GBG und Tom Bock – eine kritische Anmerkung zur früheren Zusammenarbeit auf Turley

Aus Liebe … zur Wahrheit!

Auszug aus einer Pressemitteilung der GBG anlässlich der Versteigerungen auf Turley:

Eines der zwangsversteigerten Gebäude der Tom-Bock-Gruppe auf dem Turley-Areal: das Sullivan-Gebäude. Foto: Dieter Leder

„Im Fall TURLEY kam hier die Tom Bock Group (TBG) ins Spiel. Der Investor überzeugte mit einem vergleichbaren, erfolgreich umgesetzten Projekt in Frankfurt, sowie der Bereitschaft, auf die Visionen und Pläne der Stadt und der im Weißbuch gesammelten Ideen der Bürgerschaft einzugehen. TURLEY war als hochwertiges, urbanes Quartier angedacht, in dem innovative, soziale und inklusive Wohnformen nebeneinander Platz finden. Mit dem Verkauf an die TBG konnte die MWSP die Hälfte der notwendigen Investitionssumme für TURLEY auf einen Schlag refinanzieren, was auch eine wichtige Basis war, um bei der Vergabe von Grundstücken an selbstverwaltete Initiativen zu einem Konsens zu kommen.“

Ganz abgesehen davon, das heute vermutet wird, dass ein globaler Finanzskandal die Quelle der Bock ́schen Investitionskraft war: https://kommunalinfo-mannheim.de/2022/10/13/turley-wurde-ein-betruegerischer-55-millionen-kredit-zum-verhaengnis/.

Und dass es eben sicher nicht so war, dass Thomas Egon Bock sich nach den gesammelten Ideen der Bürgerschaft gerichtet hat – ihm ist z.B. im Wesentlichen der Autoverkehr um den Platz herum zu verdanken, die AnwohnerInnen wünschten sich aber Autofreiheit!

Trotzdem: wir sind uns völlig darüber bewusst, dass das Zustandekommen unserer Wohnprojekte einerseits in einem leider seltenen glücklichen Zeitfenster und mit viel guten Willen auf allen Seiten – der Stadt, aller Akteure – stattgefunden hat. Dafür sind wir froh und – ja, sicher auch dankbar! Und wie immer, wenn tatsächlich Bezahlbarer Wohnraum entsteht, dann ist das mit einer Fördersituation verbunden. Ohne Förderung gibt es (und gab es noch nie!) Bezahlbaren Wohnraum! Wir etwa haben zur Unterstützung den Grund zu einem günstigeren, akzeptablen Kaufpreis bekommen. Die einzigen bezahlbaren Wohnungen auf Turley sind bislang die ca.50 des Mietshäuser Syndikats. Und das vor allem dauerhaft, denn die Wohnungen sind dauerhaft unveräußerlich und durch das Modell des Syndikats der privaten Spekulation entzogen, niemand kann Geld daraus ziehen. Das heißt, auch nach den heutigen BewohnerInnen werden noch zwei, drei oder mehr Generationen von Mannheimer MieterInnen davon profitieren. Für die Allgemeinheit und die Stadt Mannheim zahlt sich also die Unterstützung äußerst lohnenswert aus! Vergleicht man die durch Verbilligung des Bodenpreises erhaltene Unterstützung allerdings genau mit anderen Zahlen, dann ist zu bemerken, dass Tom Bock für das Baufeld 4+5 lediglich 35€ pro Quadratmeter mehr bezahlt hat! Jenes 22TSD qm große Baufeld, das – für 6Millionen gekauft – dann für 30 Millionen €uro mehr den Besitzer gewechselt hat.

Und dazu schreibt wieder die GBG:
„Zudem sind die Baufelder IV und V durch Fortoon Development in der Realisierung. In Kürze werden die ersten Gebäude auf Baufeld V bezogen, konkret sind das 70 Mietwohnungen und 8 Büro-/Ladeneinheiten. Auch der Hochbau auf Baufeld IV läuft auf Hochtouren. Hier wurde im Sommer Richtfest gefeiert. Auf diesen Baufeldern entstehen mehr Wohnungen und ein breiteres Angebot, als ursprünglich geplant war.“

Die neuen Besitzer vermieten die meisten Wohnungen ungefähr zum Doppelten der Mieten der Syndikatsprojekte. Und das für alle Zeit! Ein Supergeschäft – und für sehr viele MannheimerInnen damit unbezahlbar!

Wahrheit: Es ist natürlich alles richtig und sauber abgewogen, was die GBG in ihrer Pressemitteilung geschrieben hat (und nicht geschrieben hat) – urteilen Sie bitte selbst, ob Sie es auch als wahr empfinden!

Günter Bergmann, Bewohner umBAU Turley




Turley zerfällt in Einzelprojekte – Kuweiter kaufen Immobilien zurück

Die Kulturhalle in Käfertal kurz vor Beginn der Zwangsversteigerung. Foto: Dieter Leder

Am Donnerstagmorgen (13. Oktober 2022) begannen im Kulturhaus in Käfertal die ersten Turley-Zwangsversteigerungen. Noch bis Februar 2023 werden insgesamt neun Immobilien und Grundstücke mit einem Verkehrswert von mehr als 33 Millionen Euro ausgerufen, die vor fast genau zehn Jahren die Stadt Mannheim an den damals hochgelobten Ankerinvestor Thomas Egon Bock verkauft wurden. Auf der ehemalige Turley-Kaserne sollte ein neues Stadtquartier entwickelt werden.

Doch schon ab 2015 ruhen die Bauarbeiten auf Turley. Offenbar haben dubiose Finanztransaktionen im Zusammenhang mit dem weltweit größten Betrugsskandal mit dem malayischen Staatsfonds 1MDB 2015 zu finanziellen Problemen im Firmengeflecht bei Bock geführt. 2019 tritt die Stadt Mannheim von allen Verträgen mit Bock zurück. Es kommt zu Zwangsmaßnahmen, die 2022 ihren Abschluss in den angesetzten Zwangsversteigerungen finden.

Letzte Absprachen zwischen Pfandflaschen und Gitterboxen

Für 8.30 Uhr ist das erste Objekt angesetzt, ein Gewerbeobjekt auf Turley im Verkehrswert von 900.000 Euro. Während sich die Kulturhalle langsam mit Bietern und Interessenten füllt, finden hinter der Halle zwischen Stapeln von leeren Gitterboxen und Säcken von zerquetschten Pfandflaschen eines benachbarten Supermarktes die letzte Besprechungen statt.

Letzte geheime Besprechung zwischen Plastikmüll und Gitterboxen: Thomas Egon Bock (schwarz gekleidet) im Gespräch mit seinem Partner hinter der Kulturhalle. Foto: Dieter Leder

Einer der beiden Beteiligten ist Bock höchstpersönlich, der eingetragene Schuldner, der sich mit einem Bevollmächtigten abspricht und Akten einsieht. Er will offenbar nicht fotografiert werden, in der Öffentlichkeit ist er unter seiner schwarzen Wollmütze und einer schwarzen Maske kaum zu erkennen. Und auch als er dann kurz vor Versteigerungsbeginn im Sitzungssaal Platz nimmt und die Maske abnimmt, ist er nicht sofort zu erkennen: Er wirkt gealtert.

Bock bietet auf seine Schulden

Die Sparkasse Rhen-Neckar Nord versucht über die Zwangsvollstreckung an ihr im Oktober 2015 gewährtes Darlehen in Höhe von 970.000 Euro zuzüglich der Zinsen zu kommen. Darüber hinaus tritt auch die Stadt Mannheim als Gläubiger auf für die noch nicht erhaltene Grundsteuer.

Thomas Egon Bock in einer Pause der Zwangsversteigerung. Foto: Dieter Leder

Als um 8.49 Uhr die Bieterstunde eröffnet wird, kommt das erste Gebot ausgerechnet von Bock höchstpersönlich: Der bietet 50.000 Euro für die Immobilie und seine damit aufgehäuften Schulden. Es ist eher ein symbolisches Gebot als vielmehr ein ernstzunehmender Versuch, auf diesem Weg wieder auf Turley einzusteigen: Denn Gebote unter 50 Prozent des Verkehrswertes werden nicht zugeschlagen, das sind sämtliche Gebote unter 450.000 Euro.

Weitere Gebote aus Kuweit

Auch das zweite Gebot für das Objekt ist beachtenswert: Mit einem Gebot über 451.000 Euro versuchen die Vertreter der in Köln ansässigen Al-Radwan GmbH & Co. KG das Objekt zu ersteigern. Die Al-Radwan ist auf Turley keine Unbekannte: Seit Juni 2014 ist die Firma zur Hälfte an Bocks Firma Prince Wooster GmbH & Co KG beteiligt. Die Prince Wooster wiederum übernahm 2012 von der MWSP die Grundstücke und Gebäude auf der Turley-Straße 4, 6, 8 und 10.

Die Kölner Al-Radwan gehört zur kuweitischen Firma Ali Al-Radwan & Sons. Seit 1976 sind die weltweit in der Vermögensverwaltung, im Energie- und Kommunikationswesen sowie insbesondere auch im Immobiliensektor aktiv.

Im Portfolio der kuweitischen Al-Radwan & Sons befinden sich auch Objekte auf Turley in Mannheim (links unten). Foto: Screenshot Al-Radwan Webseite

So auch seit 2014 in Mannheim. Die kuweitische Ali Al-Radwan & Sons ist über die Kölner Al-Radwan GmbH & Co. KG zu 50 Prozent an Bocks Prince Wooster GmbH & Co. KG beteiligt und weist in ihrem Portfolio die Beteiligung an fünf Gebäuden auf Turley aus. Das sind die beiden Gebäude Turley-Straße 4 sowie die drei geplanten, im Bau befindlichen und bestehenden Gebäude in der Turley-Straße 6, 8 und 10.

Wegerecht könnte den Preis getrieben haben

Dass Al-Radwan nun aber plötzlich Interesse an dem Gewerbeobjekt Turley-Straße 24 und 26 zeigt, könnte an dem Zugang zu den Gebäuden Turley-Straße 6 und 8 liegen. Denn der führt über den Grund und Boden von Turley-Straße 24 und 26 und ist nicht als Baulast im Grundbuch eingetragen.

Vorne links das Grundstück Turley-Straße 10, dahinter der Altbau Turley-Straße 8 und im Hintergrund der Neubau Turley-Straße 6, alle aus der zweiten Versteigerung. Der eingeschossige Bau vorne rechts ist Turley-Straße 26 und wurde zuerst versteigert. Für die linken Gebäude gibt es kein Wegerecht über das Nachbargrundstück, die Grundstücksgrenze verläuft am linken Rand des eingeschossigen Gebäudes. Foto: Dieter Leder

So lange die Objekte und Grundstücke von einem Eigentümer als Gesamtheit überplant und überbaut werden, spielt das Wegerecht keine Rolle. Wenn nun aber ein neuer Eigentümer ganz andere Pläne mit der Turley-Straße 24 und 26 verfolgt, könnte das kritisch werden. Denn dann entscheidet der neue Besitzer, wer zukünftig über sein Grundstück gehen darf oder kann. Mit dem Erwerb des Objektes Turely-Straße 24 und 26 hätte sich Al-Radwan das Wegerecht und den weiterhin ungehinderten Zugang zu ihren Objekten sichern können.

Die Al-Radwan bietet im weiteren Verlauf der Versteigerung zunächst nur gegen den Hauptgläubiger, die Sparkasse. Bei 560.000 Euro steigt dann ein weiterer Bieter in die Auktion ein: Es ist eine vierköpfige Bietergemeinschaft aus Mannheim. Es kommt zu einem langatmigen Bieten zwischen der Al-Radwan und der Bietergemeinschaft, die letztlich bei 801.000 Euro den Zuschlag erhält.

Es kommt zu einem langatmigen Bieten zwischen der Al-Radwan und der Bietergemeinschaft, die letztlich bei 801.000 Euro den Zuschlag erhält.

Gesamtentwicklung auf Turley wird zukünftig von Einzelinteressen bestimmt

Das hält die Al-Radwan aber nicht davon ab, bei der zweiten Zwangsversteigerung für 4.060.000 Euro die drei (eigenen) Gebäude Turley-Straße 6 und 8 sowie das Grundstück Turley-Straße 10 zu erwerben. Waren die bisher über die Beteiligung bei der Prince Wooster GmbH & Co. KG nur fünfzig prozentige Besitzer, sind sie mit dem Zuschlag nunmehr hundertprozentige Eigentümer geworden.

Was den zukünftige Zugang zu ihren Gebäuden betrifft, hängt nunmehr von den Plänen und Interessen ihrer neuen Nachbarn ab. Das geschilderte Problem dürfte exemplarisch auch für die neu eingeleitete Gesamtentwicklung des Quartiers nach dem Abgang von Bock gelten. Zwar will die MWSP die neuen Eigentümer umgehend in Gespräche hierüber einbinden, wie sie unmittelbar nach den ersten Versteigerungen mitteilte. Ob die aber vorrangige Eigeninteressen hinter den Interessen an der Gesamtheit zurückstellen werden, wird sich zeigen.

Dieter Leder und Manuel Schülke




Turley – Wurde ein betrügerischer 55 Millionen-Kredit zum Verhängnis?

Von Dieter Leder und Manuel Schülke
Vor der seit Jahren ruhenden Baustelle des ehemaligen Casinos demonstrierten am 8. Oktober 2022 etwa 50 Mitglieder des Mietshäuser-Syndikats auf dem Turley-Gelände. Am 13. September beginnen die Zwangsversteigerungen, bei denen derzeit neun Objekte im Verkehrswert von mehr als 30 Millionene Euro zum Ausruf kommen. Foto: Dieter Leder

Es begann mit einer 30 Millionen US-Dollar Überweisung am 29. Mai 2012. Bis Dezember 2012 folgten noch weitere Überweisungen, bis letztlich 55 Millionen US-Dollar bei der BHF-Bank in Frankfurt auf ein Konto einer Rayan Inc. eingegangen waren.

Die 55 Millionen US-Dollar stammten aus den etwa 1,36 Milliarden US-Dollar, die Mohamed Ahmed Badawy Al-Husseiny zusammen mit seinem Partner Khadem Abdulla Al-Qubaisi betrügerisch aus dem malayischen 1MDB-Staatsfonds zweckentfremdet hatten. Die beiden Fondsmanager aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hatten die malayischen Gelder über diverse internationale Bankverbindungen und Offshore-Konten auf ihre privaten Konten umgeleitet.

Ermittlungen in den USA

So auch die 55 Millionen US-Dollar, die 2012 bei der BHF-Bank in Frankfurt landeten. Begünstigter des dortigen Rayan-Kontos war Al-Husseiny, soweit belegen es Ermittlungsergebnisse des amerikanischen FBI, die seit 2019 zu mehreren Anklagen beim amerikanischen Department of Justice geführt haben. Al-Husseiny wie auch Al-Qubaisi wurden 2019 schon in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu zehn- und 15jährigen Haftstrafen wegen Veruntreuung verurteilt.

Mohamed Ahmed Badawy Al-Husseiny (ganz links) und Khadem Abdulla Al-Qubaisi (2. von links) bei der feierlichen Unterzeichnung des Joint Venture Investment zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Malaysia in Putrajaya im Jahre 2013 mit dem Premierminister Malaysias Najib Razak (3. von rechts). Foto: Screenshot sarawakreport

Was mit Al-Husseinys 55 Millionen US Dollar bei der Frankfurter BHF-Bank damals passierte, ist indes nicht eindeutig belegbar. Diverse Anfragen hierzu in Malaysia, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA sowie in der Schweiz und auch in Deutschland blieben unbeantwortet. Dabei ist eines jedenfalls klar: Die Gelder wurden nicht zufällig nach Frankfurt transferiert und blieben auch nicht auf dem Konto liegen. Sie wurden vielmehr gewinnbringend investiert.

Investment Turley

Der ebenfalls in Frankfurt ansässige Bauunternehmer Thomas Egon Bock, der auch gerne Tom Bock genannt werden will, könnte Abnehmer der 55 Millionen Dollar gewesen sein. Der hatte zur selben Zeit die Idee, die ehemalige US-Kaserne Turley in Mannheim zu einem modernen neuen Stadtteil in Anlehnung an das trendige New Yorker Viertel SoHo zu entwickeln. 100 Millionen wollte er in Mannheim investieren, so seine damaligen Pläne.

Im Oktober 2012 wurde er mit der Stadt Mannheim handelseinig: Die Stadt Mannheim gründete wenige Monate zuvor noch schnell die eigene Entwicklungsgesellschaft MWSP, die umgehend die nach dem Abzug der amerikanischen Truppen aus Mannheim freigewordenen Flächen von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben kaufte, um sie dann an Tom Bock beziehungsweise an seine Firmen weiterzuverkaufen.

Elf von 14 der denkmalgeschützten Gebäude auf Turley übernimmt Bock 2012, zudem noch das Baufeld IV auf dem ehemaligen Parkplatz der Kaserne. Schon 2013 verwandelt sich die brachliegende ehemalige Kaserne in eine Großbaustelle, auf der alte Bausubstanz saniert wird und dazwischen neue moderne Gebäude entstehen. Ende 2014 werden die ersten Objekte bezugsfertig, die ersten Firmen ebenso wie Bewohner ziehen auf Turley ein.

Der Betrug fliegt auf

Im Februar 2015 fliegt der 1MDB-Skandal auf, nach und nach wird bekannt, dass aus dem malaysischen Staatsfonds 1MDB mehr als 4 Milliarden Dollar unterschlagen und abgezweigt wurden. Weltweit laufen Ermittlungen und Untersuchungen an, wenige Monate später werden mit Al-Husseiny und Al-Qubaisi zwei Hauptverantwortliche ausgemacht – und verhaftet.

Zur selben Zeit werden auf Turley in Mannheim plötzlich auch ein Großteil der Bauarbeiten eingestellt: Halbfertige Neubauten werden nicht mehr weitergebaut und die begonnenen Sanierungen von Altbauten vom einen auf den anderen Tag eingestellt.

Dass Tom Bock etwas mit dem 1MDB-Skandal zu tun haben könnte, ist nicht erwiesen. Doch es gibt Parallelen, Anzeichen und Auffälligkeiten, die dafür sprechen. Mehrere Anfragen zu diesem Thema ließ Tom Bock unbeantwortet, auch ausgemachte Termine zu Gesprächen hielt er nicht ein. Am Telefon im Oktober 2022 wirkt der Stadtentwickler, Lebenskünstler und Gourmet Thomas Egon Bock vielmehr nervös und dünnhäutig, fast schon ängstlich.

Die Spur führt nach Malaysia

Ob er schon 2012 gewusst hat, dass er mit gestohlenen Geldern aus Malaysia in Mannheim das Turley-Quartier entwickelt, ist nicht bekannt. Fakt ist aber, dass die ehemalige Ehefrau von Al-Husseiny, Suaad A. Al-Attas, ab 2013 zur Hälfte an einer von Bocks Turley-Firmen beteiligt gewesen ist und für das Turley-Projekt einen Kredit von 5,3 Millionen Euro bereitstellte. Fakt ist auch, dass zuvor 17,5 Millionen Dollar an gestohlenen 1MDB-Geldern aus Malaysia auf dem deutschen Privatkonto von Al-Attas gelandet sind: Bei der BHF-Bank in Frankfurt.

Dass wegen einem 5 Millionen Euro-Kredit ein ganzes Bauprojekt im projizierten Volumen von 100 Millionen Euro ins Wanken geraten sein soll, ist unwahrscheinlich. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die ebenfalls bei der BHF-Bank gelandeten 55 Millionen Dollar von Al-Husseiny für Bock und sein Turley-Projekt bestimmt waren. Das gleichzeitige Auffliegen des 1MDB-Skandals in Malaysia und die Verhaftung von Al-Husseiny in den Vereinigten Arabischen Emiraten stände damit im Zusammenhang mit dem Baustopp auf Turley in Mannheim: Spätestens da dürfte Bock bekannt gewesen sein, dass er ein 55-Millionen-Problem auf Turley in Mannheim hat. Denn die dort investierten Gelder waren sehr wahrscheinlich zuvor in Malaysia gestohlen worden.

Der Cavalletto Social Club für Menschen in Not

Spätestens Ende Mai 2015 ist Thomas Egon Bock klar, dass sein 55-Millionen-Problem existenzgefährdend werden wird. Mit seinem Faible für vielsagende Firmennamen lässt Bock am 1. Juni 2015 die Cavalletto Social Club GmbH & Co. KG ins Handelsregister Mannheim eintragen. Umsätze wird Bock mit dieser Firma nicht machen, vielmehr ist die Firma als Statement seiner Situation zu verstehen. Der Geschäftszweck des Cavalletto Social Club ist gemäß Handelsregisterauszug die „Unterstützung von Menschen, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind.“

Auszug aus dem Handelsregister: Der Cavalletto Social Club dient der Unterstützung von Menschen, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind.

Bock hat zudem offenbar Angst vor Zwangsmaßnahmen und lässt schon im August 2015 Grundschulden für bereits erbrachte Bauleistungen zugunsten seiner eigenen Firma im Grundbuch eintragen. Sollte es zu einer Beschlagnahmung oder Zwangsvollstreckung kommen, hätte seine Firma Anspruch auf die im Grundbuch eingetragene Grundschuld von mehreren Millionen Euro plus Zinsen.

Fehlende Geschäftsabschlüsse verschleiern die Insolvenz

Wie sehr seine Not ist oder sein wird, lässt sich zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr genau beziffern: Denn für 2015 veröffentlicht Bock für keine einzige seiner vielen Turley-Firmen einen Geschäftsabschluss, obwohl er dazu verpflichtet ist. Für viele seiner Firmen wird er überhaupt keinen jährlichen Geschäftsabschluss mehr veröffentlichen. Möglicherweise hätte er mit dem Ausfall seines 55 Millionen Darlehens von Al-Husseiny und der richtigen Bilanzierung bereits 2015 Insolvenz anmelden müssen. Mit der Nichtveröffentlichung seiner Geschäftszahlen hatte er so wahrscheinlich den tatsächlichen finanziellen Zustand und die Insolvenz verschleiern können.

Doch von all den Problemen bekommen die lokalen Beteiligten offenbar nichts mit – oder wollen nichts mitbekommen. Dabei wohnt der Geschäftsführer der MWSP, Achim Judt, seit August 2014 selbst in einem der neu sanierten Häuser auf Turley und sieht damit täglich, was auf Turley passiert (oder nicht passiert). Der Stillstand auf den Baustellen hält ihn und die MWSP jedenfalls nicht davon ab, an Bock noch im Oktober 2015 das Baufeld V zu verkaufen. Auch gehen viele Eigentümerwechsel mit dem Eintrag ins Grundbuch rechtlich erst Ende 2016 an Bock über, die MWSP hätte also noch viel Zeit gehabt, zu intervenieren.

Millionekredite für ruhende Baustellen

Auch bei der Sparkasse Rhein-Neckar Nord sieht und erkennt man die Probleme auf Turley offenbar nicht: Noch im Juni 2016 vergibt sie einen weiteren Millionenkredit an Bocks Turley-Firmen, als Sicherheit wird die Reithalle belastet. Und das, obwohl dort schon seit Jahren die Arbeiten ruhen. Am Ende werden es über 30 Millionen Euro sein, mit denen die Sparkasse (und andere Kreditinstitute) Turley mitfinanziert haben.

Die ehemalige Reithalle: Noch im November 2016 wurde für das marode Gebäude von der Sparkasse Rhein-Neckar Nord ein Millionekredit bewilligt. Foto: Dieter Leder

Auch dass sich Bock im Jahre 2017 über das Crowdinvestment noch 2,5 Millionen Euro beschafft, um eines seiner Objekte fertig zu sanieren und verkaufen zu können, zeigt, wie schlecht es um seine Finanzen stehen muss. Auch das ist offensichtlich kein Warnsignal für die MWSP.

Das Rechtshilfeersuchen und neue Gelder

Zu dieser Zeit versucht der Staat Malaysia als Eigentümer des 1MDB-Fonds bereits weltweit, das ihr veruntreute und gestohlene Geld sowie damit erworbene Vermögenswerte zurückzuerlangen. Auch für die nach Deutschland transferierten Gelder interessiert sich Malaysia: Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt bestätigt, dass es in dieser Sache ein Rechtshilfeersuchen gegeben hat. Weitere Details nennt sie nicht.

Bock schafft es offenbar noch, die zurückverlangten Gelder mit anderen neuen Krediten zu ersetzen. Der vermögende Schweizer Geschäftsmann und Investor Norbert Ketterer springt offenbar ein.

Als Bock im Herbst 2018 schließlich die Baufelder IV und V verkauft (oder verkaufen muss), werden die fälligen 36 Millionen Euro vom neuen Eigentümer Fortoon jedenfalls an Ketterer überwiesen. Und im darauffolgenden Jahr tritt Bock zudem die zugunsten seiner Firma eingetragenen Grundschulden in Höhe von 7 Millionen Euro an die HFS Helvetic Financial Services AG ab: Die Firma gehört Ketterer. Zusammengerechnet erhält Ketterer damit 43 Millionen Euro von Bock, das sind auf der Basis des Wechselkurses von 2012 etwa 56 Millionen US-Dollar – das entspricht in etwa dem ursprünglichen Betrag, den Al-Husseiny auf das Rayan-Konto überwies.

Bocks Helfer wird Großaktionär

Für den Multimillionär Ketterer hat sich der Deal mit Bock in doppelter Hinsicht gelohnt: Im Oktober 2019 übernimmt er 3 Prozent an der Schweizer Baufirma Implenia AG, im November sind es bereits 5 Prozent, im März 2020 wird er Großaktionär mit mehr als 10 Prozent der Anteile: Das entspricht einem Börsenwert von etwa 60 Millionen Euro. Dass die Implenia in Mannheim aktuell auf den von Bock verkauften Baufeldern baut, könnte Teil des Deals gewesen sein.

Blick auf das Baufeld V. Dort, wo sich derzeit Sandhäufen türmen, sollten eigentlich Häuser gebaut sein. Auf Grund von verschwiegenene Altlasten kann dort nicht weitergebaut werden. Foto: Dieter Leder

Doch so ganz glücklich ist Fortoon mit den Baufeldern nicht: Denn Bock verschwieg beim Verkauf bestehende Altlasten. So sind 126 Parkplätze vorzuweisen, die nun fehlen. Aus diesem Grund wird daher erstmal nur ein Teil der Baufelder bebaut, die unbebaute Fläche wird als Parkplatz verwendet. Turley bleibt damit wohl noch eine Weile Großbaustelle.

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Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
Erstveröffentlichung in den Blogs 6800.info (Dieter Leder) und neckarstadtblog.de (Manuel Schülke)




Kundgebung des Mietshäuser Syndikat auf Turley: „Flächen einem sinnvollen Zweck zuführen“

Ein paar Tage vor der Zwangsversteigerung zahlreicher Immobilien auf dem Turley Areal (KIM berichtete) fand eine vom Mietshäuser Syndikat organisierte Kundgebung statt. Es wurde gefordet, Gebäude, Grundstücke und Flächen einem sinnvollen, am Gemeinwohl orientierten zuzuführen. Eine Versteigerung an den meist bietenden berge dagegen die Gefahr, dass neue Spekulant*innen versuchen, aus Turley den größtmöglichen Profit zu pressen und Menschen auf Wohnungssuche die Leidtragenden sind.

Ausverkauf auf Turley

Die Zwangsversteigerungen sind Ergebnis eines jahrelangen Trauerspiels auf Turley. Dem anfangs von der Stadt hoch gelobten Investor Tom Bock gelang es nicht, das Areal mit den historischen Kasernengebäuden wie versprochen zu entwickeln. Der städtischen Entwicklungsgesellschaft MWSP war es wiederum nicht möglich, auf die Situation Einfluss zu nehmen, da sie fast alle Immobilien an Bock verkauft hatte. So stehen nun zahlreiche Bauruinen und unvollendete Projekte auf dem ehemaligen Vorzeigekonversionsprojekt. Eine Zusammenfassung der Entwicklung und Hintergründe zur Finanzierung mit mutmaßlich veruntreuten Geldern, gibt es in diesem Beitrag Halb Turley wird zwangsversteigert – Veruntreute 1MDB-Gelder in Mannheim reinvestiert und in diesem Kommentar Zwangsversteigerungen auf Turley: Kontrolliert in den Kontrollverlust?

Kundgebung macht Vorschläge, wie es anders gehen könnte

Rund 50 Bewohner*innen der drei Wohnprojekte auf Turley, weitere Aktivist*innen und Interessierte am Mietshäuser Syndikat sowie einige Anwohner*innen waren am Samstag zur Kundgebung auf dem Turley Platz zusammen gekommen. Vor der beispielhaften Kulisse des Kasinos, einem ehemaligen Kasernengebäude, das von der Stadt als zukünftiges Bürgerhaus angekündigt ist, versammelten sich die Menschen. Das Kasino hat seit Monaten kein Dach, auf der Baustelle tut sich kaum etwas. Eigentlich hätte das Bürgerhaus schon lange fertig sein sollen. Die Bewohner*innen des Wohnheims der Johannes Diakonie warten auf die dort versprochenen Werkstätten in den Räumen das Kasinos.

Die Fehler rächen sich nun

Günter Bergmann vom regionalen Netzwerk des Mietshäuser Syndikats begrüßte die Anwesenden und hielt den ersten Redebeitrag. Er schilderte die Entwicklung auf Turley von Beginn an: „Für den sogenannten Ankerinvestor Bock war die Stadt Mannheim schnell willig, all die tausend Ideen, die im Beteiligungsprozess der anfänglichen Konversion entstanden sind, dessen snobistischen Vorstellungen eines Edelquartiers unterzuordnen.“ Turley sei damit in die Richtung eines hochpreisigen Nobelviertels gedrückt worden. Der Fehler habe sich nun Jahre später gerächt.

Statt hochpreisigem Wohnraum müsse dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum enstehen. „Wieso kann aus der Reithalle nicht geförderter Wohnraum werden? Das Torhaus und das „Hotel“- daraus könnte dringend benötigter Wohnraum für Klientel des Paritätischen Wohlfahrtsverband oder für das Frauenhaus werden. Das wäre mit Sicherheit eine Nutzung, die dem Sozialgefüge Turley und der Stadt Mannheim allgemein guttun würde“, so Bergmann. Auch die geplante Tiefgarage unter dem Turley Platz kritisierte er scharf: „Bis zu 10% der Baukosten werden normalerweise hier verbuddelt. (…) Tiefgaragen bestehen aus Beton, machen einen Großteil der CO2 Emissionen am Bau aus. Während die Polkappen schmelzen, Lützerath – unter Habeck – abgebaggert wird, und wir nur noch 7 Jahre vor dem Mannheimer Klimaziel Klimaneutral stehen… eine Tiefgarage wirkt da völlig aus der Zeit gefallen“.

Mehr Kontrolle durch die Öffentlichkeit

Alexander Sauer, Rechtsanwalt und stellvertretender Vorsitzender des Mannheimer Mietervereins, forderte dazu auf, der Stadt und ihrer Gesellschaften MWSP und GBG mehr auf die Finger zu schauen. Er kritisierte, dass beispielsweise Aufsichtsratssitzungen der MWSP im Geheimen stattfinden. Mehr Transparenz und öffentliche Kontrolle könne dabei helfen, Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Der dritte Beitrag wurde von Dennis Ulas gehalten, Stadtrat für Die Linke in der Fraktion Li.PAR.Tie im Mannheimer Gemeinderat. In dieser Eigenschaft ist er auch Mitglied im Aufsichtsrat der für die Turley Entwicklung verantwortlichen MWSP. Ulas erinnerte an den unglaublichen Immobilienspekulationsskandal von 2018. Tom Bock hatte ein unbebautes Grundstück in den Baufeldern IV und V, für 6 Millionen Euro von der Stadt gekauft, um dort ein Luxus-Wohnviertel und Büroflächen zu realisieren. Doch er ließ die Fläche einfach unbebaut und verkaufte sie wenige Jahre später für 36 Millionen Euro weiter.

Ulas kritisierte die Spekulation auf dem Immobilienmarkt. „Was auf Turley benötigt wird, sind keine weiteren Luxus-Wohnungen oder Mietpreise von 16 € aufwärts pro Quadratmeter. Wir wollen hier keine weiteren Heuschrecken oder Immobilienhaie anlocken, die den größtmöglichen Profit aus den Gebäuden und ihren bestehenden und künftigen Bewohner*innen und Nutzer*innen quetschen wollen.“ Stattdessen müsse man gemeinwohlorientierte Bauträger fördern.

Die Stadt müsse aus den Erfahrungen mit Tom Bock lernen. Man dürfe die Entwicklung eines Quartiers nicht auf dem Markt an einen höchstbietenden Privaten abgeben. Stattdessen sei es notwendig, dass die Stadt „die volle Kontrolle über das Turley-Areal zurückerhält, um die Stadtentwicklung stärker an gemeinwohlorientierten Kriterien voranbringen zu können.“

Mietshäuser Syndikat als Alternative zur Immobilienspekulation

Die Kundgebung war Teil einer bereits seit längerem geplanten Veranstaltung der regionalen Vernetzung des Mietshäuser Syndikats. Die „Tour de Syndikat“ ist eine Fahrradtour durch die Region zu den Standorten der Wohnprojekte, die nach dem Modell des Syndikats organisiert sind. Bei der Turley Station gab es neben der Kundgebung auch Infos, Getränke und Essen sowie Hausführungen durch die Wohnprojekte. Das neue Projekt im Entstehen – Stamitzstraße 7 – stellte sich mit einem Infostand vor (KIM berichtete bereits zum Projekt). Wohnungspolitisch interessierte Menschen können sich bei diesen Veranstaltungen kennen lernen, austauschen und im besten Fall neue Projekte gründen. Denn gemeinwohlorientiertes Bauen funktioniert am besten, wenn die Mieter*innen sich vernetzen und ihre Wohnformen selbst organisieren. (cki)

 

Rede von Günter Bergmann, Mietshäuser Syndikats

Am Tag nach dem MWSP Turley Fest ist es also raus: Die Meldung bringt als Erster der Neckarstadtblog: ein Großteil der ehemals von Tom Bock als Ankerinvestor auf Turley geplanten Gebäude und Flächen kommt unter den Hammer!

Um die Zukunft auf Turley wird also wieder gepokert, Monopoly in Großformat. Unser Stadtteil und wir sind mittendrin.

Es ist der MWSP nicht gelungen dem Spekulanten Bock gerichtlich beizukommen. Stattdessen sind nach dem Verkaufscoup von Baufeld 4 und 5 (Motto „Aus 6 Millionen mache 36 Millionen“) jetzt zusätzlich auch Gebäude aus dem Altbestand wieder dem freien Spiel des Geldes ausgesetzt. Über Strohmänner wäre es für Bock oder ähnlichen Figuren ein Leichtes an die Immobilien heranzukommen. Denn Gelder sind – wie man der Recherche des Neckarstadtblogs entnehmen kann – in jeder Höhe und weltweit unterwegs. Es besteht seitens der Stadt keine rechtliche Handhabe gegen die Spekulation mit diesen Gebäuden etwas zu unternehmen. Auch kann die Stadt nicht beliebig selbst mitbieten, um damit eine gesellschaftlich sinnvolle Nutzung sicherzustellen. Selbst wenn sie ausreichend Geld zur Verfügung hätte – ein zu hoher Kaufpreis würde automatisch jede sinnvolle Nutzungsidee scheitern lassen.

Dabei braucht Turley dringend statt noch mehr Hochpreisigkeit gerade Gemeinnutz und Gemeinwohl

Entgegen aller 2012 existierenden Ideen für ein autofreies Quartier wurde eigens für Bock die Straße rund um den Turley Platz als befahrbare Straße umgesetzt. Wer aber braucht die x-te hochwertige Gastronomie, die Bock in die alte Reithalle plante und wofür er die Zufahrt durch Nobelschlitten gerne gehabt hätte? Welche paar Prozent MannheimerInnen hätten sich letztlich hier einen Besuch leisten können? Was brauchte es – nicht nur von heute ausgesehen – einen sinnentleerten Oldtimer Pflegemittelladen, wie trostlos und aufgesetzt wirkt heute hier auch die Bult Haupt Küchen Ausstellung inmitten schimmliger moosiger Rohbaustellen? Für den sogenannten Ankerinvestor Bock war die Stadt Mannheim schnell willig, alle die tausend Ideen, die im Beteiligungsprozess der anfänglichen Konversion entstanden sind, dessen snobistischen Vorstellungen eines Edelquartiers unterzuordnen. Turley wurde damit in die Richtung eines hochpreisigen Nobelviertels gedrückt – nicht etwa, weil der damals zigfach abgefragte BürgerInnenwille das etwa gewollt hätte, das jedenfalls dokumentieren genau die Konversionseigenen Weiß Bücher, die man /frau sich auch heute noch downloaden kann. Die Verantwortlichen des Konversionsprozesses der Stadt Mannheim sind letztlich aber dem Blender und dessen Wedeln mit unterschlagenem Geld aus Übersee hinterhergelaufen und haben alle Ziele des damals hochgelobten kommunalen Demokratie- und Beteiligungsprozesses einfach in den Wind geschlagen. Ein krasser Fehler der MWSP, der sich seit Jahren rächt.

Statt Bezahlbarem Wohnraum, wie gefordert, ist inzwischen das meiste hier ausgesprochen teuer ausgefallen. Aus Bocks Anfangsbesitz wechselten Altbauwohnungen bereits mehrfach den Eigentümer, bescheren der Bevölkerung heute teils spekulative Schnäppchenmieten von 17€ Miete pro Quadratmeter.

Auf den sehr dicht bebauten Neubauflächen der Baufelder 4 und 5, ebenfalls der Kontrolle der Stadt entglitten, ist aus der ehemaligen Geldwäsche eine schöne neue Gelddruckmaschine entstanden: die mittleren Mietpreise werden auf Nachfrage bereits für 15€/qm angeboten! Damit sind diese Mieten im Durchschnitt ca. doppelt so teuer wie die Mieten der Syndikatsprojekte. Die vergleichsweise wenigen geförderten Wohnungen sind lediglich ein Alibi, die während der kurzen Bindungsfrist entstehende vorübergehende Mindereinnahmen sind für die neuen Besitzern bereits kompensiert. Denn die Stadt ermöglichte extra die Herabsetzung des Stellplatzschlüssels von Faktor 1 auf 0,8. Ein sonst auf Turley – etwa für Gemeinwohlorientierte oder soziale Einrichtungen – völlig undenkbarer Vorgang! Für Fortoon als Sahnehäubchen obendrauf jedoch natürlich möglich!

Auch hier ist das Kind also leider in den Brunnen gefallen. Man kann es bildlich so ausdrücken, das Kapital hat sich diese 22 Tausend Quadratmeter Boden zur Befriedigung seiner Interessen schön zurechtgelegt – an den tatsächlichen Bedürfnissen der Mannheimer Bevölkerung vorbei.

Die Rolle des Spekulanten Bock auf Turley ist damit fürs Geschichtsbuch klar, und ich möchte ihm gerne und sicher auch im Namen Vieler hier aus Mannheim in seiner Muttersprache ein deutliches „Fanculo Stronzo!“ hinterherrufen. Hoffentlich lernen andere Städte daraus!

Unklar jedoch ist, ob es sich bei alldem lediglich um einen Ausrutscher im Konversionsprozeß handelt. Oder ob diese Entwicklung nicht letztlich auch zur Aufgabe der MWSP passt. Nicht von selbst und nicht ohne Grund haben sich seit Beginn der Konversion die Bodenpreise auf den Konversionsflächen mehr als verdoppelt. Die schicken Newsletter der MWSP haben ihren Teil dazu beigetragen. Gab es dagegen erkennbar irgendeine Maßnahme der MWSP, um den Boden und damit das Wohnen dauerhaft bezahlbar unten zu halten? Uns als Mietshäuser Syndikat ist es jedenfalls nicht mehr möglich, auf von der MWSP entwickelten Flächen für dauerhaft Bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Verbrannte Erde! Und im Windschatten des Turleyskandals erscheinen mittlerweile andere letztlich profitorientierte Bebauungen auf den Konversionsflächen wie HOME und Franklin Mitte nachgerade sozialverträglich.

Ich wiederhole: dabei braucht Mannheim dringend statt Hochpreisigkeit Gemeinnutz und Gemeinwohl!

Gerade erst hat der Runde Tisch Wohnen des Baubürgermeisters das vorrangige Fehlen von Bezahlbarem Wohnraum festgestellt. 80% aller Neubauten sind hochpreisig, gleichzeitig haben 50% aller Mannheimerinnen den Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Zum wievielten Mal in den letzten Jahren hat sich Herr Eisenhauer dieser Situation wieder neu versichert? Wir brauchen keine Bedarfsermittlung mehr, sondern schnelles Handeln, solange überhaupt noch die Möglichkeit besteht.

Dazu muss seitens der Stadt dringend über die Verwendung der fraglichen Gebäude hier auf Turley neu nachgedacht werden. Statt „heißem Scheiß“ muss ein neuer Besitzer hier mit den Erträgen aus Bezahlbaren Mieten und am Gemeinwohl orientierten Nutzungen auskommen. Andere Formen von Investment braucht es auf Turley nicht!

Wieso kann aus der Reithalle nicht geförderter Wohnraum für Familien mit Wohnberechtigungsschein werden, dazu würde die Halle längs und quer in zweigstöckige Wohnungen aufgeteilt werden und mit jeweils kleinen Vorgärten zum Park und zum Ballett versehen werden. Das Torhaus und das „Hotel“- daraus könnte dringend benötigter Wohnraum für Klientel des Paritätischen Wohlfahrtsverband oder für das Frauenhaus werden. Das wäre mit Sicherheit eine Nutzung, die dem Sozialgefüge Turley und der Stadt Mannheim allgemein guttun würde. Über solche Nutzungsvorgaben muss die Stadt versuchen, mögliche neue Investoren in die Pflicht zu nehmen – aber bloß nicht über den Maßstab Bau einer Tiefgarage!

Tiefgaragen sind mit das Teuerste, was unter einem Gebäude herzustellen ist. Bis zu 10% der Baukosten werden normalerweise hier verbuddelt. Am Turleyplatz würde zusätzlich kein Gebäude darüber entstehen. Die Kosten für Aushub, Abtransport und Endlagerung des vermutlich kontaminierten Bodens fiele hier sogar ohne den Nutzen eines darüberliegenden Wohngebäudes an.

Kosten zwischen 30 und 40 Tausend € pro Stellplatz – welches Autoblech ist so eine Ausgabe wert? Warum wird dem Stadtteil völlig unnötig so eine Hypothek aufgebürdet – wenn es doch angeblich immer um eine nachhaltige, Bezahlbare Zukunft geht?

Explodierende Energiepreise und die unumgänglich notwendige Entwicklung einer alternativen Mobilität sprechen gegen den Bau.

Tiefgaragen bestehen aus Beton, machen einen Großteil der CO2 Emissionen am Bau aus.

Während die Polkappen schmelzen, Lützerath – unter Habeck – abgebaggert wird, und wir nur noch 7 Jahre vor dem Mannheimer Klimaziel Klimaneutral stehen…

eine Tiefgarage wirkt da völlig aus der Zeit gefallen und wäre ein Schildbürgerstreich.

Als zeitweise alternative Parkmöglichkeit könnte eine rückbaubare Quartiersgarage, begrünt und vorzugsweise aus Holz, auf dem freien Grundstück an der Grenadierstr. entstehen. PV auf der Dachfläche und an der Südfassade könnten als Energieträger für unmittelbare Elektro Ladekapazität dienen. Aber die Erfahrungen von Spinelli zeigen auch hier deutliche Kostengrenzen auf.

Aus Sozialen und Kostengründen, aber auch im Sinne des Mannheimer Klimaziels 2030 fordern wir den Stopp dieser Planung: Keine Tiefgarage unter dem Turleyplatz – im Sinne der Nachhaltigkeit muss das Projekt fallengelassen werden!

Turley braucht endlich auch die Fertigstellung des Casinos. Unser Nachbar Johannes Diakonie wartet seit Jahren auf die versprochenen Inklusionsarbeitsplätze. Wir können den Stillstand hier auch nicht mehr sehen! Das liegt alleine in der Verantwortung und Obhut der MWSP und – Denkmal hin, Winni Maas her – allmählich könnte es mal soweit sein. Hängt es an der Bauleitung? Komisch, warum es hier seit Monaten ins Denkmal geschützte Gebäude reinregnet? Und kann sich ein Normalbürger später noch eine Minute Nutzung des sicher kostspieligen Bürgerhauses leisten?

Lassen Sie mich noch ein paar Sätze zur Perspektive des Mietshäuser Syndikats in Mannheim sagen, denn heute ist auch die Tour du Syndikat hier zu Gast:

Wir bewerben uns natürlich um noch freie Flächen hier auf Turley, aber die MWSP setzt andere Prioritäten als Bezahlbaren Wohnraum und hat wohl auch andere Vorstellungen von Gemeinwohl. Und sie hat das Sagen.

Wir hoffen also, dass Esperanza auf Franklin – manche haben die Fläche heute Morgen schon mit dem Rad im Rahmen der Tour Du Syndikat besucht, noch einmal ein Syndikatsprojekt auf einer Konversionsfläche realisieren kann.

Deutlich muss aber gesagt werden, dass UnterstützerInnen des Syndikats uns auf Flächen bringen müssen, die nicht von der MWSP verwaltet werden. Da gibt es ganz konkret noch eine nennenswert großes auf Hammond in Seckenheim, das von der BIMA entwickelt wird, aber auf das die Stadt Einfluss hat. Hier gäbe es Bezahlbaren Wohnraum für 500 Personen!

Eine aktuell große Hoffnung und Vorbild für alle Mannheimer Stadtteile könnte entstehen, wenn es den MieterInnen aus der Stamitzstr. 7 gelingt, ihr Mietshaus von einem Immobilienhändler zurückzukaufen… es ist überall derselbe Kampf!

Als Mietshäuser Syndikat protestieren wir gegen den drohenden ungeregelten Ausverkauf und die unerträgliche Spekulation mit dem Quartier Turley.

Informiert Euch, bleibt uns wohlgesonnen, helft mit!

 

Rede von Dennis Ulas, Stadtrat Die Linke

Liebe wohnungspolitisch Interessierte,

die Nachricht, dass sechs Gebäude und ein unbebautes Grundstück auf Turley zwangsversteigert werden, hat uns alle wieder einmal aufgeschreckt. Wieder einmal, weil es erneut das Turley-Areal in der Neckarstadt-Ost betrifft und weil es wieder um den Investor Tom Bock geht.

Tom Bock ist 2010 als Ankerinvestor für das erste militärische Konversionsprojekt Turley aufgetreten und hatte vor fast genau zehn Jahren elf von 14 Bestandsgebäuden sowie unbebaute Grundstücke und gekauft. Die städtische Projektentwicklungsgesellschaft MWSP war froh über diesen Deal: Sie musste die militärischen Flächen zunächst von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) abkaufen und musste somit finanziell in Vorleistung treten. Durch den Verkauf ist wieder Geld in die Kasse der MWSP gekommen. Im Gesellschaftsvertrag der MWSP ist nämlich der Verkauf von Grundstücken zur städtebaulichen Entwicklung ausdrücklich vorgesehen.

Der bisherige Höhepunkt, mit dem Tom Bock negativ auf sich aufmerksam machte, war der Verkauf seines bis dahin unbebauten Grundstücks in den Baufeldern IV und V, wo er ein Luxus-Wohnviertel und Büroflächen realisieren wollte. Dieses Areal hatte er 2012 und 2015 für insgesamt 6 Millionen Euro von der MWSP gekauft und im Spätsommer 2018 – nur wenige Jahre später – für 36 Millionen Euro weiterverkauft. Der neue Eigentümer Fortoon, eine Tochterfirma des Sportwettenanbieters Tipico mit Hauptsatz in der Steueroase Malta, beteuert, dies zu einem marktüblichen Preis gekauft zu haben. Zumindest geht hier die Entwicklung voran und es entstehen mehr Wohneinheiten und Mietwohnungen als zuvor von Tom Bock geplant. Auch greift hier die Sozialquote, wodurch 50 preisgünstige Wohnungen entstehen werden. Das ist jedoch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein, da die Bindungszeit nur maximal 20 Jahre betragen wird und die übrigen Wohnungen einen für Neubau überdurchschnittlichen Mietpreis haben werden.

Im Sommer 2019 hat die Stadt alle Verträge mit Tom Bock gekündigt, nachdem hier schon jahrelanger Stillstand auf den Baustellen herrschte. Nur ein Teil der Gebäude hat Tom Bock umgebaut, renoviert und fertiggestellt. Bei anderen Objekten ruhte die Baustelle irgendwann, wie bspw. bei dem geplanten Hotel am Eingang von Turley, bei der ehemaligen Reiterhalle oder beim eingeschossigen als Gastronomie geplanten Pavillon. Die Begründung der Stadt für die Kündigung der Verträge war, dass sie die Entwicklung von Turley gefährdet sah – womit die Stadt vollkommen Recht hat, was sie aber auch durchaus selbst zu verschulden hat, wenn man an den Geschäftszweck und das Vorgehen der MWSP in den Jahren zuvor denkt.

Seit nun über drei Jahren läuft also der Rechtsstreit zwischen Tom Bock und der Stadt, bei den Objekten von Tom Bock herrscht seitdem weiterhin Stillstand. Auch die Tiefgarage unter dem Turley-Platz ist bis heute nicht begonnen worden, obwohl Tiefgarage und der darüber liegende Platz schon längst hätten fertiggestellt und neugestaltet sein sollen. Das Verfahren seit der Kündigung hat noch immer kein rechtskräftiges Urteil, was die Situation weiterhin erschwert. Die MWSP hat nach der Kündigung ihrerseits eine Vormerkung in die Grundbücher der betreffenden Objekte eintragen, also einen Widerspruch zum Vollzug der Kaufverträge mit Tom Bock. Diese sollten der MWSP die Möglichkeit bieten, alle Grundstücke und Gebäude zurückzunehmen und zugleich verhindern, dass Tom Bock diese an Dritte weiterverkaufen kann. Dass es trotz diesem eingelegten Widerspruch zum Vollzug der Kaufverträge in den Grundbüchern zur Zwangsversteigerung kommt, könnte an dem noch offenen Urteil im Rechtsstreit zwischen Tom Bock und der MWSP liegen, aber auch an der erforderlichen Entschädigungszahlungen durch die MWSP an Tom Bock für die bereits getätigten Arbeiten. Eine konkrete Aussage zu dieser angedachten und nicht erfolgten oder nicht möglichen Rückabwicklung der Kaufverträge ist die MWSP dem Aufsichtsrat und der Bevölkerung aber noch schuldig.

Die sieben zur Versteigerung anstehenden Objekte haben einen Verkehrswert von 22 Millionen Euro – ein sehr großer Batzen Geld. Die Preisspanne unter den Objekten reicht von 150.000 € für den kleinen Pavillon bis hin zu 15 Millionen Euro für das umfassend sanierte und bewohnte Gebäude am Turleyplatz 11. Im Zuge der Versteigerung wird dieser Wert aber vielleicht noch deutlich übertroffen werden, denn Geld ist auf dem Markt (noch) genug vorhanden. Erfahrungsgemäß liegt der auf dem Markt erzielbare Verkaufspreis deutlich über dem Verkehrswert, weil Investoren gerne bereit sind, ihr Geld – woher auch immer es stammt – in Grundstücken und Immobilien zu parken. Parken deshalb, weil die Gelder durchaus aus dubiosen Quellen stammen oder veruntreut sein können. Und natürlich, weil keine Gelegenheit ungenutzt bleibt, mehr Geld durch Weiterverkauf zu generieren.

So hat sich nun herausgestellt, dass das Geld, mit dem Tom Bock 2012 die Gebäude und Grundstücke gekauft hatte und mit dem er die Bauarbeiten finanziert hatte, teilweise aus veruntreuten Quellen stammt, wie ein Bericht im Neckarstadtblog aufdeckt. Mindestens 5,5 Millionen Euro stammen aus unterschlagenem Geld aus dem 1MDB-Skandal. Nachdem dieser Skandal aufgeflogen war, wurde bei Tom Bock offensichtlich das Geld knapp, was die Einstellung der Bautätigkeiten, sein Werben um frisches Geld über Crowdinvestment und dem Verkauf der Baufelder IV und V resultiert. Ab Ende 2019 melden einige seiner Unternehmen Insolvenz an. Somit ist der Insolvenzverwalter Herr über das Vermögen von Tom Bock und dieser muss die Ansprüche der Gläubiger befriedigen. Die Befriedigung ihrer Ansprüche erfolgt nun mit der Zwangsversteigerung.

Angeordnet wurde die Zwangsversteigerung von der Hauptgläubigerin Sparkasse Rhein-Neckar Nord. Wer die weiteren Gläubiger sind, ist jedoch nicht bekannt. Dargestellt wird die Zwangsversteigerung als ultima ratio, als letztes Mittel, da alle bisherigen Verhandlungen in den vergangenen zwei Jahren zwischen Gläubigern, MWSP und Tom Bock gescheitert sind. So wie wir Tom Bock in den vergangenen Jahren erlebt und kennengelernt haben, dürften die Verhandlungen allein an ihm gescheitert sein. Tom Bock schweigt sich in der Öffentlichkeit weiterhin aus. In einem ausführlichen Interview im Mannheimer Morgen vom Oktober 2020 stellt er sich als Opfer dar, weist alle Schuld von sich und schiebt die Schuld stattdessen der MWSP zu, die er für die Jahre lange Hängepartie verantwortlich macht. Seitdem hat er sich öffentlich nicht mehr zu Wort gemeldet.

Was auf Turley jedoch benötigt wird, sind keine weiteren Luxus-Wohnungen oder Mietpreise von 16 € aufwärts pro Quadratmeter. Wir wollen hier keine weiteren Heuschrecken oder Immobilienhaie anlocken, die den größtmöglichen Profit aus den Gebäuden und ihren bestehenden und künftigen Bewohner*innen und Nutzer*innen quetschen wollen. Was wir auf Turley und ganz Mannheim benötigen, sind gemeinwohlorientierte Bauträger, die nicht auf Rendite aus sind, und preisgünstige Wohnungen. Es ist zwar erfreulich, dass ein Privatinvestor in der Fritz-Salm-Straße ein Mehrfamilienhaus mit 100 % geförderten Mietwohnungen errichten wird. Aber das reicht bei Weitem nicht aus, wenn wir uns den Bedarf in der Stadt ansehen. Noch immer werden zu wenige preiswerte Wohnungen im Neubausektor realisiert – nur knapp 20 Prozent – während im Bestand die Mieten immer weiter steigen und immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen als neue hinzukommen.

Was muss die Stadt daraus lernen? Aus dem Grundstücksdeal von Tom Bock 2018 hat sie gelernt, die Weiterveräußerung innerhalb bestimmter Fristen zu unterbinden. Aber sie muss aus den gescheiterten Visionen und Versprechen von Tom Bock lernen, dass man Stadtentwicklung nicht auf dem Markt an einen höchstbietenden Privaten abgeben darf. Auch der vor vielen Jahren beschlossene Bebauungsplan trägt nicht zur weiteren Entwicklung des Turley-Areals bei, wenn der Privatinvestor insolvent ist und ein Rechtstreit sich über Jahre hinweg hinzieht. Zu glauben, dass mit der Zwangsversteigerung neue, solvente und am Stadtteil interessierte Investoren zum Zuge kommen, ist sehr naiv. Denn dauerhaft preisgünstige Wohnungen und gemeinwohlorientierte Nutzungen werden nicht entstehen, wenn wieder einmal der Höchstbietende den Zuschlag erhält. Stattdessen werden wieder Wohnungen oder Nutzungen entstehen, die den Privatinvestoren größtmöglichen Profit generieren, was nicht den Bedürfnissen des Quartiers und der Wohnungssuchenden in Mannheim entspricht.

Wir erwarten von der Geschäftsführung der MWSP, dass sie uns die weiteren Gläubiger neben der Sparkasse Rhein-Neckar Nord nennt und erklärt, ob sie Gespräche mit ihnen über andere Lösungen als der Zwangsversteigerungen geführt hat. Weiterhin erwarten wir von der MWSP, dass sie alle Hebel in Bewegung setzt, die Zwangsversteigerungen noch zu verhindern und eine Rückabwicklung der Kaufverträge mit Tom Bock herbeiführt. Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass die Stadt die volle Kontrolle über das Turley-Areal zurückerhält, um die Stadtentwicklung stärker an gemeinwohlorientierten Kriterien voranbringen zu können. Mannheim braucht mehr preiswerten Wohnraum und eine Stadtentwicklung, die sich an sozialen und ökologischen Kriterien orientiert – und hierfür muss entsprechend handeln, um diese Entwicklung auf Turley in die richtige Bahn zu lenken.

 




Halb Turley wird zwangsversteigert – Veruntreute 1MDB-Gelder in Mannheim reinvestiert

Mannheim, 24. September 2022. Von Dieter Leder und Manuel Schülke

Die ehemalige Reiterhalle auf Turley, erbaut um 1900. Ein denkmalgeschütztes Objekt, das 2012 von der MWSP an den Investor Tom Bock verkauft wurde. Seit dem passierte nicht mehr viel mit dem Objekt. Im Oktober 2022 kommt es zur Zwangsversteigerung, der Verehrswert ist mit 650.000 Euro angesetzt. Foto: Dieter Leder

Am 24. September 2022 lädt die MWS Projektgesellschaft mbH (MWSP) zum vierten Turley-Fest ein. Von 14 bis 19 Uhr wird auf dem ehemaligen Turley Kasernengelände ein buntes Programm geboten und gefeiert. Die MWSP selbst bietet neben Kinderschminken auch Führungen über die Fläche an. Eine gute Gelegenheit, wie es in der Einladung der MWSP heißt, sich davon zu überzeugen, wie sehr sich Turley entwickelt hat.

Vielen ist nicht zum Feiern

Das klingt für einige auf Turley nach blankem Hohn: Denn in vielen Punkten hat sich Turley nicht entwickelt. Zehn Jahre nach dem Verkauf an den Investor Tom Bock ist Turley noch immer eine Großbaustelle und auf vielen Bauprojekten tut sich seit Jahren schon gar nichts mehr, die Natur erobert sich langsam so manche Bauruine wieder zurück.

Screenshot der sieben Objekte auf Turley, die im Oktober 2022 zwangsversteigert werden.

Dass vielen auf Turley nicht zum Feiern ist, hat aber andere Gründe: Denn drei Wochen nach dem Turley-Fest kommt es zum Show-Down, dann wird halb Turley Zwangsversteigert. Sieben der ehemals elf von Tom Bock erworbenen Immobilien und Grundstücke auf Turley mit einem Verkehrswert von etwa 22 Millionen Euro werden ausgerufen und finden dann vielleicht einen neuen (oder alten) Besitzer.

Unsicherheit bei den Bewohnern und Betrieben auf Turley

„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Petra Klimes, die auf Turley mit movements angesiedelt ist. Ihre Ballett- und Tanzschule war eine der ersten von Tom Bock fertiggestellten Projekte auf Turley. „Der Gedanke und Plan war super für Mannheim“, erzählt sie von den Anfängen auf Turley, „das hatte Drive!“ Es sei eine große Chance gewesen, wie sie sagt, die ehemalige Kaserne mit neuem Leben zu füllen.

„Es ist bedauerlich, wie es sich entwickelt hat“, so Klimes rückblickend. Sie steht mit ihrer Meinung nicht alleine da, so denken auch ihre Nachbarn und alle anderen betroffenen Bewohner und Mieter. Denn viele von Tom Bocks Firmen sind mittlerweile insolvent, die MWSP hat längst alle Verträge mit ihm gekündigt. Am 13. Oktober 2022 um 8.30 Uhr, fast auf den Tag genau zehn Jahre nachdem Tom Bock die ersten Objekte von der MWSP übernommen hatte, kommt es nun im Kulturhaus Käfertal zur Zwangsversteigerung.

Es ist auffällig viel Geld da

Am 12. Oktober 2012 kaufte Tom Bock elf der 14 unter Denkmalschutz stehenden Kasernengebäude auf Turley sowie noch 12.700 Quadratmeter Wohnbaufläche (Baufeld IV) von der MWSP. Tom Bock plante mit einem Investitionsvolumen vom 100 Millionen Euro. „Tom Bock passt in das Gesamtkonzept“, prahlte Konrad Hummel, damals Geschäftsführer der MWSP und zugleich städtische Konversionsbeauftragter der Stadt Mannheim.

Woher die Gelder kamen, mit denen Tom Bock nicht nur die Grundstücks- und Immobilienkäufe in Mannheim sowie auch die geplanten Investitionen finanzierte, hinterfragte die MWSP offenbar nicht: Es waren unter anderem auch veruntreute Gelder, mit denen Tom Bock sich Turley kaufte, das zeigen vorliegende Dokumente. Eine Spur führt über die Schweiz und die Vereinigten Arabischen Emirate nach Malaysia.

Staatsfonds 1MDB büßt 11 Milliarden US-Dollar ein

In Tom Bocks undurchsichtigen Firmengeflecht taucht unter anderem auch Suaad A. al-Attas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Sie ist die ehemalige Ehefrau von Mohamed Ahmed Badawy Al-Husseiny, einem der Hauptakteure im 1Malaysia Development Berhad-Skandal (1MDB). Das ist eines der größten Finanzskandale der Welt, bei dem etwa 4,5 Milliarden US-Dollar unterschlagen und der malaysische Staatsfond 1MDB Schulden in Höhe von 7,8 Milliarden US-Dollar anhäufte: Insgesamt büßte der Fonds 11 Millarden US-Dollar ein.

Mohamed Ahmed Badawy Al-Husseiny (ganz links) und Khadem Abdulla al-Qubaisi (2. von links) bei der feierlichen Unterzeichnung des Joint Venture Investment zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Malaysia in Putrajaya im Jahre 2013 mit dem Premierminister Malaysias Najib Razak (3. von rechts). Foto: Screenshot sarawakreport

Al-Husseiny ist kein Unbekannter: Als Investor beim Fußballverein TSV 1860 München sorgte er 2011 für Schlagzeilen. In Abu Dhabi ist er Chief Executive Officer & Board Member bei der Investmentgesellschaft AABAR, die ab 2015 in den Focus der Ermittlungen mit dem 1MDB-Skandal gerät. Al-Husseiny soll zusammen mit seinem Geschäftspartner Khadem Abdulla al-Qubaisi etwa 1,367 Milliarden US-Dollar von 1MDB abgezweigt haben.

Unterlagen des US-Justizministeriums zeigen die Spur des Geldes bis auf ein deutsches Konto Al Attas‘. Quelle: justice.gov

Davon sollen knappe 40 Millionen US-Dollar auf das Konto von Al-Husseinys Ex-Frau Al-Attas gegangen sein, die die Gelder dann auf zahlreiche von ihr und ihrem Mann kontrollierte Konten verteilte. So sind 2013 und 2014 mehr als 22 Millionen US-Dollar auch auf Al-Attas’ deutschem Konto bei der Frankfurter BHF-Bank transferiert worden.

Tom Bock bedient sich an unterschlagenem Geld

Bereits 2013 wird Al-Attas Gesellschafterin in Tom Bocks Firmenimperium, sie beteiligt sich einerseits über eine Kapitalerhöhung mit 30.000 Euro. Ferner stellt sie ein Darlehen von knapp 5,5 Millionen Euro zur Verfügung, das für Soho Turley in Mannheim verwendet werden soll, wie interne Dokumente aus der Schweiz belegen.

In einer Vollmacht wird Al-Attas‘ Millionendarlehen für Soho Turley explizit aufgeführt. Quelle: Handelsregister

Ausgestattet mit frischem Geld bot Tom Bock bereits 2013 an, ebenfalls das Baufeld V zu entwickeln. Basierend auf der Vertragsgestaltung seiner Käufe von 2012 erwirbt Tom Bock im Jahre 2015 dann von der MWSP zusätzlich noch das Baufeld V auf Turley. Es ist naheliegend, dass ein Teil der Mittel für den Kauf aus unterschlagenen Geldern aus dem 1MDB-Skandal stammt, die in Mannheim reinvestiert wurden.

In Malaysia fliegt der Skandal auf und in Mannheim wird das Geld knapp

2015 fliegt aber auch der 1MDB-Skandal auf, es werden danach immer mehr Details bekannt. Ab September 2015 gibt es auch internationale Ermittlungen, etwa in der Schweiz: Der dortige Generalstaatsanwalt geht von vier Milliarden vom Staatsfonds gestohlenen US-Dollar aus, die in der Schweiz landeten. Es laufen Ermittlungen gegen Beamte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, so die damalige Meldung.

Im April 2016 weiten die Schweizer Behörden ihre Ermittlungen gegen zwei ehemalige Offizielle in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus, erstmalig werden auch konkrete Details genannt. Demnach dürfte es sich bei den genannten Offiziellen um Al-Qubaisi und Al-Husseiny gehandelt haben. 2019 jedenfalls werden Al-Qubaisi und Al-Husseiny zu 15 respektive zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Wie sich die anfänglichen Ermittlungen von 2016 auf Al-Attas und ihre bei Tom Bock investierten Gelder auswirken, ist nicht bekannt. Diese können von ihr zurückgefordert oder auch beschlagnahmt worden sein. Offenbar wurde ab 2016, spätestens 2017, bei Tom Bock das Geld knapp. Bei Banken scheint Bock offenbar kein frisches Geld mehr bekommen zu haben. Denn schon 2017 versucht Tom Bock mit dem eher ungewöhnlichem Weg über ein Crowdinvestment mittels privater Anleihe kurzfristig an frisches Geld heranzukommen. Die Anleihe sollte ein Jahr laufen.

Einstellung der Bautätigkeit, Insolvenz und Zwangsversteigerung

Seit 2018 tut sich nichts mehr auf den Baustellen. Schon im Dezember 2018 beschäftigt sich die MWSP mit dem Stilstand auf Turley, doch viel tun kann sie nicht. Noch hat Tom Bock das Sagen auf Turley: Im März 2019 wird öffentlich bekannt, dass Bock die für angeblich sechs Millionen Euro erworbenen Baufelder IV und V bereits im September 2018 für offenbar 36 Millionen Euro veräußert haben soll.

Im Juni 2019 reagiert die MWSP und zieht die Reißleine: Wegen Leistungsstörung auf Turley tritt sie von allen Verträgen mit Tom Bock und seinen Firmen zurück. Per einstweiliger Verfügung hat die MWSP zudem den Widerspruch zum Vollzug der Kaufverträge ins Grundbuch eintragen lassen um auch weiterhin Turley wie geplant entwickeln zu können. Ein halbes Jahr später bricht das Firmengeflecht des Tom Bock teilweise zusammen, viele seiner Unternehmen melden Insolvenz an, es kommt zu den ersten Zwangsversteigerungen.

MWSP und Tom Bock sind beide noch aktiv auf Turley

Der Widerspruch im Grundbuch hat offenbar nicht gewirkt, 2022 jedenfalls kommen sieben der vormals elf Immobilien in die Zwangsversteigerung. Es könnte ein Neuanfang sein und vielleicht das vorletzte Kapitel auf Turley, je nachdem, wer was kauft. „Stand heute können wir keine Aussage zu einem Rückkauf tätigen“, heißt es auf Anfrage an die MWSP zu möglichen Ambitionen bei der Zwangsversteigerung.

Die MWSP spricht aber auch von Verantwortung gegenüber den Be- und Anwohnern sowie der Stadtgesellschaft und der Stadt Mannheim. „Unsere Aufgabe und klares Ziel ist es, Turley vollständig zu entwickeln.“ Das ist bei der MWSP nun schon seit zehn Jahren Programm, in denen zwar viel passiert ist, aber Turley noch immer eine Baustelle mit vielen Visionen geblieben ist.

Ein Briefkasten an der ehemaligen Kapelle auf Turley weist auf 17 angesiedelte Firmen hin. Foto: Manuel Schülke

Und vielleicht auch noch lange bleiben wird: Weder die MWSP-Projekte wie Casino oder Tiefgarage sind auch nur ansatzweise im Entstehen. Auch Tom Bock ist noch immer präsent auf Turley. An der ehemaligen Kapelle hängt ein Briefkasten für 17 Firmen, die dem Imperium des Tom Bock gehören. Zudem sind auch noch einige Immobilien, die Tom Bock 2012 kaufte, nicht Teil der Zwangsversteigerung. Diese Objekte dürften wohl noch einige Zeit als Bauruine auf Turley herumstehen.

Jeder Schritt: Kein Treffer. Das gilt für Turley. Während das Casino links hinten seit Jahren nicht weiter entwickelt wird, ist das große Wohnhaus im Hintergrund fertig. Das wird nun aber zwangsversteigert. Und die Tiefgarage, die einst unter dem Platz davor entstehen sollte, ist nicht mal begonnen. Foto: Dieter Leder

Und dort, wo seit einem Jahr die Tiefgarage gebaut werden soll (und noch immer nicht gebaut wird), steht ein Plakat mit eine recht guten Beschreibung der Situation: „Jeder Schritt: Kein Treffer.“ Das könnte auch für die Zwangsversteigerungen im Oktober gelten: Vielleicht gibt es ja kein Gebot.

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Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
Erstveröffentlichung in den Blogs 6800.info (Dieter Leder) und neckarstadtblog.de (Manuel Schülke)