Die Menschen vor lauter Zielgruppen nicht sehen – eine Milieukritik

Im Rahmen der lokalen Stadterneuerung (LOS) nutzt die Stadt Mannheim seit Jahren Milieumodelle für eine gezieltere Stadtteilpolitik. Auch im dieses Jahr veröffentlichten „Weißbuch 2023 – Raumorientierte Politik und Teilhabe in Mannheim“ spielt die Milieuanalyse eine wichtige Rolle. Kritik daran wird jedoch leichtfertig abgewiesen und die Begrenztheit von Milieuanalysen findet kaum Berücksichtigung. Dadurch geraten die Verhältnisse gerade in ärmeren Stadtteilen aus dem Blick.

Quelle: www.mwsp-mannheim.de

In einem Abschnitt mit dem Titel „Milieuanalysen“ heißt es auf Seite 23 im Weißbuch der Stadt Mannheim zu LOS²:

„Zentral für das Aktivierungspotential sind Milieuanalysen, die zeigen, dass der Lebensstil wichtiger ist, als die rein statistisch-empirische Lebenslage.“

Doch zeigen Milieuanalysen wirklich, dass Lebensstil wichtiger ist als Lebenslage? Und wenn ja, für wen? Die befragten Menschen oder die politischen Akteur:innen?

Woraus besteht Gesellschaft?

Zunächst ein paar Hintergründe zu Milieuanalysen. Milieuanalysen haben seit den 1970/1980ern als Instrument der Sozialstrukturanalyse an Popularität gewonnen. Die Sozialstrukturanalyse ist ein Kerninstrument der Sozialforschung und versucht eine Gesellschaft oder Bevölkerung nach bestimmten Kriterien zu unterteilen, um Modelle der Gesellschaft abzuleiten. Die Unterteilung kann unterschiedliche Perspektiven einnehmen und nach verschiedenen Merkmalen vorgenommen werden. Zum Beispiel nach Verfügung über die Produktionsmittel, wie Modelle der Klassengesellschaft oder nach Einkommen und Vermögen, wie Schichtmodelle. Aussagen darüber, ob ein Modell „wichtiger“ ist als ein anderes oder, ob eines richtige und das andere falsche Erkenntnisse liefert, verkennen, dass jedes Analyseinstrument von verschiedenen Erkenntnisinteressen geleitet ist, unterschiedliche Aspekte in den Blick nimmt und deshalb auch besondere blinde Flecken aufweist, was die Aussagekraft jedes Modells begrenzt. Das gilt genau so für Milieumodelle. In diesen werden Menschen gezielt und überwiegend nach ihren Einstellungen und Lebensstilen befragt, während ökonomische Faktoren eine untergeordnete Rolle spielen. Aus diesen Angaben dann zu schließen, Lebensstile seien „wichtiger“, ist ein Zirkelschluss und zeugt von mangelnder Fähigkeit zur Analyse empirischer Forschungsergebnisse und wissenschaftlicher Modelle.

Milieuanalysen haben Schicht- oder Klassenanalysen nicht abgelöst oder überflüssig gemacht, sondern im besten Fall ergänzt, weil sie andere Aspekte der Gesellschaft in den Blick nehmen. Deshalb führen sie auch zu anderen Deutungen und politischen Forderungen. Dass zum Beispiel Schichtzugehörigkeit auch in Milieuanalysen eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich daran, dass die Lebenslage auch bei den Milieuanalysen der Stadt Mannheim eine der beiden Achsen darstellt, auf denen die Milieus abgebildet werden. Diese Achse unterteilt sich in Oberschicht/obere Mittelschicht, mittlere Mittelschicht und untere Mittelschicht/Unterschicht. Das bedeutet im Endeffekt, dass Milieu-Analysen ohne ein Verständnis von Schichtmodellen kaum denkbar wären. Wie aus der Grafik ersichtlich ist die Soziale Lage auch für die SINUS- Milieus eine relevante Kategorie zur Darstellung ihrer Analyse.

Die Sinus-Milieus.

SINUS-Milieus in Deutschland Quelle: www.sinus-institut.de

Die Stadt Mannheim veröffentlicht auf ihrer Homepage Daten zu sogenannten SINUS-Milieus, die von der Michael Bauer Micromarketing GmbH bereitgestellt werden.

Diese Form der Milieuanalyse wurde in den 1980ern vom SINUS-Institut entwickelt und hat es zum vermutlich meistverwendeten und zitierten Milieumodell in Deutschland gebracht. Für das SINUS-Institut spielt die Zielgruppenoptimierung in der Produktentwicklung, dem Marketing und der Kommunikationsplanung eine große Rolle. Dazu gehen die Autor:innen des Weißbuchs jedoch direkt in eine Verteidigungshaltung über, wenn sie schreiben …

„Milieuanalysen [werden] zu schnell als Bewertungen von Menschen auf Verkaufs- und Werbestrategien betrachtet oder reduziert“ (Weißbuch S. 23)

Diese vorauseilende Verteidigung wirkt etwas merkwürdig angesichts dessen, was das Institut selbst veröffentlicht und dass die Stadt Mannheim ihre Daten von einer Marketingagentur erhält. Laut Homepage des SINUS-Instituts setzen SINUS-Milieus den „Goldstandard der Zielgruppensegmentation“ und bieten sich an zur Verwendung für:

„Marketing, strategische Zielgruppen, Personas/Personen, Produkte, Marken und Ideen, Touchpoints, Themen, Ansprache, Wachstumspotentiale“ (www.sinus-institut.de/sinus-milieus)

Natürlich lassen sich die Ergebnisse der Analysen vielseitig und auch sozialwissenschaftlich nutzen, aber die allgemeine Schlagrichtung oder wer vorrangige Zielgruppen des SINUS-Instituts sind, wird deutlich. Darin ist das Institut offener und transparenter in Bezug auf die eigene Ausrichtung, als die Stadt Mannheim, die diesen Aspekt kleinzureden versucht. Ehrlicher wäre nämlich, diese Kritik an den SINUS-Milieus anzuerkennen und im eigenen Handeln zu berücksichtigen. Zudem hätte die Stadt Mannheim auch die Möglichkeit gehabt weitere Perspektiven auf Milieustudien zu berücksichtigen. Man sollte anerkennen, dass das SINUS-Institut auf diesem Feld durchaus eine Pionierrolle übernommen hat, aber auch berücksichtigen, dass wissenschaftliche Kriterien, wie zum Beispiel Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit, mit der Begründung von „Geschäftsgeheimnissen“, nur unzureichend erfüllt werden.

Milieuanalyse und ihre Grenzen.

Neben dieser handwerklichen Kritik werden Milieustudien auch in den Sozialwissenschaften seit Jahrzehnten diskutiert und weiterentwickelt. So fasst zum Beispiel Rainer Geißler Kritik an Milieuanalysen folgendermaßen zusammen:

  • Sozialstrukturelle Lebenschancenforschung verengt sich zu kultursoziologischer Lebensstil

Dadurch geht der Zusammenhang zwischen objektiven Ressourcen wie Einkommen und Vermögen und den individuell möglichen Lebensstilen verloren. Um zum Leitmilieu zu gehören, braucht es eine gewisse ökonomische Ausstattung. So verwundert es überhaupt nicht, dass diese in einkommensstarken Stadtteilen eher vertreten sind, wie auch die Autor:innen des Weißbuchs feststellen. Das Milieu der Postmateriellen wird man wohl ebenso eher in der oberen Mittelschicht wiederfinden, also dort wo materielle Sorgen keine große Rolle spielen dürften.

  • Sozialkritische Ungleichheitsforschung verwandelt sich in unverbindliche Vielfaltsforschung

Die problematische Ungleichheit der Lebensbedingungen wird von Aspekten der Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten und Lebensstilen und von der Freude über die bunte Fülle der Lebensformen verdrängt. Der gesellschaftskritische Gehalt von Sozialstrukturanalysen geht damit verloren und Fragen nach sozialer Gerechtigkeit verkommen zu Fragen nach dem richtigen Mischungsverhältnis von Milieus und Lebensstilen.

Geißler fügt außerdem hinzu, dass solche Modelle hauptsächlich von denen vertreten werden, die selbst aus den tragenden, privilegierten Schichten der Dienstleistungsgesellschaft stammen. Dadurch besteht das Risiko, dass diese ihren „Lebensstil“ und ihre „Grundorientierungen“ tendenziell versuchen zu bestätigen und zu fördern. Wenn die eigene Existenz abgesichert und ein bestimmter gesellschaftlicher Status gefestigt scheint, kann man sich schließlich auch leichter unverbindlichen Begriffen wie urbaner Vielfalt widmen, um den eigenen Stadtteil „bunter“ zu machen.

Erhebung und Interpretation sind mindestens zwei Paar Schuhe.

Dass die Wissenschaftlichkeit empirischer Erhebungen, wie z.B. von Milieuanalysen, nicht automatisch auch wissenschaftlich fundierte Analysen der Ergebnisse hervorbringt, zeigen die Autor:innen des Weißbuchs im Hinblick auf die Milieustudien deutlich. Dabei würde es den Verantwortlichen der Stadt guttun, ihre Berichte und Veröffentlichungen vielseitiger zu fundieren und in eine verständlichere Sprache zu bringen, statt sie mit groß klingenden, aber unklaren Begriffen zu schmücken. Mit dieser Ausdrucksweise geht nämlich nicht nur einher, dass solche Berichte vorwiegend an bestimmte Zielgruppen (Leitmilieus?) gerichtet sind, sondern, dass andere Gruppen (hätten sie sich doch mehr um ihre Bildung gekümmert) ausgeschlossen werden.

Stellenweise entsteht der Eindruck, dass das permanente Hervorheben der Bedeutung von Milieuanalysen der Stadt Mannheim – „greifen weiter als die nackten Zahlen“ – als Deckmantel für die dann doch eher dürftigen Maßnahmen und Forderungen dienen sollen, die sich aus ihnen ergeben. Der Gebrauch von Formulierungen, die dann doch mehr nach Marketing klingen, konterkariert doch die Aussage, dass es nicht um Verkaufs- und Werbestrategien für eine bestimmte Stadtteilpolitik ginge. Wäre man von der Sinnhaftigkeit und dem Inhalt von Begriffen wie Demokratie, Bildung oder Chancengerechtigkeit überzeugt, bräuchte es ein solches Marketing überhaupt nicht. Als Beispiel für das sowohl inhaltliche als auch rhetorische Wirrwarr, das sich stattdessen im Weißbuch immer wieder findet, ist folgender Abschnitt:

„Die Zielsetzungen der Stadtteilpolitik orientieren sich nicht an nackten Daten, sondern deren „Impact“ für die demokratischen Grundlagen von Chancengleichheit und das Gemeinwesen. Wo dies von den Menschen vor Ort alleine nicht mehr geleistet wird, nicht mehr gesehen wird, die schiere Not sie dies nicht sehen lässt, sie absorbiert sind von ihrem Alltag und die Chancen ihrer Kinder verspielen, wo Grundgesetznormen wie Respekt, Würde, Gleichberechtigung nicht mehr erlebt werden, dort ist staatliche Intervention geboten“ (Weißbuch S. 23)

  • Auch bei den Milieu-Analysen handelt es sich um empirisch gewonnene Daten, die erstmal „nackt“ sind, da letztlich nur eine Annäherung an die Zusammensetzung einer Gesellschaft stattfindet und selbst Milieus dermaßen heterogene Gebilde darstellen, die kaum verlässliche Aussagen über einzelne Menschen und deren Verhalten zulassen.
  • Die Bedeutung des Wortes „Impact“ ist wohl selbst den Autor:innen nicht ganz klar, sodass dieses vorsichtshalber in Anführungszeichen gesetzt wurde. (Dasselbe gilt an anderer Stelle auch für den Begriff Demokratie)
  • Dass es für Chancengleichheit nicht nur demokratische Grundlagen braucht, sondern vor allem (ökonomische) Ressourcen ist mittlerweile hinreichend belegt. Menschen werden nicht abgehängt, weil sie sich nicht demokratische engagieren, sondern sie nehmen nicht mehr an demokratischen Prozessen teil oder wenden sich Demokratiefeinden zu, weil sie abgehängt wurden, was nachweislich mit zunehmender Armut und existenziellen Ängsten zusammenhängt.
  • Apropos demokratische Grundlagen: In welcher Grundgesetznorm ist nochmal Respekt verankert? Oder handelt es sich dabei nicht, um einen Wertebegriff, der von Milieu zu Milieu unterschiedliche Bedeutungen haben kann und unterschiedliche Handlungen umfasst? Dass Primat der Achtung der Menschenwürde richtet sich zudem an die staatliche Gewalt und nicht an „Menschen vor Ort“.
  • Der Vorwurf, dass es dann diejenigen Menschen in „schierer Not“ selbst seien, die die Chancen ihrer Kinder verspielen, zeugt von Ignoranz und Dreistigkeit gegenüber gesellschaftlichen Verhältnissen und ist im Grunde Beleg für die Kritik, Milieuanalysen würden objektive Lebenslagen aus dem Blick geraten lassen. Armut ist aber kein Lebensstil und Milieuzugehörigkeit ist nicht nur eine Frage der individuellen Entscheidung.

Zum Schluss.

Zur Verteidigung von Milieuanalyse bleibt zu sagen, dass sie für bestimmte Erkenntnisse durchaus gut geeignet sind und auch in vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen rezipiert werden.  Gerade die Langzeitstudien des SINUS-Instituts haben gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen sichtbar machen können, die im Rahmen von Klassen- oder Schichtanalysen kaum erfassbar wären. Trotzdem stellen sie nur ein Modell unter vielen dar, sodass von ihnen weder von DER Milieuanalyse gesprochen kann, wie vom SINUS-Institut als DER Forschung. Andere Milieuanalysen nehmen zum Beispiel auch deutlicher Aspekte wie Macht-Verhältnisse oder Ausschluss- und Aufstiegschancen in den Blick. Die ökonomischen Entwicklungen seit den 1990ern und die zunehmende Verteilungsungerechtigkeit haben auch für einen Aufschwung von Schichtanalysen oder die Wiederentdeckung des Klassenbegriffs geführt.

Zur Erklärung, was die Bewohner:innen eines Stadtteils wirklich brauchen, taugt allein die Erhebung von SINUS-Milieus allerdings nur bedingt. Dabei käme es gerade auf ihre Perspektive und Interpretation an. Was das sogenannte prekäre Milieu in erster Linie vermutlich nicht braucht, ist eine bessere Ansprache, Formate von Scheinbeteiligung, Appelle an mehr Eigenverantwortung (was immer weniger Unterstützung bedeutet) oder gar Schuldzuweisungen, dass sie es seien, die die Zukunft ihrer Kinder verspielen. Für die Erkenntnisse, dass Armut in erster Linie eine Frage der ökonomischen Ausstattung und der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums ist und keine der individuellen Grundüberzeugungen und Kultur oder, dass unser derzeitiges Bildungssystem die Schichtung und Ungleichheiten unserer Gesellschaft eher manifestiert, statt für gerechte Chancen zu sorgen, braucht es beileibe keine Milieuanalysen.

Es wäre also deutlich sinnvoller, Ressourcen dafür zu investieren, wirklich mit den Bewohner:innen in Kontakt zu kommen und Maßnahmen zu entwickeln – zum Beispiel aktiv dafür zu sorgen, dass allen berechtigten der Anspruch auf Wohngeld oder Bürgergeld erfüllt wird oder dass die Mieten in armen Stadtteilen nicht weiter steigen, auch nicht in durchschnittlichem Maße – statt Berichte herauszubringen, die für einen Großteil der Bevölkerung kaum verständlich sind und mit überschwänglicher Rhetorik und scheinwissenschaftlichen Tenor versuchen die eigene Agenda zu rechtfertigen, ohne an den „nackten Daten“ und damit den Lebensbedingungen der Menschen in armutsbetroffenen Stadtteilen etwas zu ändern. Es mag sein, dass der Kommunalpolitik hierfür die Mittel und rechtlichen Grundlagen fehlen. Dann wäre es jedoch deutlich demokratischer dies offen zu kommunizieren und sich gemeinsam für eine bessere Ausstattung der Kommunen oder die Überwindung des Schuldenbremsenfetischismus einzusetzen und für soziale Veränderungen zu streiten, statt die beschränkten Möglichkeiten als vielfaltssensible Stadtteilpolitik zu vermarkten.

Text: DeBe

Quellen:

www.mwsp-mannheim.de

www.mwsp-mannheim.de/weissbuch-fuer-los%C2%B2-um-der-vielfalt-des-stadtteils-gerecht-zu-werden/

www.sinus-insitut.de

Geißler, Rainer (2006): Die Sozialstruktur Deutschlands. 4. Auflage.




930 Euro für ein Zimmer am Neuen Messplatz

Schöner Wohnen ab 640 Euro für ein WG-Zimmer – Campus68 am Neuen Messplatz

Bei den wohnungspolitischen Initiativen wird diskutiert, ob zehn, 12 oder 14 Euro pro Quadratmeter als teure Mietpreise zu beurteilen sind. Am Neuen Messplatz muss künftig in ganz anderen Dimensionen gerechnet werden. Ein neues, privates Studierendenwohnheim in der Käthe-Kollwitz-Straße 15 bietet per Inserat bei „immonet.de“ Zimmer ab 21 Euro pro Quadratmeter an. Zuzüglich Nebenkosten müssen dort monatlich 780 Euro für ein WG-Zimmer gezahlt werden und selbst dann ist man noch in der untersten Kategorie. Wer sich Superior+ leisten kann, zahlt 930 Euro im Monat.

Wer es sich leisten kann…

Das private Wohnheim gegenüber einer Brachfläche, die bald bebaut werden soll

Für das Geld wird den jungen Menschen einiges geboten. Das Campus68 – so nennt sich das private Wohnheim – wirbt mit allerlei Extras: „Der Sprung in den Pool, Körbe werfen auf dem Basketballcourt, Yoga oder Calesthenics im Garten. Co-Working im Media Center und gesundes Essen in der Mensa. Du entscheidest. (…) Music Studio, Games corner, Fitness area: Du öffnest Dir mit personalisiertem Transponder jene Türen, die Dir Spaß bringen.“

Wenn die vermutlich recht wohlhabenden künftigen Bewohner*innen von Campus68 in die Käthe-Kollwitz-Straße einziehen, wird sich mit ihnen unweigerlich die Sozialstruktur verändern. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt, in welche Richtung es geht. Bevor es zum Luxuswohnheim umgebaut wurde, lebten in der Käthe-Kollwitz-Straße 15 unbegleitete minderjährige Geflüchtete, deren sozioökonomische Lage vermutlich das komplette Gegenteil der neuen Zielgruppe war. Auch davor wurde die Immobilie als Wohnheim genutzt, zuletzt als Internat der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit.

Bei einem abendlichen Besuch am Campus68 ist dann auch schon einiges los. Jungs mit Sporttaschen kommen und gehen, Lichterketten leuchten über dem Pool, aus dem Garten hört man Gelächter. Campus68 soll eine Kooperation mit dem Nachwuchs der Mannheimer Profi-Eishockeyspieler unterhalten. Das zeigt auch eine Fahne des Vereins, die stolz neben dem Mannheimer Stadtwappen weht. Dort zu wohnen ist sicherlich sehr angenehm… wenn man es sich leisten kann.

Asphalt soweit das Auge reicht; eigentlich nicht die beste Wohngegend

Teures Wohnen und soziales Engagement

Doch wie kam Projektentwickler Oguzhan Alan an die Immobilie in der Käthe-Kollwitz-Straße? Verkauft wurde sie ihm von den Immobilienverwertern Boxheimer und Scheuermann, die sie vermutlich aus Bundesbeständen gekauft hatten. Scheuermann wollte dort eigentlich Wohnungsbau betreiben, was die Stadt Mannheim allerdings durch eine Änderungssperre verhindert hatte. Grund dafür waren Befürchtungen, dass sich die künftigen Anwohner*innen über Veranstaltungen auf dem Neuen Messplatz beschweren könnten (laute Großveranstaltungen, wie die Mess usw). Die Ansiedlung eines Luxusstudierendenwohnheims könnte der geschickte Kniff eines Immobilienentwicklers sein: Wenn es mit klassischen Wohnungen nicht klappt, könnte die Immobilie mit neuem Konzept doch noch Rendite abwerfen. Ob der Plan mit dem Luxuswohnheim aufgeht?

Innerhalb der Schranken Beton und Asphalt, außenrum stehen dicht gedrängt die LKWs

Hinter Campus68 steht die Alan GmbH & Co. KG, eine Mannheimer Immobiliengesellschaft, die Projekte in der Neckarstadt und im Jungbusch entwickelt. Auch das Projekt Alan Park Residenz, der Umbau des ehemaligen GBG-Verwaltungsgebäudes im Ulmenweg, geht auf eine Zusammenarbeit mit Boxheimer und Scheuermann zurück, von denen Alan die Immobilie erwarb. Das Verwaltungsgebäude der Alan GmbH & Co. KG ist mittlerweile am Campus68 in der Käthe-Kollwitz-Straße angesiedelt. Eine Edel-Villa am Luisenpark wird als „Headquarter“ von Alan & Söhne bezeichnet.

Geschäftsführer Oguzhan Alan schärft sein Profil mit sozialem Engagement und fördert Jugendarbeit, Sport sowie verschiedene karitative Einrichtungen in Mannheim und Nevsehir (Türkei). Auch sozialer Wohnungsbau werde laut Selbstdarstellung auf der Webseite der Alan GmbH unterstützt.

Neuer Messplatz: LKWs müssen draußen bleiben, die Kinder werden sich freuen

Was passiert noch am Neuen Messplatz?

Max-Josef-Straße

Die größte Veränderung der jüngsten Zeit erlebte der Neue Messplatz mit der Komplettsperrung des weitläufigen, asphaltierten Areals, das für Großveranstaltungen bereit steht. In den vergangenen Jahren wurde der Platz – im Alltag war er selten komplett belegt – vor allem von LKW-Fahrern als Park- und Rastplatz in der Stadt genutzt. Kostenloses Parken, gute Einkaufsmöglichkeiten und die Vorteile einer Stadt waren für viele Kraftfahrer eine echte Alternative zu den teuren Rasthöfen an den Autobahnen. Dazu kommt, dass es rund um Mannheim nur wenige Autobahnparkplätze gibt.

Doch Anwohner*innen hatten mit Unterstützung der CDU 2019 eine Sperrung des Platzes für LKW erreicht, die seitdem verzweifelt in der Neckarstadt umher fahren und die umliegenden Straßen blockieren. Eine Alternative wurde nicht geschaffen. Auch für Obdachlose, die unter den Überdachungen der Häuschen auf dem Platz übernachten, könnte es in Zukunft schwieriger werden.

In die Aufwertung des Neuen Messplatz soll 2023 Schwung kommen. Der Gemeinderat stellte dafür Geld im Haushalt bereit. Bis 2022 soll ein Konzept erarbeitet werden. Ideen gibt es. Eine Allee soll die Waldhofstraße mit der Multihalle im Herzogenriedpark verbinden. Konkretere Pläne sind bisher nicht bekannt.

Ob es weitere Verdrängungen geben wird, ob der Fortbestand des JUZ Friedrich Dürr am dortigen Standort gesichert ist, welche Auswirkungen Projekte, wie Campus68 oder die geplante Bebauung der Freifläche in der Heinrich-Zille-Straße haben werden, muss die Zukunft zeigen. Ist das schon Gentrifizierung? Zumindest keine im klassischen Sinn. Doch erste Betroffene der Aufwertung sind wie immer die Schwachen der Gesellschaft, in diesem Fall zunächst einmal die LKW-Fahrer, deren Güter zwar alle haben wollen, die mit ihren LKWs aber nirgendwo stehen sollen. (cki)

 

 




Podiumsdiskussion „Der Kampf um Wohnraum in der Neckarstadt“

Die Verdrängung von Mieter*innen aus zentrumsnahem Wohnraum und andere derartige unter dem Stichwort „Gentrifizierung“ zusammengefassten Prozesse sind auch in Mannheim bereits in vollem Gange und aktuell besonders in der Neckarstadt-West zu spüren. Genau um die Perspektive dieses Stadtviertels jenseits des profitorientierten Wohnens soll es in dieser Podiumsdiskussion gehen, auf der Roland Schuster (Die Linke), Jennifer Yeboah (Quartiersmanagement Neckarstadt-West), Andreas Hauk (Mietshäusersyndikat/SWK Mannheim) und Vincent Horlacher (Offenes Stadtteiltreffen Neckarstadt) gemeinsam über Analysen und Lösungswege für die Zukunft der Neckarstadt-West diskutieren.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Aktionswoche des Offenen Stadtteiltreffen Neckarstadt (OST) statt und ist eine Kooperationsveranstaltung mit Kommunalinfo Mannheim.

Podiumsdiskussion am 27. März | 18 Uhr | Online Veranstaltung über Youtube: https://youtu.be/ikI2Cd0EucI

Das OST und die Aktionswoche in den sozialen Medien: Facebook | Instagram




Fontagnier: Aufwind kommt von unten

Daher weht der Wind – 14 Euro/qm – leider kein Platz für Mia | Bild: Plakat aus dem Bundestagswahlkampf 2017

Wenn derzeit viel über Wind diskutiert wird, dann ist viel heiße Luft dabei. Der Jungbusch und die Neckarstadt-West sind gerade im Zentrum der Stürme. Dort prallt das nackte Leben aufeinander und es spiegelt sich das ehrliche, manchmal brutale Gesicht unserer Stadtgesellschaft. Auch wenn zu später Stunde aus dem Umfeld der Stadt diejenigen anreisen, die den Jungbusch oder die Neckarstadt-West nur als Deko erleben, Schickimicki-Stadtteile sind es nicht. Die Temperaturen sind hier durchaus bei 37 Grad und mehr. Auch wenn unbestreitbar viel getan wird, um die Temperaturen zu senken.

Es wäre ziemlich schade, wenn der Wind in Richtung Schickimicki wehen würde. Natürlich gibt es Interessen für eine solche Windrichtung. Auch wenn vielleicht hier und da der ehrlich gute Wille dahinter steckt, zeigt gerade der Jungbusch, der in dieser Hinsicht einige Schritte der Neckarstadt-West voraus ist, welch riesiger Aufwand nötig ist, damit der Wind nicht die Dächer abdeckt und die verweht die das ehrliche Gesicht der Viertel ausmachen.

Es ist ein verdammtes Kunststück, solche Viertel nicht mit dem bekannten Schema zu entwickeln: Zuzug aus aller Welt, Menschen in Not, Alteingesessene, Kreative rein, das Bunte Leben, die Vielfalt auswiegen, Investoren riechen den Wind und möchten ihn gerne als Rückenwind nutzen. So geschehen bereits im Jungbusch. Ein solcher Rückenwind kann sich allerdings auch zum Wirbelwind entwickeln.

Es gibt in Mannheim auch Stadtteile, für die sich keine Investoren interessieren. Warum? Weil sich daraus wenig machen lässt. Ein Umfeld, aus dem sich eine Marke und ein Go-In machen lässt, würde ein Marketingfachmensch einem Investor empfehlen. Nicht auszuschließen, dass es unter denen, die ihr Geld in Immobilien anlegen wollen, auch wohlmeinende Menschen gibt, nur die Logik der privaten Investition lässt sich dabei kaum ausschalten.

Wer politisch gestalterisch unterwegs sein will, muss das Haus von unten aufbauen und sollte dabei auch auf den Erhalt der Substanz schauen. Die Demokratie wird oft dort ausgehebelt, wo Geld auf den Tisch gelegt wird. Mannheim hat einige solcher Fälle. Wer Beispiele wissen will, darf mich gerne fragen.

Mit allen reden ist nie verkehrt, auf alle hören ist aber fatal. Man muss wissen, wohin man will. Da helfen auch keine guten und lobenswerte Bausteine, wenn man die Windrichtung verkennt. Wenn eines Tages die Mieten nicht mehr bezahlbar sind, dann sind die Marken gebildet und haben sich gut verkauft, dann hat das aber mit dem ehrlichen Gesicht dieser Stadt nichts mehr zu tun. Ich wünsche mir auch für die Zukunft Mannheims eine solidarische Stadt, reich muss sie nicht werden, aber ehrlich, offen und bereit bleiben, Menschen aufzunehmen die einen neuen Hafen am Rande von Rhein und Neckar suchen. Auf die Investoren Nikolas Löbel und Marcel Hauptenbuchner würde ich jedenfalls nicht empfehlen zu hören.

Eins ist klar: es muss denen das Handwerk gelegt werden, die den Zugewanderten die letzten Kröten abnehmen und ihnen die Miete matratzenweise abkassieren. Da gibt es überhaupt kein Vertun. Es müssen auch die gestoppt werden, die Frauen mit Versprechungen hierher holen, um sie dann als Geldmaschine auf den Strich schicken.

Wer mit Geld Gutes tun will, hat viele Möglichkeiten, hat aber auch nur eine Stimme im Chor der demokratischen Entscheidungen. Die demokratischen Entscheidungen sind mühsam und langwierig, auch weil es Spielregeln gibt ohne die es nicht geht.

Wohin der Wind weht, kann sich in diesen Tagen entscheiden. Ich mag am liebsten den Aufwind, der kommt nämlich von unten.

Und wenn sich jetzt jemand fragt, warum ich nicht konkreter werde? Ich wollte hier meinen Standpunkt als Linksgrüner loswerden, das Konkrete bespreche ich in diesem Falle lieber direkt mit meinem Freund und Kollegen.

(Gerhard Fontagnier, Stadtrat Bündnis90/Die Grünen, Wohnungspolitischer Sprecher)




Neckarstadt-West: „Westwind“-Präsentation wird zum Schlagabtausch [mit Video]

Statt eines PR-Termins entwickelte sich eine hitzige Diskussion über die privatwirtschaftliche Initiative „Westwind“ von Stadtrat Markus Sprengler und Investor Marcel Hauptenbuchner.

Am 22. Juli 2020 gegen 12 Uhr mittags wollte sich die Initiatorengruppe um die sogenannte Westwind-Initiative, zu der auch Florian Fischer (Gewerbeverein Neckarstadt-West Jungbusch) und Maik Rügemer (Netzwerk Wohnumfeld) gehören, mit Stadträt*innen und Bezirksbeirät*innen bei einem Termin vor Ort am Neumarkt treffen und über drei vermeintlich unstrittige Vorschläge ihres privaten Stadtentwicklungsplans sprechen.

Die Öffentlichkeit war eigentlich nicht eingeladen, einzig die Lokalzeitung war als Presse über den Termin informiert worden, um mit einem voraussichtlich unkritischen Beitrag über Verkehrsberuhigung und Fahrradstraßen einen möglichst guten Einstieg in die öffentliche Debatte zu schaffen.

Doch der Termin sickerte an interessierte Bürger*innen durch. Statt eines inszenierten PR-Termins entwickelte sich eine kritische Diskussion.

(Manuel Schülke | Neckarstadtblog)