„Verschuldung … ist eigentlich in unserem Wirtschaftssystem angelegt.“
C. Berndt war mehrere Jahre bei einer Schuldenberatung in Ludwigshafen tätig und foscht als wissenschaftliche Referentin am Institut für Finanzdienstleistungen e.V. (iff). Ihre inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Bereich der Ver- und Überschuldungsforschung und der Praxis sozialer Schuldnerberatung. Wir haben mit ihr über ihre praktischen Erfahrungen in Beratung und Forschung gesprochen.

Quelle: https://www.iff-hamburg.de/caro-berndt/
KiM: Was sind die häufigsten Ursachen für Verschuldung von Privatpersonen und hat sich das in ihrer Zeit als Schuldnerberaterin verändert?
C. Berndt: Als häufigste Auslöser werden die sogenannten Big Six erfasst – die Hauptauslöser für Überschuldung. Hier galt Arbeitslosigkeit (17,4% in 2024) eine längere Zeit als Hauptauslöser, dieser wurde jedoch seit dem letzten Jahr von dem Punkt „Krankheit/Sucht und Unfälle“ abgelöst mit 18,1 Prozent in 2024 abgelöst. Zu den Big Six gehören aber auch beispielsweise Tod/Trennung/Scheidung oder längerfristiges Niedrigeinkommen. Die Auslöser unterscheiden sich insgesamt aber auch bei den unterschiedlichen Altersgruppen. Bei älteren Menschen spielt beispielsweise die gescheiterte Selbstständigkeit eine verstärkte Rolle, bei jüngeren Menschen sind Konsumschulden häufig relevant, da mit der eigenen Haushaltsgründung viele Anforderungen einhergehen.
KiM: Welche individuellen und welche strukturellen Faktoren begünstigen in eine Verschuldung zu rutschen?
C. Berndt: Verschuldung muss nicht per se problematisch sein, sondern ist eigentlich in unserem Wirtschaftssystem so angelegt. Im Kontext von Finanzierungen bspw. eines Eigenheims ist die Aufnahme von Krediten ein reguläres Mittel. Schulden hat jeder – schon ein Handyvertrag stellt ein solches Verhältnis dar. Können Verbindlichkeiten nicht mehr bedient werden, spricht man von einer Überschuldung. So sehr das über die Auslöser natürlich auch oft hergeleitet wird, lässt sich der Grund für eine Überschuldung oft nicht so monokausal bestimmen. Meist gibt es mehrere Faktoren. Überschuldung kann jeden treffen – besonders gefährdet sind allerdings Menschen mit eingeschränkten finanziellen Handlungsspielräumen, beispielsweise wenig Einkommen und fehlende Rücklagen.
KiM: Welche Rolle spielt das Phänomen der „Working Poor“ – Menschen, die trotz Arbeit nicht genug zum Leben haben? Wie hat die Entwicklung von Mieten und Lebenshaltungskosten die Verschuldung beeinflusst, besonders im Vergleich zur Lohnentwicklung?
C. Berndt: Wie bereits oben erläutert, spielt das eine entscheidende Rolle. Viele Menschen arbeiten in Jobs, die durch Niedriglohn prekäre Lebenslagen hervorrufen. Das wird in der Bevölkerung auch an den Menschen sichtbar, die beispielsweise über Sozialleistungen noch zusätzlich aufstocken müssen. Menschen in dieser Lebenslage sind natürlich einem besonderen Risiko ausgesetzt, da sie weniger Sicherheiten haben, schlechter auf unerwartete Ausgaben reagieren können und somit auch häufig in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind.
KiM: Wie bewerten Sie die Verantwortung von Banken, Fintech-Unternehmen und Händlern, die Kredite niedrigschwellig anbieten und welche Rolle spielen Inkasso – Unternehmen?
C. Berndt: Finanzdienstleister und Inkassounternehmen spielen eine wichtige Rolle. Im Grunde ist die Schuldnerberatung eine staatliche Reaktion auf zunehmend problematische Kreditverhältnisse gewesen. Deshalb fokussiert sich der finanzielle Verbraucherschutz auch hier auf die Rahmenbedingungen und damit auch auf die Verantwortung von Banken. Das kann zum Beispiel bei der fairen Vergabe von Krediten der Fall sein, aber wird zum Beispiel auch bei der Beteiligung zur Finanzierung von Unterstützungsangeboten vielseitig diskutiert und gefordert.
KiM: Knapp die Hälfte der 5,5 Mio Menschen über 18 die überschuldet sind, haben Schulden bei Telekommunikationsunternehmen. Werden Verbraucher nicht genügend davor geschützt?
C. Berndt: Ein Handy hat heutzutage jeder und die Mobilfunkverträge sind häufig undurchsichtig oder durch besondere Finanzierungsmodelle schwierig nachzuvollziehen. Finanzielle Grundbildung ist ein wichtiges Thema, um auch nötige Informationen zur Verfügung zu stellen, für die es noch keine nationale Strategie in Deutschland gibt. Dabei liegt natürlich die Verantwortung bei verschiedenen Akteur:innen. Die Transparenz von Verträgen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle.
KiM: Überschuldung wird oft als Folge charakterlicher Mängel angesehen oder mit dem Vorwurf versehen, nicht mit Geld umgehen zu können. Wie ist ihre Haltung dazu?
C. Berndt: Wie gesagt kann Überschuldung jeden treffen – natürlich wird das vorzugsweise bei Menschen mit wenig finanziellen Handlungsspielräumen sichtbarer und prekärer. Wir unterscheiden bei den Auslösern nicht grundlos zwischen vermeidbaren und externen Faktoren, wie besonderen Lebensereignissen. Das soll vor allem zeigen, dass es viele unerwartete Lebensereignisse gibt, die schnell eine Veränderung verursachen können. Bei der Krankheit zeigt es sich am besten – das kann niemand vorhersehen. Existieren in diesem Kontext vielleicht Kreditverträge oder geht ein Erwerbsverlust einher, entsteht schnell eine Überschuldungssituation. Dafür kann man aber niemanden verantwortlich machen. Man kann den Menschen nicht verbieten ihre Zukunft zu planen und auf Unterwartetes kann man sich nicht vorbereiten. Gleichzeitig möchte ich auf die vermeidbaren Auslöser hinweisen und hier aber gerne auch die politischen Strukturen adressieren. Einige Bedingungen brauchen eine Nachjustierung im Verbraucherschutz und gleichzeitig sind vielen Menschen ihre Verbraucherrechte nicht bekannt oder können sie strukturell nicht umsetzten. Ein gutes Beispiel hier das Pfändungsschutzkonto, welches den Betrag auf dem Konto vor Pfändungen schützen soll, der zum Existenzerhalt benötigt wird. Die Umwandlung muss erst selbst bei der Bank beantragt werden, um den Schutz zu erhalten. Dass es das gibt, nichts kostet und jeder das Recht dazu hat, wissen viele nicht. Noch kniffliger wird es dann, wenn der Bankberater plötzlich sagt, dass eine Umwandlung nicht möglich ist. Das kommt strukturell vereinzelt leider auch immer mal wieder vor. Oder die Möglichkeit zum Widerspruch etc. etc. Theoretisch muss man sich das alles zusammensuchen…oder eben in Beratung gehen. Das sollte aber ja perspektivisch und strukturell nicht das Ziel sein, die Menschen in die Hilfebedürftigkeit zu manövrieren, sondern den Zugang zu Informationen ermöglichen und den Verbraucherschutz so anpassen, dass er leicht wahrnehmbar wird.
KiM: Was hindert Menschen daran, ihre Schulden abzubauen und was kann Menschen dabei unterstützen wieder selbstbestimmter leben zu können?
C. Berndt: Finanzielle Grundbildung strukturell stärken, den Verbraucherschutz in finanzieller Hinsicht stärken und letztlich hilft es schon gesellschaftlich mehr über das Thema Schulden zu sprechen, damit die Scham, die mit dem Thema verbunden ist, gesellschaftlich irgendwann einmal bearbeitet und ausgeräumt wird. Dann suchen sich auch mehr Leute Hilfe oder tauschen sich frühzeitig zu gewissen Themen aus. Das sorgt für eine Entstigmatisierung bei diesem Thema.
KiM: Gibt es eine Organisierung von Menschen mit Schulden?
C. Berndt: Wäre mir nicht bekannt, einfach aus dem Punkt „Scham“ heraus. Es ist oft schon schwierig, Leute zu finden, die offen darüber sprechen müssen. Oft ist die Darstellung auch plakativ – das verhindert, dass Menschen ihre Lebenssituation preisgeben möchten oder Sozialarbeiter:innen als Vermittler:innen dafür fungieren möchten. Somit gewinnt aber auch die Soziale Arbeit als Lobby aber auch Institutionen der Hilfe eine entscheidende Funktion, um sich für die Themen und das soziale Problem einzusetzen.
KiM: Was hat Sie in ihrer Arbeit bisher am meisten bewegt?
C. Berndt: Das waren Fälle von Menschen, die trotz schwierigster Lebensbedingungen noch optimistisch geblieben sind. Die zum Teil höchst traumatisierende Schicksalsschläge erlitten haben, von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen waren und sich trotzdem aufgerappelt haben und ihren Verpflichtungen zum Teil noch über Jahre nachgegangen sind. Das muss unglaublich viel Anstrengung und Energie kosten. Dass diese Menschen in das Narrativ des „Faulen“ fallen, oder sich als Versager:innen wahrnehmen, die nicht in der Lage sind, mit Geld umzugehen, bewegt mich. Das motiviert mich auch politisch in meiner Arbeit.
KiM: Welche Forderungen an politische Akteure haben Sie und auf welcher Ebene sind Maßnahmen sinnvoll?
C. Berndt: Auskömmliche Finanzierungen für präventive Maßnahmen und Unterstützungsangebote im Kontext Schuldnerberatung und Sozialberatungen. Angebote wie die Budgetberatung in der Schweiz machen vor, wie finanzielle Beratung auch unabhängig von Prekarität präventiv gedacht werden kann.
Eine Grundsicherung, die auch ein sicheres Gefühl vermittelt mit nachhaltigen Weiterbildungsstrukturen
Der Ausbau und die Förderung schulischer Bildung in finanziellen Fragen, die eine Alltagsnähe aufweisen. Angepasste Angebote und Informationen für alle Phasen des Lebens.
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Interview: DeBe















