“ – Ministerpräsident auf Stippvisite in Mannheim

Auf Einladung der Mannheimer Stadtspitze besuchte MP Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) am 02.07.2021 den Stadtteil Neckarstadt-West. Auf dem Programm standen das Impfzentrum im Bürgerhaus, die Baustelle „Kaisergarten“ und das Kulturprojekt ALTER. Konfrontiert wurden der Ministerpräsident und der OB Dr. Kurz (SPD) mit Kritiken und Forderungen von GentrifizierungsgegnerInnen. In dieser Diskussion machte der Mannheimer Oberbürgermeister keine gute Figur.

Impfzentrum Bürgerhaus

Dr. Tobias Vahlpahl, Impfkoordinator und Koordinator Quartiermanagement in Mannheim, führte den Ministerpräsidenten durch das Impfzentrum. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor, wenn nicht der entscheidende, so die Verantwortlichen, ist das ehrenamtliche Engagement. Ohne dieses, so würdigten es auch MP und OB, könne man die Menschen in diesem Stadtteil nicht erreichen und von der Wichtigkeit einer freiwilligen Imfpung überzeugen. Hervorgehoben wurde auch die Relevanz von sozialem Status und Gesundheitsvorsorge. Dort wo es sich anbietet, ist es sinnvoll in die Quartiere zu gehen. MP Kretschmann: „Mannheim kann mit diesem Ansatz für Baden-Württemberg ein gutes Beispiel sein“.

Dr. Vahlpahl sagt dem KIM auf Nachfrage: „Im Bürgerhaus wird das Covid19-Vakzin des Herstellers Moderna verimpft. Zwischen 20. Juni und 04. Juli 2021 konnten 4.500 Personen aus dem „Kiez“ auf freiwilliger Basis geimpft und geschützt werden. Dies zeige den hohen Bedarf an Gesundheitsschutz in Pandemiezeiten in diesem Stadtteil.“ Mit dieser hohen Impfbereitschaft hatten Vahlpahl und sein Team zu Beginn der Aktion nicht gerechnet.

„Kaisergarten“ wird Kinder- und Jugendzentrum

Ab 2022 soll das ehemalige und aus der Kaiserzeit stammende Veranstaltungsgebäude in neuem Glanz erstrahlen. Vor Ort lies sich MP Kretschmann über den Umbaufortschritt und die künftige Nutzung informieren. Künftig soll es in dem neuen Zentrum für junge Menschen in diesem Stadtteil sowohl kulturelle Angebote, als auch Betreungsmöglichkeiten geben. Die Kosten für den Umbau tragen Land und Stadt.

Zwischenstopp Neumarkt

Hier finden aktuell umfangreiche Sanierungsarbeiten statt, die der Neugestaltung dienen. Hier vor allem der großen Grünfläche. Diese hatte in den letzten Jahren ziemlich „gelitten“ und sah optisch nicht mehr gut aus. Man darf auf das Neue gespannt bleiben.

Projekt ALTER und Wohnen in der Neckarstadt-West

Bei der Ankunft am Neckarufer warteten schon dutzende GentrifizierungsgegnerInnen auf den grünen Landesvater.

Kretschmann und Kurz stellten sich bereitwillig den DemonstrantInnen, um deren Forderungen und Kritiken zu hören. Bemängelt wurden von den AktivisitInnen beispielsweise, dass die Stadt zu wenig von ihrem Vorkaufsrecht bei Immobilien gebrauch machen würde und dass die Mietpreise insgesamt zu hoch seien. OB Dr. Kurz zog sich auf den Punkt zurück, dass oft Preise aufgerufen würden, bei denen die GBG einfach nicht mitbieten würde. Kapitalstarke Investoren haben damit die Oberhand. Defensiv sagte der OB, dass man sich gezielt, auch im Stadtteil Jungbusch, gegen weitere Gentrifizierungstendenzen einsetze. Auch und um u.a. bulgarischen Migranten bessere Wohnmöglichkeiten bieten zu können. Oft habe die Stadt aber gar keine Möglichkeiten ihr Vorkaufsrecht auszuüben.

„Mietpreise für knapp 1.000,- Euro im Monat für ein Studi-Zimmer“ war ein weiteres Reizthema. Darauf konnte OB Dr. Kurz nur sagen, dass dies etwas mit Abfindungszahlungen zu tun hätte und die Stadt in diesem Fall nicht tätig werden konnte. Was dies auch immer heißen mag? Es schien so, dass der MP „gute Miene zum bösen Spiel“ machte.

ALTER rockt. Das noch recht frische Kultur- und Kunstprojekt wird – pandemiebedingt – erst jetzt durchstarten können. Ausgehen tut dies vom allbekannten Einraumhaus. Nun erweitert um die Flächen des ehemaligen Eichbaum-Biergartens entsteht dort ein neues Kunst-/Kulturangebot gepaart mit Sport und urbaner Mobilität. Plus kleiner Gastronomie. Finanziert wird das Projekt auch mit Mitteln der Stadt.

 

(Bericht und Fotos: Christian Ratz)

Weiterführende Links:

https://www.alter-mannheim.de/

https://www.mannheim.de/de/seiten?fulltext=impfzentrum+neckarstadt

https://www.mannheim.de/de/nachrichten/kaisergarten-wird-saniert




Neckarstadt-West: „Westwind“-Präsentation wird zum Schlagabtausch [mit Video]

Statt eines PR-Termins entwickelte sich eine hitzige Diskussion über die privatwirtschaftliche Initiative „Westwind“ von Stadtrat Markus Sprengler und Investor Marcel Hauptenbuchner.

Am 22. Juli 2020 gegen 12 Uhr mittags wollte sich die Initiatorengruppe um die sogenannte Westwind-Initiative, zu der auch Florian Fischer (Gewerbeverein Neckarstadt-West Jungbusch) und Maik Rügemer (Netzwerk Wohnumfeld) gehören, mit Stadträt*innen und Bezirksbeirät*innen bei einem Termin vor Ort am Neumarkt treffen und über drei vermeintlich unstrittige Vorschläge ihres privaten Stadtentwicklungsplans sprechen.

Die Öffentlichkeit war eigentlich nicht eingeladen, einzig die Lokalzeitung war als Presse über den Termin informiert worden, um mit einem voraussichtlich unkritischen Beitrag über Verkehrsberuhigung und Fahrradstraßen einen möglichst guten Einstieg in die öffentliche Debatte zu schaffen.

Doch der Termin sickerte an interessierte Bürger*innen durch. Statt eines inszenierten PR-Termins entwickelte sich eine kritische Diskussion.

(Manuel Schülke | Neckarstadtblog)




Guter und schlechter Alkoholkonsum. Ein Fall von sozialer Doppelmoral

Mannheim hat ein Alkoholproblem. Und zwar ein doppeltes. Denn in Mannheim wird offenbar gleichzeitig zu viel und zu wenig Alkohol getrunken. Zu viel wird etwa auf dem Paradeplatz getrunken. Seit Jahren gibt es Pläne der Stadt, ein Alkoholverbot auf dem Paradeplatz durchzusetzen, was bisher jedoch an diversen gesetzlichen Hürden gescheitert ist. Dort geschieht das Trinken unter freiem Himmel, zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Mäuerchen, direkt aus der Flasche.

Zu wenig getrunken wird hingegen wenige hundert Meter weiter, auf dem Marktplatz. Am 22. Juni erschien im Mannheimer Morgen ein Kommentar unter dem Titel „Verdrängung am Marktplatz“. Dort beklagt sich der Autor Christian Schall über die Monotonie eines vorwiegend türkisch und arabisch geprägten gastronomischen Angebots. Aber nicht die regionale Spezifik der hier angebotenen Küche ist es, an der sich der Autor vorrangig stört. Nein, ihm geht es um einen ganz anderen, offenbar urdeutschen Bestandteil der gastronomischen Kultur, der von der Dichte orientalischer Lokale am Marktplatz bedroht wird:

„Eine wichtige Rolle in der Diskussion nimmt der Umgang mit dem Alkohol ein. Nun könnte man entgegnen: Wer gerne trinkt, der kann ja woanders hingehen. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Ohne alkoholische Getränke verharmlosen zu wollen: Sie sind ein elementarer Bestandteil unserer gastronomischen Kultur. Wer gerne einen Aperitif und einen Wein oder ein Bier zum Essen trinkt, hat in der türkischen Gastronomie nicht die Möglichkeit dazu, weil dort kein Alkohol ausgeschenkt wird. “

Zu „uns“ gehört also, wer zum Essen Alkohol trinkt. Wer aber das kühle Blonde im Biergarten nicht zu würdigen weiß (oder nicht zum Verkauf anbietet), gehört offenbar nicht zum „Wir“ des Autors. Schall fügt hinzu:

„In einem weltoffenen und toleranten Land sollte jedoch ein Gast selbstbestimmt darüber entscheiden können, was er zum Essen trinkt. Toleranz darf keine Einbahnstraße sein.“

Die Argumentation gleicht derjenigen der Rechtspopulisten, die sich darüber beklagen, dass man bestimmte Meinungen nicht mehr aussprechen dürfe, die zugleich aber sofort nach Zensur verlangen, wenn sie abweichenden Meinungen ausgesetzt sind. Der Deutsche muss die Möglichkeit haben, in „seiner“ Innenstadt, wo immer er möchte, Alkohol zu trinken. Das Recht der Ladenbetreiber, anzubieten was immer sie möchten, ist in diesem Fall untergeordnet, da es „einem anderen Kulturkreis“ entstammt. Der Text beginnt mit den Worten:

„Die Schließung des Café Journal, des letzten Lokals mit einem differenzierten Angebot am Marktplatz, ist eine Zäsur und Folge einer jahrelangen Entwicklung, die der Innenstadt nicht guttut. Das Angebot rund um den Marktplatz ist inzwischen von einer derartigen Monotonie geprägt, dass man von einer Verdrängung sprechen muss.“

Ach, „muss“ man wirklich von „einer“ Verdrängung sprechen? Wozu diese kleinlaute Einschränkung? Der Autor ist sich offenbar bewusst, dass etwas mit seiner Argumentation nicht stimmt. Und in der Tat: Der Begriff der sozialen Verdrängung entstammt der soziologischen Debatte zur Stadtentwicklung und dient dort der Beschreibung des Bevölkerungsaustauschs in Quartieren, die von strukturellen Mietsteigerungen betroffen sind (Gentrifizierung). Aus dem Kontext gerissen verliert der Begriff seine präzise Funktion und wird zur effekthascherischen Floskel. „Verdrängung, das klingt irgendwie schlimm!“ werden sich viele denken und als nächstes lesen:

„Um es klar zu sagen: Es wäre genauso monoton, wenn dort statt türkischer nur Restaurants mit deutscher Hausmannskost oder Pizzerien angesiedelt wären. Attraktivität entsteht durch eine abwechslungsreiche Mischung.“

Leicht ist hinter dieser Argumentation eine Geisteshaltung zu erkennen, die ihr Ressentiment hinter leeren Formeln der Diversität versteckt. Die Unredlichkeit dieses Arguments ist offensichtlich: Wahre kulturelle Vielfalt bedeutet eine organisch aus dem Stadtteil hervorgegangene Gewerbelandschaft – und diese ist auf und um den Marktplatz gegeben. Verdrängung wäre es, wenn Stadt und andere Akteure versuchen würden, durch die Beeinflussung des Immobilienmarktes zugunsten erwünschter Lokale („gute“ Diversität) das Gepräge des Stadtteils künstlich umzugestalten. Und eben das geschieht ja auch im Fall des Jungbusch oder der Neckarstadt-West, wo eine multikulturelle, gewachsene Gewerbelandschaft und soziale Zusammensetzung nach und nach durch eine monotone, mittelständische Feier- und Arbeitskultur verdrängt werden. Städtische Institutionen, Investoren und lokale Akteure arbeiten hier zusammen und bewirken einen wirtschaftlichen Strukturwandel in den Quartieren, was zum fortschreitenden Austausch eines Teils der Bevölkerung führt. Eben dies beutetet Verdrängung.

Guter und schlechter Alkoholkonsum

Dass der Autor hier gerade den Alkoholkonsum zum Inbegriff der von Verdrängung bedrohten „einheimischen“ Kultur erklärt, ist besonders in einer Zeit bezeichnend, in welcher andernorts in der Stadt gegen Alkoholkonsum mobil gemacht wird; und das in einer Weise, die sich gegen sozial schwächere Gruppen richtet und somit durchaus mit dem Begriff der Verdrängung im eigentlichen Wortsinn zusammenhängt. Wie bei guter und schlechter Diversität wird dabei zwischen gutem und schlechtem Alkoholkonsum unterschieden. Guter Alkoholkonsum geschieht in Lokalen, fördert die Wirtschaft und ist dort gesellschaftlich akzeptiert, ja sogar erwünscht. Schlechter Alkoholkonsum geschieht auf der Straße, ist nicht besonders einträglich und wird meist von sozial abgehängten Individuen praktiziert und in der Folge kriminalisiert.

So kann es zu absurden Situationen kommen. Auf dem Neumarkt in der Neckarstadt-West ist nun Alkoholkonsum auf einer Seite der Blumenkübel, die die Geschäftsfläche des Lokals „Kiosk“ begrenzen, erlaubt und erwünscht. Zwei Meter weiter ist er jedoch seit einigen Wochen verboten und wird polizeilich geahndet.

Ärgerlich ist das für einige Bürger des Stadtteils, die hier ein Feierabendbier auf der Wiese zu trinken pflegten und die jetzt weiterziehen oder auf kommerzielle Alternativen mit Konzession ausweichen müssen, die von dem Verbot ausgenommen sind. Aber natürlich richtet sich das Verbot, wie im Fall der Verbotsversuche am Paradeplatz, vor allem gegen die sogenannte „Trinkerszene“, deren Präsenz auf dem Platz von vielen Bürgern als Zumutung empfunden wird.

Auf Nachfrage gab ein Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes an, dass die rechtliche Grundlage des Alkoholverbots der Paragraf 10 der Polizeiverordnung bildet, der Alkoholkonsum in „unmittelbare Nähe von Spielplätzen“ verbietet. Hinsichtlich der Anwendung des Paragrafen auf die Situation am Neumarkt wurde aber der angesprochene Mitarbeiter selbst stutzig, befindet sich der von der „Trinkerszene“ frequentierte Hotspot doch, vom Spielplatz aus gesehen, am entgegengesetzten Ende des geräumigen Platzes.

In einer Phase der gezielten Aufwertung der Neckarstadt-West, in welcher der Neumarkt zu einem attraktiven Aushängeschild für den Stadtteil werden soll und in der etwa das Mannheimer Kaffee-Startup „Pourista“ dort eine Neueröffnung plant, drängt sich die Vermutung auf, dass es sich hier um eine gezielte Maßnahme zur Beruhigung des Platzes und dessen Attraktivitätssteigerung für eine neue Klientel handelt.

Dass eine solche Verbotspolitik zur Lösung der der „Trinkerszene“ zugrundeliegenden sozialen Probleme nichts taugt, ist lange bekannt und wurde auch im Bezirksrat diskutiert, als dieser sich mit der Neugestaltung des Neumarkts beschäftigte. Dennoch tun sich auch viele progressiv denkende Einwohner schwer, wenn es um Solidarität mit der sogenannten „Trinkerszene“ geht. Wer kennt sie nicht: Die Szenen, das Geschrei, die Aggression, die in diesen Gruppen bisweilen zu beobachten ist und in aller Öffentlichkeit ausgelebt wird. Vielen fehlt das Verständnis für diese Menschen. Sie werden als störendes Element wahrgenommen. Können sie sich denn nicht zusammenreißen? Können sie nicht einer normalen Beschäftigung nachgehen? Dass diese ärgerlichen Verhaltensweisen zum suchtbedingten Krankheitsbild der Alkoholiker gehören, wird dabei oft gar nicht mehr wahrgenommen, sondern eher als persönliches Versagen gedeutet.

Eine solche – auch unter progressiven Bürgern verbreitete – Ignoranz verkennt die fundamentale Gleichursprünglichkeit von „gutem“ und „schlechtem“ Alkoholkonsum.

An diesem Punkt ist Schall recht zu geben: Alkoholkonsum ist ein elementarer Teil „unserer“ Kultur, insofern er von der Gesellschaft als Risikofaktor in Kauf genommen wird. Das notwendige Resultat dieses Risikos ist, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung einer Suchterkrankung zum Opfer fällt. Sind die Betroffenen Teil einer einkommensstarken Schicht, können sie lange als Alkoholiker „funktionieren“. Beginnt man seine Suchtkarriere jedoch schon als sozial Abgehängter, ist der Weg in die „Trinkerszene“ ungleich kürzer.

Heißt das, man solle nichts tun? Nicht unbedingt. An die „Szene“ gerichtete Betreuungsangebote sind vorhanden und werden auch genutzt. Attraktive Ausweichmöglichkeiten für die Betroffenen können und sollten gefördert werden. Letztlich ist aber auch das Teil einer authentischen und das heißt kompromisslosen Diversität: Die Akzeptanz und das Aushalten der sozialen Schattenseiten des Quartiers, das man sich als Wohnort ausgesucht hat, auch wenn das bisweilen unangenehm ist.

(Patrick Kokoszynski)




Erstes „Fest der Solidarität“ auf dem Neumarkt [mit Bildergalerie]

Am Samstag, 14. Juli fand zum ersten Mal das „Fest der Solidarität“ in Mannheim statt. Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Rassismus, Ausbeutung und Krieg“ setzte das Organisationsteam, das von mehr als 30 Vereinen, Parteien und Gruppierungen unterstützt wurde, ein neues Konzept um und veranstaltete ein alternatives Stadtteilfest auf dem zentralen Platz in der Neckarstadt-West.

DIDF hatte vor einigen Wochen das Projekt initiiert und stieß bei vielen auf offene Ohren. In kürzester Zeit wurde die Idee geboren und Vorbereitungen getroffen. Kern des politisch links geprägten Bürgerfestes waren Informationsstände zahlreicher Organisationen, ein buntes Bühnenprogramm mit Reden und kulturellen Beiträgen, außerdem Angebote für Kinder, Essen und Getränke.

Die Parteien und Vereine stellten an den Ständen ihre Arbeit vor und verteilten Lesestoff. Beim Offenen Antifa Treffen konnte man T-Shirts selbst bedrucken, nebenan beim „NSU-Tribunal“ wurde eine Aktion zum Gedenken an die Opfer des NSU und den über 200 weiteren, die seit den 90er Jahren von Nazis ermordet wurden, vorbereitet. Das Bündnis Mannheim gegen Rechts sammelte von den Gästen Ideen für Aktionen gegen die AfD bei der nächsten Kommunalwahl 2019. Der Verein Mannheim sagt Ja! initiierte einen Flashmob mit orangefarbenen Schwimmwesten und bekam viel Applaus, als die Aktivist*innen gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung über das Fest demonstrierten. Bei den Falken konnten sich die Kleinen auf der Hüpfburg austoben, DIDF hatte Mal- und Bastelangebote und sorgte nebenan für das leibliche Wohl der Gäste.

Von 14 bis 21 Uhr wurde ein Bühnenprogramm geboten, das mit politischen Reden, Musik und Lesungen unterhielt. Themen aus dem Stadtteil nahmen dabei einen großen Stellenwert ein. In der Mittagshitze war es auf dem ausgetrockneten Rasenplatz ohne Schatten schwer auszuhalten. Etwas Erfrischung brachte der selbstgemachte Eistee am Stand des Offenen Antifa Treffens oder ein Eis an einem der zahlreichen Kioske, die es in der Neckarstadt-West gibt. Im Laufe des Nachmittags füllte sich der anfangs noch recht leere Platz zunehmend. Ein Mitmach-Tanzkurs sorgte in der Abendsonne für entspannte Stimmung und gute Laune. Viele Bewohner*innen des Stadtteils waren mittlerweile hinzu gekommen, angezogen von Musik und Hüpfburg.

Das Fest konnte auch eine Lücke im Stadtteil nutzen. Der Bürgerverein, Veranstalter der Neckarstädter Stadtteilfeste in den letzten Jahren (auf dem Alten Messplatz), befindet sich zur Zeit in einer Krise und musste sein diesjähriges Fest absagen. Das Fest der Solidarität will sicherlich keine Konkurrenzveranstaltung dazu sein, sehr wohl aber ein weiteres Angebot für den Stadtteil zur Kommunikation, Integration und Begegnung der Menschen miteinander. Mit wem man auch sprach, Gäste, Standbetreiber*innen und Organisator*innen, alle werteten den ersten Versuch des „Fest der Solidarität“ als Erfolg. Viele Ideen und Verbesserungsvorschläge wurden bereits gesammelt, eine Fortsetzung im nächsten Jahr scheint offenbar schon ziemlich sicher zu sein.

(Text: cki | Bilder: cr & cki)

 

Bildergalerie

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Neckarstadt-West: Ein Stadtteil in langsamer Veränderung

Traurige Nachricht: Etwa ein Drittel des Pappelbestands am Neckarufer wird gefällt

Veränderungen wird es geben, soviel ist sicher. Aber die Entwicklungen im Stadtteil gehen mit kleinen Schritten voran. Das war eine Erkenntnis aus der Bezirksbeiratssitzung, die am Mittwoch, 31. Januar 2018 im Bürgerhaus Neckarstadt-West tagte. Den Anwesenden wurde von Vertreter*innen der Stadtverwaltung viel Positives zur Quartiersentwicklung aus den Bereichen Bildung, Kultur und Stadtgestaltung berichtet. Doch große Sprünge gibt es bisher nicht. Auch Rückschläge, wie die Absage zur Ansiedlung der Stadtbibliothek am Alten Messplatz waren Thema und die ganz schlechte Nachricht kam zum Schluss: Der Baumbestand am Neckarufer wird drastisch reduziert. Wegen Pilzbefall muss etwa ein Drittel der Pappeln zwischen Kurpfalz- und Jungbuschbrücke gefällt werden, in Zukunft möglicherweise sogar noch mehr. Immerhin: Neue Bäume sollen ab Herbst nachgepflanzt werden.

Drei große Themen bestimmten die Tagesordnung der gut zwei Stunden dauernden Bezirksbeiratssitzung: Die Vorstellung der Aktivitäten der neu gegründeten Arbeitsgruppe „Lokale Stadterneuerung“, die Entwicklung der Schullandschaft und der aktuelle Stand zum Marchivum, das zur Zeit am Neckarufer, östlich der Jungbuschbrücke gebaut wird.

Initiativen der Stadt: „Lokale Stadterneuerung“

Zentraler Ort der Neckarstadt-West: Der Neumarkt. Links der Kulturkiosk, im Hintergrund die Neckarschule

Zuerst berichteten die Leiter der Arbeitsgruppe „Lokale Stadterneuerung“ Achim Judt (Geschäftsführer MWSP) und Petar Drakul (Referent des Oberbürgermeisters) von bisherigen Aktivitäten. Zur Umsetzung der Ziele Stabilisierung und Aufwertung des „lebenswerten Stadtteils“ seien zahlreiche Gespräche mit Akteuren der Neckarstadt geführt und Projekte angestoßen worden, beispielsweise in den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur. Die Orte Neckarvorland, Neumarkt, Mittelstraße, Altes Volksbad, ehemaliges Sparkassen-Gebäude, Marchivum und Kaisergarten seien Schwerpunkte in den Bemühungen zur Weiterentwicklung. Für das Sparkassen-Gebäude in der Mittelstraße sei eine Nachnutzung durch den städtischen Bürgerservice vorgesehen. Mit der Kirche, Besitzerin des Kaisergartens, habe es konstruktive Gespräche zur Nutzung des traditionsreichen Gebäudes gegeben. Allerdings sei mit erheblichem Renovierungsaufwand bei geschätzten Kosten von mehr als 1 Million zu rechnen.

Aus dem Bereich Jugendförderung wurde das Projekt „Rock the block“ vorgestellt, das von der Alten Feuerwache in den Räumen des Bürgerhauses am Neumarkt durchgeführt wird. Bei dieser offenen Tanzwerkstatt werden Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil zur Teilnahme animiert. Die integrative Hip Hop Kultur soll Zugänge zu jungen Menschen schaffen, die bisher schwer erreichbar waren und damit neue Netzwerke knüpfen, beispielsweise auch zu den Eltern. „Das gelingt sehr gut. Wir haben bei der Lichtmeile Werbung gemacht und seitdem kommen regelmäßig Kinder und Jugendliche zu den Trainings, darunter auch Zaungäste, die uns durch die Fenster des Bürgerhauses sehen. Die Eltern holen die Kinder ab, da kommen wir ins Gespräch“, berichtete die Leiterin des Projekts, das Teil eines 3-Bausteine-Plans ist.

Die Arbeitsgruppe „Lokale Stadterneuerung“ strukturiert diese aufgrund einer Bedarfsanalyse in A „Kultur, Tanz, Musik“, B „Sport, Bewegung, Gesundheit“ und C „Vernetzung, Jugendbüro, Verein“. Von große Sprüngen konnten Drakul und Judt allerdings noch nicht berichten. Sie betonten, dass die Aufwertungsmaßnahmen Zeit bräuchten, bis sie wirken und Stadtentwicklung ein Projekt über Jahre sei.

Fortschritte in der Bildungslandschaft: Ganztagsschule auf dem Tankstellengelände und ambitionierte Ideen für das Marchivum

Auf dem ehemaligen Tankstellengelände soll ein Neubau für die Humboldtgrundschule entstehen. Im Hintergund das renovierungsbedürftige Stammgebäude.

Nächster großer Punkt auf der Tagesordnung war das Schulentwicklungskonzept im Stadtteil. Die Verwaltung nahm insbesondere zur Humboldtschule, Hans-Zulliger-Schule und Marie-Curie-Schule Stellung. Kern der Planungen in den nächsten Jahren sei der Ausbau der Humboldtgrundschule zur Ganztagsschule und zwar in einem Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Tankstelle in der Waldhofstraße, berichtete Lutz Jahre, Leiter des Fachbereich Bildung. Die weiterführende Humboldtschule und die Marie-Curie-Schule könnten in einer fusionierten, noch zu bestimmenden Schulform – denkbar seien Realschule oder Gemeinschaftsschule – im sanierten Gebäude (Altbau/Stammgebäude) der Humboldtschule zusammen kommen. Eine solche Entwicklung sei realistischerweise aber nicht vor 2025 umgesetzt. Für den Neubau werden Kosten von 15 Millionen, für die Sanierung des Stammgebäudes 30 Millionen Euro geschätzt. Die Neckarschule spricht sich zum aktuellen Zeitpunkt gegen eine Ganztagesschulform aus. Hinsichtlich der Hans-Zulliger-Schule gäbe es keinen (baulichen) Erweiterungsbedarf.

Rund ums Marchivum wird noch fleißig gebaut. Der Vorplatz soll öffentlicher Treffpunkt werden.

Ebenfalls als Bildungseinrichtung versteht sich das Marchivum, das neue, erweiterte Stadtarchiv, das zur Zeit im Hochbunker an der Jungbuschbrücke gebaut wird. Der Neubau schreitet zügig voran, es wird bereits Archivmaterial vom alten Stadtarchiv ins Marchivum umgezogen. Einer Eröffnung sieht Dr. Christoph Popp in den nächsten Monaten entgegen. Begeistert berichtete er von den teils schon umgesetzten, teils noch geplanten baulichen Maßnahmen, die das Marchivum mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft in Verbindung setzen. Ein großzügiger Vorplatz mit Integration des Baumbestands soll zum Aufenthalt vor dem Gebäude einladen. Der Platz soll gleichzeitig eine offene Verbindung des Stadtteils zum Neckarvorland werden. An der Ecke Fröhlichstraße soll ein weiterer Außenbereich mit Aufenthaltsqualität entstehen, der zudem Bildungsort sein wird, beispielsweise ein Startpunkt für Schülergruppen, die ins Marchivum kommen. Bisher lediglich geplant und noch nicht realisiert ist ein offener Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich im Erdgeschoss, der auch Gastronomie, Proberäume und Co-Working-Space bietet und sich damit explizit an Externe aus dem Stadtteil richtet. „Das können Sie noch gar nicht kennen, da es heute zum ersten mal der Öffentlichkeit präsentiert wird“, berichtete Popp. Ebenfalls bisher lediglich als Wunsch existiert das sogenannte „Lichtband“, mit dem die Unterführung unter der Jungbuschbrücke künstlerisch aufgehellt und freundlich gestaltet werden könnte. „Die 700 000 Euro dafür haben wir leider nicht, unser Leiter ist aber sehr engagiert dabei, das Geld bei privaten Spendern einzuwerben.“ Der Stadtteil wurde in diesem Rahmen jedenfalls bereits ins neue Marchivum eingeladen und der Bezirksbeirat könne gerne auch zukünftige Sitzungen im dortigen Tagungsraum abhalten. „Wir freuen uns auf die Eröffnung. Für uns ist die Neckarstadt-West jedenfalls keine No-Go-Area, sonst hätten wir uns nicht für diesen Standort entschlossen“, schloss der Stadtarchivar seinen Bericht in Anspielung auf die populistischen Entgleisungen in den reißerischen Berichten über den Stadtteil der vergangenen Jahre.

Aufwertung ja, aber für wen?

Ein künstlerisches „Lichtband“ soll die Unterführung unter der Jungbuschbrücke nachts erhellen. Noch fehlen dafür die 700 000 Euro.

Die Aufwertung eines abgehängten, benachteiligten Stadtteils mit vielfältigen Problemlagen ist selbstverständlich im Sinne aller Bewohner. Die Stadt geht bei vielen Projekten in die richtige Richtung, fördert Bildung, Kultur, Netzwerke der Bewohnerschaft und die Idee der Vielfalt und des gegenseitigen Respekts. Doch eine langfristige Entwicklung ist schwer abzusehen. Die Instrumente der Stadt, der politischen und gesellschaftlichen Akteure greifen nur in manchen Bereichen. In der Wohnungspolitik hat die Stadt weniger Möglichkeiten und keines der genannten Projekte hat dieses Thema bisher im Fokus. Dabei ist es bereits heute wichtig, die Weichen so zu stellen, dass aus der Neckarstadt-West kein zweiter Jungbusch wird. Vieles was die Menschen heute in der Neckarstadt schätzen, prägte den Jungbusch vor zehn, zwanzig Jahren: Günstige Mieten, vielfältige, junge Bewohnerschaft, Leben auf der Straße, Kneipen und Kultur, Multikulti-Image, zwanglose Nachbarschaft und urbane Prägung.

Im Jungbusch wurde der Stadtteil mit gezielten Maßnahmen aufgewertet. In einigen Bereichen wurden ähnliche Konzepte verfolgt, wie es die Stadt heute in der Neckarstadt-West versucht. Die Folgen im Jungbusch waren rasant steigende Mieten, ein familienunfreundliches Umfeld durch die Entwicklung zur Partymeile und eine Ausbeutung der Stärken und des Image des Stadtteils, durch Zugezogene auf dem Rücken der angestammten Bewohnerschaft – von denen viele den Stadtteil mittlerweile verlassen haben.

Wenn die Neckarstadt ein „lebenswerter Stadtteil“ bleiben will, wie es die Leiter der Arbeitsgruppe Stadtentwicklung betonten, und zwar für die Menschen, die heute hier leben, dann dürfen nicht die gleichen Fehler, wie im Jungbusch gemacht werden.

(Text & Bilder: cki)