Landtagswahl Baden-Württemberg: Der Kommunalinfo-Kandidat*innen-Check im Videointerview

Kommualinfo Mannheim hat für euch Kandidat*innen zur Landtagswahl Baden-Württemberg interviewt. 10 Fragen querbeet durch die Themen der Landespolitik und die Antworten in maximal 20 Sekunden – das war die Herausforderung. Rede und Antwort standen uns Susanne Aschhof (Bündnis 90/Die Grünen), Boris Weirauch (SPD), Jessica Martin (Klimaliste Baden-Württemberg) und Sven Metzmaier (Die Linke). Anfragen gab es auch an Die Partei und Volt, mit denen jedoch keine Interviews zustande kamen. Viel Spaß beim Anschauen, bildet euch eure Meinung und nutzt eure Möglichkeiten, die Landespolitik mitzugestalten! (cki/scr)

Link zum Youtube-Video: https://youtu.be/sSFpd5h-q50




AfD provoziert im Kreistag – Rechtsaußenpartei erhält prompt die Quittung

 Am 08.04.19 tagte der Kreistag des Rhein-Pfalz-Kreis in Ludwigshafen. Im Rahmen des öffentlichen Teils standen u.a. Nachwahlen in Gremien und ein Antrag der AfD zur „elektronischen Passkontrolle und der medizinischen Altersuntersuchung bei minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten“ auf der Tagesordnung.

 

 

Bürger fragen – Landrat antwortet

Im Rahmen der Bürgerfragestunde wollte ein AfD-Befürworter aus Maxdorf wissen, ob der Kreistag darauf achten würde, ob sich alle Parteien an die Termine bei der Wahlkampfplakatierung halten würden. Und, ob dies vom Kreistag kontrolliert würde. Der Fragesteller wollte des Weiteren wissen, ab welchem Datum seine Partei in Maxdorf plakatieren dürfe

Die Antwort war knapp und deutlich, die der Landrat Clemens Körner (CDU) gab: Dies ist kein Thema des Kreistags. Dem Fragesteller wurde empfohlen sich bei der Gemeinde Maxdorf schlau zu machen.

Bericht der Gleichstellungsbeauftragten

Frau Wittmann trug ihren ausführlichen Beitrag in Wort und Bild vor.

Einzig die AfD-Fraktion schien damit ein Problem zu haben. Christiane Christen (AfD) wollte wissen, was der Unterschied zwischen Gleichstellung und -berechtigung wäre.

Antworten erteilten Frau Wittmann und eine Rednerin der SPD-Fraktion mit Verweisen auf das Grundgesetz.

Hierauf wollte die AfD-Fraktion nicht mehr antworten.

Der Antrag der rechtsradikalen Partei scheitert kläglich

Mit dem Antrag sollte bewirkt werden, dass u.a. Passpapierkontrollen bei unbegleiteten Minderjährigen Geflüchteten Aufgabe von Kommunen im Rhein-Pfalz-Kreis wird. Der Antrag „elektronischen Passkontrolle und der medizinischen Altersuntersuchung bei minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten“ wurde mehrheitlich abgelehnt.

Während der Vorstellung des Antrags durch Christiane Christen (AfD) schallte es aus den Reihen der Fraktionen FDP, SPD und der Grünen „Ablehnen!“

Landrat Clemens Körner ließ die Antragstellerin (erneut) wissen, dass dieses Thema bereits auf Ebene der Landesregierung in Mainz geklärt und entschieden wurde.

Frau Christen, höchst emotional aufgeladen, unterstellte: „Es gibt’s keine Passpapierkontrollen bei UMA’s.“

Frau Christen ist Mitinitiatorin und Sprecherin der migrationsfeindlichen, AfD-gestützten, Initiative „Kandel ist überall.

Christiane Christen kann als Unterstützerin der Flügelbewegung um Björn Höcke bezeichnet werden (Prüffall).

(c)Kommunalinfo Mannheim

Ein Vertreter der Grünen im Kreistag ergänzte in Richtung der AfD: „Diese mögen zur Kenntnis nehmen, dass die AfD-Fraktion im Mainzer Landtag dem geltenden Procedere in der Sache zugestimmt hat.“

Nachwahlen im Kreistag – AfD sichert sich Posten

Rund 6 Wochen vor Ablauf der Legislatur wurden ohne Gegenstimmen Vertreter der AfD in den Kreisausschuss und den Werkausschuss Eigenbetrieb Abfallwirtschaft gewählt. Dies hatte zufolge, dass damit automatisch die AfD eine Position im Rechnungsprüfungsausschuss erhielt. Dieser Ausschuss wir während der laufenden Legislatur nicht mehr tagen.

 

Der nächste Kreistag wird sich, nach den Kommunalwahlen am 26.5., aus heutiger Sicht am 30.06.19 neu konstituieren.

 

 

Bericht und Fotos: Christian Ratz




“Gegen Rassismus und Intoleranz – auf den Straßen und in den Parlamenten”

Die im Frühjahr 2016 in Berlin gegründete Bündnis-Kampagne „Aufstehen gegen Rassismus“ veranstaltete am 01. und 02.09.2018 eine Aktivenkonferenz in Frankfurt/Main. Bereits am 31.08. fand eine Podiumsdiskussion im DGB-Haus zum Auftakt der Konferenz statt. An der Konferenz nahmen rund 250 Personen teil, darunter auch Aktivisten aus dem Rhein-Neckar-Raum und der Südpfalz. Das Open-Air-Konzert „Rock gegen Rechts“, das parallel zum ersten Konferenztag statt fand, zählte etwa 15.000 BesucherInnen. KIM war dabei und berichtet exklusiv.

 

 

 

“Keine AfD in den hessischen Landtag”

Unter diesem Motto stand die Podiumsdiskussion am Freitagabend, welche den Auftakt zur Konferenz bildete. Gesprochen und diskutiert haben
Dr. Ulrich Schneider (Paritätischer Wohlfahrtsverband), Eva Berendsen (Bildungsstätte Anne Frank), Ulrike Foraci (Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen – agah), Hibba Kauser (Aktivistin gegen Abschiebungen, Offenbach) und Maike Wiedwald (GEW).

In Hessen wird, wie auch in Bayern, im Oktober 2018 der Landtag neu gewählt. Umfrageergebnissen zufolge hat die AfD reelle Chancen in beide Landesparlamente einzuziehen. Viele Menschen sehen die AfD, von Experten als Partei mit zunehmend faschistoiden Zügen charakterisiert, als Gefahr für die demokratische Grundordnung in Deutschland. Lauter werden die Stimmen, die fordern, dass die Partei vom Verfassungsschutz beobachtet werden muss.

 

Chemnitz und „Die AfD als parlamentarischer Arm einer rechten Sammlungsbewegung“

Eröffnet wurde die Konferenz am 01.09. durch Judith Amler (Attac).
Christine Buchholz (MdB Die Linke) sprach das Grußwort für das Bündnis Aufstehen gegen Rassismus und gab eine Stellungnahme zu den Geschehnissen in Chemnitz ab.
Den Inputvortrag „Die AfD als parlamentarischer Arm einer rechten Sammlungsbewegung“ hielt Andreas Kemper (Publizist und Soziologe, Münster).

Vor der Mittagspause verlas Judith Amler den Chemitzer-Solidaritätsaufruf, den die Konferenz an die AktivistInnen in Sachsen richtete. An diesem Tag fanden erneut Aufzüge rechter Gruppierungen, u.a. mit der rechtsextremen Partei Pro-Chemnitz, der AfD und PEGIDA, in Chemnitz statt, die von massiven Gegenprotesten begleitet wurden.

Am Nachmittag fanden diverse Workshops statt. Die Themen waren beispielsweise „Antifeminismus und reaktionäres Gesellschaftskonzept“, „Gewerkschaftsfeindlichkeit und die soziale Frage“ und „Formen rechter Vernetzung auf der Straße“. Inhaltlich ging es in den Workshops um die politische und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der AfD und weiteren rechtsradikalen Strukturen, wie beispielsweise der Identitären Bewegung.

„Rock gegen Rechts“ lockt Tausende auf den Opernplatz – Antifaschistische Spontandemo

Der DGB Hessen veranstaltete parallel zum ersten Konferenztag ab 12 Uhr das Open-Air-Konzert „Rock gegen Rechts“ auf dem Frankfurter Opernplatz. Nach Veranstalterangaben kamen 15.000 BesucherInnen. Diverse Organisationen hatten im Umkreis des Konzerts Infostände aufgebaut. Auch das Bündnis Aufstehen gegen Rassismus war dort vertreten. AktivistInnen verteilten Flyer und Aufkleber an die Konzertbesucher und standen für Gespräche zur Verfügung. Ansteckbuttons wurden gegen Spende angeboten. (Die Bündniskampagne mit Sitz in Berlin finanziert sich, ebenso wie die meisten der rund 20 Regionalgruppen, ausschließlich über Spenden).

 

Nach 23 Uhr, so Augenzeugen, zogen vom Veranstaltungsort zahlreiche AntifaschistInnen zu einer Spontandemo durch die Frankfurter Innenstadt los. Es wurde ein Zeichen gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft und gegen die demokratiefeindliche AfD gesetzt, ebenso wurde für mehr Solidarität mit Geflüchteten und für eine offene Gesellschaft geworben.

„Die Landtagswahlen 2018/2019: Was tun gegen die AfD?“ (inkl. Kommunal- und Europawahlen 2019)

Mit diesem Thema starteten ca. 40 TeilnehmerInnen bei einem Workshop in den zweiten Konferenztag am 02.09.. Es erfolgte ein Erfahrungsaustausch was bisherige Aktionskampagnen vor Wahlen angeht. Ein Schwerpunkt der Diskussion bildeten die Landtagswahlen in Hessen und Bayern in diesem Herbst. Die Kampagne will spezielle Materialen zur Verfügung stellen, um Aktionen zu den Kommunal-/Europawahlen 2019 und weiteren Landtagswahlen im kommenden Jahr zu unterstützen. Moderiert wurde dieser Workshop von Ulrike Eifler (DGB Südosthessen) und Christine Buchholz (MdB Die Linke). Weitere Workshops beschäftigten sich mit Themen wie z.B. „Lokal und regional von der AfD Angegriffene vernetzen“, „Entwicklung von zielgruppenspezifischen Materialien“ und „Weiterentwicklung der StammtischkämpferInnen-Seminare“.

Rückmeldung aus Chemnitz und „Aufstehen gegen Rassismus: Der Kampf gegen den Aufstieg der Rechten in Europa“

Christine Buchholz verlas ein Grußwort von „Aufstehen gegen Rassismus Chemnitz“. Gedankt wurde für die Solidaritätsbekundung, welche die Konferenz am Vortag nach Chemnitz gesandt hatte. Die Aktiven in Sachsen berichteten von einem erfolgreichen Protest mit ca. 4-5 tausend Menschen am 1.9. gegen den Aufzug faschistoider Kräfte (AfD, PEGIDA, pro Chemnitz und weiteren Neo-Nazis und Hooligans).

Die Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit dem Thema „Aufstehen gegen Rassismus: Der Kampf gegen den Aufstieg der Rechten in Europa“.

Auf dem Podium waren Cornelia Kerth (VVN-BdA), Ulrike Schmidt und Raymond Bennet (Stand up to Racism, Großbritannien), Hamado Dipama (Bayerischer Flüchtlingsrat) und David Albrich (Plattform für eine menschliche Asylpolitik, Österreich). Sandoz Szoke (Roma Parlament Ungarn) konnte aufgrund juristischer Differenzen mit der Regierung und wegen seiner Überwachung durch den ungarischen Geheimdienst nicht anreisen. Moderiert wurde die Diskussion von Judith Amler (Attac).

Die Verabschiedung der Abschlusserklärung durch die TeilnehmerInnen bildete den Schlusspunkt der Konferenz.

Link zur Konferenzseite, auch mit den Erklärungen „Chemnitz“ und zur Konferenz: https://www.aufstehen-gegen-rassismus.de/aktivenkonferenz/

(Bericht: Christian Ratz – Bilder: Christian Ratz, K.-H. P. und T.O.)

Weitere Bilder:




Der letzte Schritt zu Erdoğans Allmacht? – Zu den Neuwahlen in der Türkei

Erdoğan will sich bei den Wahlen am 24. Juni endgültig die Macht sichern

In der Türkei wird in den letzten Jahren viel gewählt: Da gab es die Parlamentswahlen im Juni 2015, die der AKP keine Mehrheit für eine alleinige Fortsetzung ihrer Regierungsmacht boten. Nach wenig ernsthaften und folglich gescheiterten Koalitionsverhandlungen folgten die Neuwahlen im November 2015, bei denen die AKP erneut die alleinige Regierungsmehrheit erhielt. Im Jahr 2017 musste die Bevölkerung dann über eine Verfassungsreform abstimmen, mit der mit knapper Mehrheit das Präsidialsystem eingeführt wurde. Und nun stehen schon wieder vorgezogene Neuwahlen in der Türkei an, und zwar bereits am 24. Juni.

Es haben sich zwei Wahlallianzen gebildet, die laut aktuellen Umfragen am Wahltag ein Kopf-an-Kopf Rennen führen werden. Auf der einen Seite das Republikbündnis (trk. Cumhur İttifakı) bestehend aus der regierenden AKP und den beiden rechtsextremen Parteien MHP und BBP. Und auf der anderen Seite tritt ein Bündnis aus der kemalistisch-nationalistischen CHP, der populären MHP-Abspaltung Iyi Parti, der islamistischen Saadet Partei und der konservativen DYP unter dem Namen Volksbündnis (Millet İttifakı) an. Doch das Zünglein an der Waage könnte eine andere Partei werden. Denn während zwei rechtsgerichtete Bündnisse um die Vorherrschaft kämpfen, könnte das Wahlergebnis der Demokratischen Partei der Völker (HDP) entscheidend werden. Als Spitzenkandidat für die HDP tritt Selahattin Demirtas an, und zwar direkt aus dem Gefängnis heraus. Gelingt es der HDP trotz aller Repressionen (derzeit sitzen tausende HDP-Mitglieder, darunter auch ihre ehemaligen Vorsitzenden sowie gewählte Abgeordnete und Bürgermeister in Haft) erneut die 10%-Hürde zu nehmen, könnten die vorgezogenen Wahlen für Erdoğan zum ernsthaften Problem entwickeln. Denn eigentlich plante der türkische Staatspräsident mit den vorgezogenen Wahlen und der frühzeitigen Umsetzung des neuen Präsidialsystems die Manifestation seiner Machtposition. Nun gerät dieser Plan zumindest Mal in Schwanken.

 

Veranstaltungstipp: Die Türkei vor den Wahlen – Bericht aus der Türkei und kritische Bestandsaufnahme der deutsch-türkischen Zusammenarbeit

mit: Nürsel Aydogan, HDP-Abgeordnete aus Diyarbakir und Gökay Akbulut, Bundestagsabgeordnete und Stadträtin DIE LINKE, Mannheim. Veranstalterin: Initiative „Nein zum Krieg – Solidarität mit Afrin“.

am 30. Mai 2018 | 19 Uhr | Bürgerhaus Neckarstadt-West, Lutherstraße 17, 68169 Mannheim

 

Es wird solange gewählt, bis die AKP gewinnt

Die Autorin Gökay Akbulut ist Mitglied des Bundestags und Stadträtin in Mannheim für DIE LINKE

Der regelmäßige Urnengang stärkt die Demokratie im Land, könnte man meinen. Für die Türkei gilt das allerdings nur bedingt. Denn bereits vor den Wahlen im Juni 2015 zogen die politischen Gewitterwolken im Land auf. Der türkische Staatspräsident Erdoğan hatte im März einseitig die seit zwei Jahren anhaltenden Friedensverhandlungen mit der PKK aufgekündigt. Denn entgegen seiner Erwartungen wuchsen durch die Verhandlungen nicht die Umfrageergebnisse für seine Person und die AKP, sondern die Demokratische Partei der Völker (HDP) gewann an Sympathien. Die Regierungspartei schwenkte deshalb vom Friedens- zum Konfrontationskurs mit den Kurden im eigenen Land um, und urplötzlich gingen noch vor den Wahlen die Angriffe auf die HDP los (samt eines IS-Anschlags auf eine Wahlkampfveranstaltung der HDP in Diyarbakir zwei Tage vor der Wahl, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen). Die HDP schaffte trotz dessen mit sensationellen 13% den Einzug ins türkische Parlament und machte den Alleinmachtsbestrebungen der AKP einen Strich durch die Rechnung.

Zwischen den Wahlen im Juni 2015 und den Neuwahlen im November desselben Jahres wütete in der Türkei bereits ein blutiger Krieg. Damit war eine Atmosphäre geschaffen, die in die neue Strategie der AKP haargenau passte. Denn weil die „undankbaren“ Kurden trotz zweijähriger Friedensverhandlungen nicht die AKP wählen wollten, sollten nun mit dem Krieg gegen die Kurden die Stimmen des nationalistischen Lagers eingefangen werden. Und wieder erwies der IS der türkischen Regierung hierbei nützliche Dienste. Am 20. Juli kamen bei einem Selbstmordanschlag der islamistischen Terrororganisation in der Kleinstadt Suruç 33 junge Menschen ums Leben, die sich auf dem Weg nach Kobanê gemacht hatten, um der Bevölkerung der Stadt Hilfe zukommen zu lassen. Ein weiterer Selbstmordanschlag des IS ereignete sich auf einer großen Friedensdemonstration in Ankara, zu der neben der HDP auch zahlreiche Gewerkschaften aufgerufen hatten. Bei diesem bislang schwersten Terroranschlag der Geschichte in der Türkei kamen 102 Menschen ums Leben. Danach stellte die HDP alle öffentlichen Wahlkampfveranstaltungen ein. Die Türkei versank in dieser kurzen Zeitspanne zwischen den beiden Wahlen im Terror, der sich in erster Linie gegen die Gegner der AKP-Regierung richtete. Aus der dadurch erzeugten Atmosphäre versuchte allerdings die AKP Kapital zu schlagen. Sie präsentierte sich als Garant der Stabilität. Die gegebene Situation sei hingegen lediglich eine Folge der Wahlergebnisse vom Juni.

Ein weiteres wichtiges Ereignis, das wir an dieser Stelle nicht übergehen können, ist die Ermordung von zwei türkischen Polizisten in der kurdischen Stadt Ceylanpinar im Juli 2015. Der türkische Staat wertete diesen Anschlag als Aufkündigung des Waffenstillstands der PKK. Somit befinde sich die Türkei nicht nur mit dem IS, sondern auch wieder mit der PKK im offenen Krieg. Die Regierung konnte somit wieder die HDP zum verlängerten Arm der „Terrororganisation PKK“ erklären, was Wähler dieser Partei zu „Vaterlandsverrätern“ machte. Doch gab es von Anfang an Zweifel daran, ob die PKK tatsächlich hinter diesem Anschlag steckt. Es folgten zwar Festnahmen möglicher Täter, doch im März dieses Jahres wurden alle neun Beschuldigten durch ein türkisches Gericht freigesprochen. Wer also verantwortlich für die Tat ist, die zum bis heute anhaltenden Krieg zwischen der türkischen Armee und der PKK führte, bleibt offen.

Via Putschversuch zum Verfassungsreferendum

Zwar konnte die AKP trotz aller Bemühungen die HDP nicht unter die 10%-Wahlhürde drücken. Doch sie konnte mit ihrer Strategie der Spannung die notwendigen Stimmanteile für sich gewinnen, um fortan weiter alleine regieren zu können. Die AKP schmiedete allerdings bereits größere Pläne. Bereits drei Tage nach den Wahlen verkündete Ibrahim Kalin, der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten, dass die Diskussion um die Einführung des Präsidialsystems auf ihrer Tagesordnung stehe und hierfür, falls nötig, ein Verfassungsreferendum geplant werden könne.

Ein Referendum für die Verfassungsänderung kam nur auf die Tagesordnung, weil die AKP nicht über genügend Abgeordnetenmandate verfügte, um alleine das Präsidialsystem einzuführen. Hierfür wären nämlich 367 Ja-Stimmen (von insgesamt 550 Abgeordneten), also eine 2/3-Mehrheit notwendig gewesen. Ein Verfassungsreferendum hingegen kommt dann ins Spiel, wenn zumindest 60% der Abgeordneten (aber weniger als 67%) für eine Verfassungsänderung stimmen. Mit der Unterstützung der Stimmen der rechtsextremen MHP-Abgeordneten konnte die AKP am 20. Januar 2017 mit 348 Ja-Stimmen (mind. 330 wären notwendig gewesen) das Präsidialsystem per Referendum der Bevölkerung zur Wahl zu stellen. Bevor die Verfassungsänderung dem türkischen Parlament vorgelegt wurde, war es allerdings zu einem einschneidenden Ereignis in der Türkei gekommen.

In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 waren türkische Generäle bei einem dilettantisch ausgeführten Putschversuch gescheitert. Über 290 Menschen verloren in jener Nacht das Leben, bevor die Putschisten sich geschlagen geben mussten. Die genauen Hintergründe dieses Putschversuchs sind bis heute nicht aufgeklärt. Erdoğan, der schnell den Prediger Fethullah Gülen hinter dem Putsch ausmachte, bezeichnete jedenfalls die Ereignisse in jener Nacht später als ein Geschenk Gottes. Was in der Türkei folgt, war nicht nur die Ausrufung des Ausnahmezustands, sondern eine beispiellose Hexenjagd gegen jegliche Opposition im Lande. Angefangen wurde bei der Organisation von Fethullah Gülen, mit der die AKP über lange Jahre zusammen arbeitete, bevor sie sich aufgrund von Machtstreitigkeiten zerwarfen. Zehntausende Menschen wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Unzählige Journalisten, Akademiker, Lehrer und Mitglieder des Polizei- und Militärapparats verloren ihre Anstellungen wegen vermeintlicher Nähe zum Gülen-Orden. Die Regierung hatte scheinbar penibel Listen über unliebsame Personen in öffentlichen Beschäftigungsverhältnissen geführt. Anders lässt sich die rasche Antwort der AKP kaum erklären.

Schon bald richtete die AKP aber ihre Angriffe vor allem gegen die kurdische Opposition im Lande. Kurdische Bürgermeister wurden abgesetzt und verhaftet. Abgeordnete der HDP wurden ihrer Mandate beraubt und hinter Gitter gesteckt. Gemeinsam mit ihrem neuen Bündnispartner, der MHP, führte die AKP einen regelrechten Vernichtungsfeldzug gegen die kurdische Opposition im Land. Bereits ein halbes Jahr zuvor war die türkische Regierung dazu übergangen, die kurdische Bevölkerung für ihr Wahlverhalten kollektiv zu bestrafen, indem sie ganze Städte und Bezirke wie Cizre, Sur oder Şirnak dem Erdboden gleichmachte und hunderte Zivilisten ermordete. Der Krieg gegen die kurdische Bevölkerung wurde somit nach der Wahlniederlage der AKP im Juni 2015 zu einer Konstante der türkischen Regierungspolitik.

Mit dem noch nicht verdauten Schrecken des Putschversuchs und unter den Bedingungen des Ausnahmezustands ließ die AKP dann die Bevölkerung am 16. April 2017 über das Präsidialsystem abstimmen. Der türkische Staatspräsident hatte die Opposition dezimiert, die Medien unter seine Kontrolle gestellt und in der Bevölkerung den Eindruck geweckt, dass ein Nein zum Präsidialsystem einer Unterstützung der Putschisten gleichkomme. Und trotz alledem gelang es seiner Partei nur mit einer Zustimmung von etwas mehr als 51% die Verfassungsänderung durchzubekommen.

Vorgezogene Parlamentswahlen als letztes Kapitel auf Erdoğans Weg zur Allmacht

Mit den vorgezogenen Wahlen möchte nun der türkische Staatspräsident das Präsidialsystem umsetzen. Er begründete die vorgezogenen Neuwahlen mit der Notwendigkeit, die ihm die aktuelle Situation im Irak und in Syrien auferlege. Erdoğan spielt damit auf die Situation der Kurden in den Nachbarländern an. Die Türkei hatte mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gemeinsam mit islamistischen Kräften den Kanton Afrin eingenommen. Dieser Krieg hatte die türkische Öffentlichkeit in einen wahren Kriegstaumel versetzt. Erdoğan möchte nun diesen Umstand im Schnellschritt ausnutzen, um seine Macht zu manifestieren.

Gewählt werden am 24. Juni nun sowohl die Abgeordneten des Parlaments, als auch der Staatspräsident. Der Posten des Ministerpräsidenten wird mit diesen Wahlen abgeschafft. Die Macht konzentriert sich fortan im Staatspräsidialamt. Gelingt es allerdings keinem der Kandidaten für das Präsidentenamt im ersten Wahlgang mehr als 50% der Stimmen zu erlangen, kommt es zwei Wochen später zur Stichwahl. Auch im Ausland wird gewählt, in Deutschland zwischen dem 7. und dem 19. Juni. Bei den derzeitig knappen Verhältnissen könnte den Stimmen der türkischen Staatsbürger im Ausland besonderes Gewicht zukommen.

Dass die Wahlen in der Türkei unter ungleichen Bedingungen stattfinden, bezweifelt niemand. Die türkischen Medien stehen fast ausnahmslos unter der Kontrolle der türkischen Regierungspartei. Auch am Wahltag des 24. Junis wird in der Türkei der Ausnahmezustand vorherrschen. Und der Spitzenkandidat der HDP, Selahattin Demirtaş, führt seinen Wahlkampf hinter Gefängnisgittern. Und trotz alledem ist noch nichts entschieden!

Die knappen Prognoseergebnisse schüren selbstverständlich auch die Ängste vor Wahlmanipulationen. Das wäre in der Regierungszeit der AKP auch kein Novum. Die Stromausfälle während der Stimmauszählungen sind in der Türkei legendär. Aus diesem Grund hat die HDP vorsorglich bereits zu einer internationalen Wahlbeobachtung aufgerufen (siehe http://en.hdpeurope.com/?p=3507). Ich denke, wir sollten bei dieser Schicksalswahl für die Türkei unsere Genossinnen und Genossen nicht im Stich lassen. Lasst uns diesen Aufruf streuen und Teilnehmer für die Wahlbeobachtungsmission der HDP gewinnen.

Gökay Akbulut




Die OB-Wahl „isch over“ und wirft viele Fragen auf

ttr – Die OB-Wahl ist gelaufen. Im zweiten Anlauf hat Peter Kurz sich mit 52% von seinem Herausforderer Peter Rosenberger (44,9%) nicht ganz knapp abgesetzt. Der im ersten Wahlgang fast als politischer Neuling (1 Jahr Gemeinderat) angetretene Christopher Probst von den Freien Wählern / Mannheimer hatte seine respektablen 15,9% in der Stichwahl an die Wählenden quasi zurückgegeben zur Neuverteilung, ohne Empfehlung. Die meisten wählten dann Rosenberger. Christian Sommer (Die Partei) hatte mit um die 3% in beiden Wahlgängen einen stabilen Fanclub von Verächtern des personellen und politischen Hauptangebots.

Das meist diskutierte Ergebnis der beiden Wahlgänge war jedoch die unterirdische Wahlbeteiligung von sage und schreibe nur 30,7 und 28,7%. Im Wahllokal mit der schlechtesten Wahlbeteiligung betrug diese zwischen 6 und 7%. Manche Spötter rechnen vor, dass keiner der Bewerber das in Bürgerentscheiden notwendige Quorum von 25% der Wahlberechtigten erreicht hat. 70% Nicht-Wähler: Was drückt sich darin aus? Politikverdrossenheit? Alle sind unzufrieden und erhoffen sich keinerlei Änderung. Oder das Gegenteil? Man ist eigentlich zufrieden, wie es läuft und sieht diesen Zustand auch nicht gefährdet. Man bleibt zuversichtlich zu Hause. Betriebsräte kennen den Effekt: Wenn der BR seine Arbeit gut und unauffällig macht, ist die Wahlbeteiligung nicht unbedingt groß. Erst wenn der Standort wackelt gibt es gut besuchte Betriebsversammlungen und hohe Wahlbeteiligung. Wahrscheinlich ist beides richtig. Erstaunlich ist, wie betoniert das Ergebnis letztlich war. Wenn man einmal in Rechnung stellt, dass die SPD in den drei Wochen vor der Stichwahl wahrscheinlich wirklich alles ihr Mögliche mobilisiert hat (die CDU vermutlich auch), dann ist das Ergebnis ernüchternd. Es hat sich kaum etwas bewegt.

Dieser Trend ist in Mannheim besonders krass aber keineswegs einzigartig. Der Wahlkampf war langweilig. Der Amtsinhaber versuchte auf seine Leistungen hinzuweisen und sich bei dem einzigen wirklichen Publikums- und Presse-Streitthema wegzuducken. Am Ende verlief seine Zustimmungsquote von Stadtteil zu Stadtteil fast haargenau parallel zu den Prozentsätzen der JA-Stimmen beim Buga-Bürgerentscheid (siehe Tabelle). In der politischen „Langeweile“ schaffte es die Frage, ob sechs Monate Buga oder nicht, alle anderen Fragen zu dominieren: Welche Ressourcen kann die Stadt generieren, wie und in welchen Anteilen werden sie eingesetzt für Bildung, Infrastruktur, Wohnen, Sozialversorgung, Kultur? Demokratische Steuerung öffentlicher Einrichtungen oder Überantwortung an die „Marktkräfte“? Bei der Konversion eine grundlegende Frage!

Die Stadtteile in der Grafik sind nach der Wahlbeteiligung sortiert. Es bestätigt sich die alte Wahrheit, dass die Wahlbeteiligung jeweils umgekehrt proportional zum „Sozialstatus“ verläuft, in der Grafik sehr grobschlächtig an der Arbeitslosenquote festgemacht.

Obwohl die OB-Wahl im Ruf steht, vor allem eine Persönlichkeitswahl zu sein, kreuzt sich das Ergebnis des Sozialdemokraten (und in gehörigem Abstand übrigens auch des „Partei“-Kandidaten) mit dem sozialen Gefälle, das des CDU-Mannes läuft parallel zum sozialen Gefälle – typisch Lager-Wahl.

Obwohl es ja „nur“ um die Frage geht, welche der beiden aussichtsreichsten Personen nun die Verwaltung führen soll, wollen die Wählerinnen und Wähler wie bei einer Parlaments- oder Gemeinderatswahl ihre politische Meinung nuanciert ausdrücken können. Und hier wurden sie von den Grünen als drittstärkster Partei und auch von der Linken bitter enttäuscht. Man muss wohl zur Kenntnis nehmen, dass Gemeinschaftskandidaturen die Wahllust erheblich schädigen.

Und noch etwas dämpft wohl die Wahllust: Auch die Kommunalpolitik nimmt an Komplexität zu, es müssen ständig unterschiedliche Einzelinteressen gegeneinander abgewogen werden, und trotzdem geht es im Kleinen auch immer um große Linien. Mit der Komplexität nimmt der Hang zur Vereinfachung und zu schlichtem Populismus zu. Populistische Politiker erfüllen aber genau das Bild vom beliebigen, je nach Opportunität handelnden und im Zweifelsfall nur auf den eigenen Vorteil und Erfolg abzielenden Politikaster. Die kleinen und großen Seehofers erzielen zwar hohe Zustimmungswerte, aber auch viel Ekel vor „der Politik“.

Was ist dem entgegenzusetzen? Aufklärung über Sachzusammenhänge und Interessenlagen, also Transparenz. Bürgerbeteiligung – aber wie? Indem am Ende die Leute mit Zeit und Bildung zusammenglucken und – ohne sich je einer Wahl stellen zu müssen – definieren, „was der Bürger wirklich will“? Gerade über Bürgerbeteiligung gab es im Zusammenhang mit der Konversion viel Streit. Die Bürgerbeteiligung hat zwei große Feinde: Komplexitätsverachtung der sich Beteiligenden und Verwaltungsängstlichkeit und Engstirnigkeit. Hier ist viel zu lernen und zu tun. Vielleicht nimmt dann auch die Wahlbeteiligung wieder zu.

Bereich Wahlb. Kurz Rosenberger Sommer Arbeitsl. Buga-JA
 Neckarstadt-West (02)  14,5 68,6  26,5  4,8  6,8  58,3
 Innenstadt/ Jungbusch (01)  18,2  65,5  30,1  4,1  5,3  62,7
Schönau (08) 21,3 59,5 37,8 2,7 7,4 53,6
 Neckarstadt-Ost/ Wohlgelegen (03)  24,7  60,6  35,6  3,7  5,2  55,3
 Vogelstang (11)  25,3  43,6  53,9  2,4  3,2  46,8
 Sandhofen (07)  26,5  45,1  52,0  2,6  3,2  43,5
 Waldhof (09)  27,3  49,1  47,6  3,1  4,6  47,4
 Käfertal (10)  28,3  48,0  48,6  3,1  3,7  51,5
 Rheinau (17)  28,3  42,7  55,2  2,0  4,3  47,6
 Seckenheim (14)  31,9  52,2  46,0  1,6  3,2  47,6
 Friedrichsfeld (15)  32,1  49,4  46,8  3,7  3,1  44,3
 Schwetzingerstadt/ Oststadt (04)  32,3  58,5  37,8  3,3  3,4  56,4
 Neckarau (16)  34,4  49,0  48,0  2,8  2,9  48,5
 Lindenhof (05)  34,8  55,9  40,9  3,1  2,4  53,8
 Neuostheim/ Neuhermsheim (06)  40,9  50,4  47,6  2,0  2,2  50,1
 Wallstadt (12)  42,4  48,5  49,4  2,0  1,6  46,0
 Feudenheim (13)  44,7  46,7  50,7  2,5  2,1  43,2

 




OB-Wahl: Bei der Stichwahl am 5.7. steht einiges auf dem Spiel

ttr –Der Ausgang der OB-Wahl am 14.6. in Mannheim ist nicht überraschend: OB Peter Kurz schaffte es mit 46,8% nicht zur absoluten Mehrheit, eine Stichwahl am 5. Juli wird fällig. Es gingen 7.200 Menschen weniger zur Wahl als vor acht Jahren, obwohl es knapp 18.000 mehr Wahlberechtigte gab (Wahlrecht ab 16 Jahren); 30,7% statt 36,6 % Wahlbeteiligung.

In politischen Lagern betrachtet hat es eine dramatische Verschiebung gegeben: Das rot-rot-grüne Lager hat 14% eingebüßt, das rechts davon befindliche Lager 16% gewonnen. Rein arithmetisch kann man feststellen: Gemeinschaftskandidaten ziehen den Kürzeren, und sie steigern nicht das Interesse an Wahlen.

Politisch hat Peter Kurz mit den Folgen einer aus den Fugen geratenen angeblichen BUGA-, in Wirklichkeit aber sehr viel komplexeren Debatte um Änderungsprozesse, „Visionen“, Kommunalfinanzen und „direkte“ Demokratie zu kämpfen. Hinzu kommt der gerade in der Schlussphase des Wahlkampfes nochmals medial aufgeschäumte „Klinikums-Skandal“. In der seit Jahren geführten Auseinandersetzung um bezahlbares Wohnen erkannte Kurz als Aufsichtsratsvorsitzender der GBG zu spät den Mangel an billigem Wohnraum und setzte zu stark auf die Sanierung der Bestände. Demgegenüber spielten zweifellos vorhandene Erfolge wie die nach anfänglichen Schwierigkeiten rasant durchgezogene Schaffung von 1.000 neuen Krippenplätzen, die Umsetzung eines riesigen Schulsanierungsprogramms, die Ansiedlung Hunderter anspruchsvoller Arbeitsplätze, die Verwaltungsmodernisierung keine Rolle; ebenso wenig das entschiedene Eintreten für Bildungsgerechtigkeit.

Der SPD aber auch den die Kandidatur unterstützenden Grünen und Linken gelang es nicht, alle diejenigen zur Wahl zu mobilisieren, die der Meinung sind, dass Kurz im Zweifel der Bessere ist als die Kandidaten der Rechten. Viele verließen sich darauf, dass Kurz so oder so auf jeden Fall wieder gewählt werde.

Christopher Probst, von bescheidenem und freundlichem Auftreten, in der Sache entschieden diffus, profitierte von der diffusen Opposition gegen Kurz. Probst schaffte es, sich zum „Buga-Gegner“ zu stilisieren, obwohl er für eine Gruppierung kandidierte, die es fertig brachte, innerhalb von zwei Jahren vier verschiedene Buga-Modelle zu präsentieren. Das erste Modell entsprach dem ursprünglichen Konsens, eine Buga zur Entwicklung des Grünzuges Nordost zu planen. Die zwei folgenden Vorschläge hatten mit diesem Zweck überhaupt nichts mehr zu tun. Eines seiner Wahlplakate trug dann die Aufschrift: „Keine Buga in der Au!“ Die ML pries sich als Erfinderin des Buga-Bürgerentscheids, reichte aber unlängst einen Antrag in den Gemeinderat ein, entgegen dem knappen Ergebnis des Bürgerentscheids die Buga-Verträge zu kündigen. Auch das Stichwort „billiges Wohnen“ lässt er mal fallen, ohne sich zur Finanzierung zu äußern. Getoppt wird Probst nur von dem freundlichen CDU-Mann Rosenberger, dem seine Partei gerne verzieh, dass er sich mehrfach über wichtige Punkte in dem ihm verordneten schriftlichen Wahlprogramm hinwegsetzte – nur so kam der Mann auf 33%.

Noch ein Wort zu Christian Sommer, der gar nicht Satire-Kandidat der „Partei“. Er wurde von den Kommunalpolitischen Initiativen (von Anti-Buga über Anti-Lärm bis zur Offizierssiedlungs-Initiative) zur Wahl empfohlen und sei hier einmal dem linken Lager zugeordnet. Seine wenigen Äußerungen allerdings (er wurde zu den meisten Podien nicht eingeladen), gaben das Bild eines spießigen Mittelschichtlers mit eher konservativen Ideen. So sprach er sich angeblich gegen Sozialwohnungen auf Franklin aus. Damit wiederum passt er gut zu den meisten aktuellen Initiativen, die – sobald sie ihr unmittelbares Thema verlassen – prompt bei FDP und ML landen.

Inzwischen hat Probst erklärt, bei der Stichwahl nicht mehr zu kandidieren, aber auch keine Wahlempfehlung auszusprechen. Seine WählerInnen werden überwiegend den Appell der CDU befolgen, nun dem Bürgerblock zum Durchbruch zu verhelfen.

Wäre dieser Durchbruch erfolgreich, wäre es in Mannheim der Start für eine (r)echte „Wende“: Wohnungspolitik = Einfamilienhäuschen, „Jedem das Seine“ statt Bildungsgerechtigkeit, Schwächung der kommunalen Steuereinnahmen durch Entlastung der starken Schultern, liberale Investorenfreiheit anstelle einer straffen Steuerung des Konversionsprozesses im Sinne demokratisch definierter Entwicklungsziele, „Entschuldung“ durch Privatisierung der Daseinsvorsorgeeinrichtungen etc. Mit einer rechten Oberbürgermeisterstimme im Gemeinderat würden die dortigen ohnehin fragilen Mehrheitsverhältnisse vollends nach rechts kippen.

Bei der Stichwahl ist Gelegenheit, diese Wende zu verhindern. Ob eine Luftschneise auf Spinelli 500 oder 600 m breit werden soll, und ob die Busse der Linie 61 die Häuser der entsprechenden Bürgerinitiativenmitglieder erschüttern oder nicht doch lieber die Häuser zwei Straßen weiter – dies sollten keine ausschlaggebenden Gründe für eine OB-Wahlentscheidung sein. Es sei denn, man will die rechte Wende.

Wer am 5.7. nicht Kurz wählt wird sich lange schwarz ärgern!