Erinnerungsort für „Gastarbeiter*innen” auf Spinelli – einige kritische Anmerkungen
Auf Wunsch des Migrationsbeirates der Stadt Mannheim und nach einem entsprechenden Antrag der SPD-Fraktion 2022 beschloss der Gemeinderat in diesem Frühjahr, einen Erinnerungsort für „Gastarbeiter*innen“ zu errichten. Man war sich schnell einig, diesen auf dem BUGA-Gelände zu gestalten. Er soll auch nach Ende der BUGA erhalten bleiben. Auf Vorschlag eines Landschaftsplaners wurde der Erinnerungsort als Kreis von acht Kiefern unterschiedlicher Art errichtet. Die Kiefern sollen acht Herkunftsnationen repräsentieren. Es gibt entsprechende Erläuterungstafeln mit QR-Codes, die zu Erläuterungen des MARCHIVUM und zu Gesprächsausschnitten mit Mannheimer Migrant*innen führen. Bei der Eröffnungsfeier des Erinnerungsortes in Anwesenheit von Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz hielt Dr. Maria Alexopoulou eine Keynote, in der sie bei aller Freude, dass es jetzt überhaupt einen solchen Erinnerungsort gibt, kritisch darauf hinweist, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Gastarbeiter*innen“ erst ganz am Anfang steht, und dass selbst dieser Erinnerungsort noch die Eierschalen des jahrzehntelangen von Ablehnung der Migration und von Rassismus geprägten Umgangs mit dem sog. „Gastarbeiter-Problem“ trägt.
Maria Alexopoulou ist gegenwärtig Vertretungsprofessorin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte des Historischen Instituts der Universität Mannheim. Seit dem 01.10.2020 ist sie Projektleiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, mit zwei Forschungsprojekten im Rahmen des „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Sie hat uns diesen sehr nachdenkenswerten Text freundlicherweise zur Veröffentlichung überlassen, obwohl er als Rede naturgemäß keine Quellennachweise und Belege für ihre Aussagen enthält, wie das bei wissenschaftlichen Arbeiten erforderlich ist. Dafür danken wir ihr sehr. (tht)

Blick in den Kiefern-Kreis des Erinnerungsortes auf dem BUGA-Gelände. Sicher nicht beabsichtigt aber voll hintergründiger Symbolik ist die Präsenz eines ehemaligen Wachhäuschens und des Schlagbaums ganz rechts im Bild, als solle damit an die Bedeutung staatlicher Anwerbe- wie auch Ausschließungspolitik erinnert werden. Das rigide Ausländerrecht ist bis heute ein ständiger Begleiter des Lebens als Migrant*in. (Bilder: KIM)
Keynote bei der Eröffnung des Erinnerungsortes für „Gastarbeiter*innen“ auf der BUGA am 13.5.2023
Von PD Dr. Maria Alexopoulou (Universität Mannheim)
Vielen Dank für die Einladung und die Möglichkeit hier vor Ihnen zu sprechen. Nach so viel Lob, folgen nun auch ein paar kritische Anmerkungen
Bei den Internationalen Schillertagen 2007 in Mannheim führten migrantische Jugendliche – viele davon Nachkommen der ehemaligen „Gastarbeiter“ – das Stück Schwerer Panzer Flügelkleid auf, das an Schillers Die Jungfrau von Orleans angelehnt ist. Johanna, hier die Figur der Jeanne d’Arc, beansprucht darin:
„Jeder hat Traditionen … […] das sind die Wurzeln. Ohne die Wurzeln fällt auch der größte Baum um […]. Ich glaube man kann nicht akzeptieren, schlecht behandelt zu werden. Und wenn die Worte nicht ausreichen … dann muss man für seine Sache kämpfen … Jeder hat das Recht einen Platz in dieser Welt zu haben.“ Kaya, eine andere Figur im Stück, legt nach: „Genau, Du hast gut geredet. Wir haben Recht auf unseren Platz … und der ist hier.“
Der Platz, den „hier“ bezeichnet, ist in dem Stück der Jungbusch, in dem 67% der Einwohner*innen einen sog. Migrationshintergrund haben, zudem ist es eine typische arrival city, also ein Stadtteil, der traditionell von Migration, vom Ankommen, aber auch Bleiben nach der Migration und damit von Einwanderung geprägt ist.
Die Regisseurin und Theaterpädagogin Lisa Massetti hat das Theaterstück im Rahmen der Jugendarbeit des Gemeinschaftszentrums Jungbusch zusammen mit den migrantischen Jugendlichen entwickelt. Auch ihre Inszenierung Feuerbrand aus dem Jahr 2017 – ein an Kabale und Liebe angelehntes Sidewalk-Theaterstück – befasst sich mit dem Jungbusch als »Heimat«. Schon lange zum begehrten Objekt von Immobilienspekulanten avanciert, sehen sich seine Bewohner*innen gezwungen, gegen Gentrifizierung anzukämpfen, wie in der folgenden Szene des Stückes deutlich wird:
Kracht [Vertreter der Immobilienfirma bei einer Bürgerversammlung]: Der Jungbusch wird eine neue eigene Identität entwickeln für Alt- und Neubürger … Man muss größer denken, […] darauf vertrauen, dass der Jungbusch in Zukunft noch mehr zu einer lebens- und liebenswerten Heimat wird …
Sinan: Was laberst du da! Heimat […]! Weißt du überhaupt, was das bedeutet? Jungbusch ist unsere Heimat … wir gehören hier her … hier ist unser Zuhause, wir wollen nicht weg von hier … wir wollen nicht … Verstehst du?
Die beiden Stücke thematisieren „Heimat“ – in Form einer „Beheimatung“ – als Akt der Aneignung, den auch diejenigen vollzogen haben, deren dauerhafte Präsenz aufgrund ihrer Herkunft nicht erwünscht war oder ist. Sie beheimateten sich, indem sie den physischen und sozialen Raum vereinnahmten, ihn für sich beanspruchten, ihn transformierten, veränderten.
Viele von ihnen nennen sich in der zweiten oder dritten Generation „Monnemer Türk“, wie das sehr erfolgreiche Konstrukt des Bühnenkünstlers Bülent Ceylan lautet, oder ganz authentisch die entsprechende Selbstbezeichnung als z. B. „Mannemer Griesch“. Diese Eingewanderten und ihre Nachkommen verbanden ihre Identität mit ihrer Stadt oder auch ihrem Stadtteil und markieren sie als hybrid oder, um eine andere Kategorie vorzuschlagen, auf die ich später noch zurückkommen werde, als translokal.
Erinnerungsort leider an der Peripherie
Deshalb ist es eigentlich schade, dass diese Bäume, die diese Beheimatung und Verwurzelung der ehemaligen „Gastarbeiter“ und deren Nachkommen hier in Mannheim symbolisieren und auch deren Lebensleistung ehren sollen, zwar an einem schönen Ort stehen und kurzzeitig als Teil der BUGA dieser Aspekt der Mannheimer Geschichte als Einwanderungsgesellschaft auch hier Erwähnung findet; aber es ist dennoch schade, dass dieser Erinnerungsort abseits, fern der migrantisch geprägten Viertel entstanden ist. Eine Ehrung in der Peripherie und nicht im Zentrum – und das ist typisch. Denn die Rolle die Migration, Migrant*innen, Postmigrant*innen, BPoCs, Sinti*zze und Rom*nja, die von Vielen noch als Andere der Deutschen angesehen werden, als Migrationsandere, die Rolle, die ihnen weiterhin zugewiesen wird, ist am Rand, an der Peripherie – zumindest, wenn es um ihre Belange und Bedarfe, ihre Sichtbarkeit und ihre Bedeutung in der Transformation Deutschlands und auch seiner Städte in lokale Einwanderungsgesellschaften geht. Als vermeintliches Problem oder mit ihren angeblichen Defiziten geraten Migrant*innen dagegen seit Jahrzehnten immer wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Im Februar diesen Jahres zeigte sich dabei erneut, welche Wirkmacht diese Bilder und Wissensbestände haben, nachdem die CDU in Berlin auch deshalb erstmals nach zwanzig Jahren die Senatswahl gewinnen konnte, indem sie die schon traditionellen Silvester-Krawalle in Neukölln als Problem mit den sog. „kleinen Paschas“ framte und politisch ausschlachten konnte.

Der Erinnerungsort befindet sich nicht nur in Randlage zur Stadt sondern auch am äußersten Zipfel des BUGA- und späteren Grünzuggeländes. Links im Hintergrund ein Bestandsgebäude der ehemaligen Kaserne, in welcher jahrelang Geflüchtete untergebracht waren. Deren Migrationsgeschichte ist allerdings nicht Gegenstand des Erinnerungsortes. Ökologisch betrachtet macht die Anordnung des Kiefern-Ensembles im Windschatten der Kaserne jedoch durchaus Sinn, da es die bodennahen Luftbewegungen des Frischluftkorridors nicht zusätzlich stört…
Doch zurück zu diesem Erinnerungsort: Auch Bäume als Mittel der Erinnerung haben in Deutschland schon eine eigene Geschichte des Rassismus: So wurden einzelne Bäume, die in Erinnerung an die hauptsächlich migrantischen Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds, des NSU, in einer der sog. Täterstädte, in Zwickau, 2019 angepflanzt wurden, immer wieder abgehackt. Auch dort fragten viele, ob zehn Bäume und Plaketten – auf denen Namen falsch geschrieben und die Tatbestände unsensibel und reißerisch beschrieben wurden – in einem Park überhaupt eine angemessene Art seien, Opfern rassistischen Hasses zu gedenken. „Ich weiß auch gar nicht, ob ich möchte, dass in Zwickau ein Baum für ihn gepflanzt wird, wenn man dort gar nicht sicher sein kann, dass er nicht wieder abgesägt wird“, wurde Gamze Kubaşık, die Tochter Mehmet Kubaşıks, zitiert, die ähnlich wie die anderen Hinterbliebenen nicht gefragt und nicht einmal eingeladen worden war, zur ersten offiziellen Gedenkfeier in Zwickau im November 2019.
Arbeitsleistung der Migrant*innen Erfolgsfaktor für Deutschland – Migration oft als Gefahr beschworen
Nun war hier ja der Migrationsbeirat bei der Planung des Erinnerungsortes involviert, zudem wird hier nicht einem rassistischen Terrorakt gedacht, sondern der Lebensleistung jener Mannheimer*innen, die als Arbeitsmigrant*innen in diese Stadt kamen. Was kann diese Art des Gedenkens jedoch über das rein Symbolische hinaus erreichen? Denn die Geschichte des „Arbeitens für Deutschland“, die in eine Einwanderungsgeschichte mündete und die Geschichte der Menschen, die darin die Hauptrolle spielen und die sehr lange in der kollektiven Erinnerung und in der Geschichtsschreibung als Menschen ohne Geschichte behandelt wurden, ist viel zu komplex, als dass sie durch ein paar Interviews und einige Bäume angemessen gewürdigt werden kann: Es ist eine Geschichte von Abwehr, von Ausbeutung und von Kontinuitäten des Rassismus, es ist eine Geschichte, die die Storyline der Bundesrepublik als erfolgreiche Demokratie stark in Frage stellt, es ist eine Geschichte von Kämpfen, von Eigensinn, vom Scheitern von Lebensträumen, und gleichzeitig ist es eine Erfolgsgeschichte für Viele, die trotz allem blieben, trotz aller Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden und gegen jede Erwartung, dass sie doch bitte wieder gehen mögen nach getaner Arbeit. Im Grunde ist es auch eine Erfolgsgeschichte für Deutschland, die erst zaghaft Anerkennung findet, von einer Mehrheit erst seit 2015/16 der sog. Flüchtlingskrise, als man sich auch offiziell dazu bekannte, ein Einwanderungsgesellschaft zu sein. Deutschland ist durch die Migrant*innen diverser, pluraler, transkultureller geworden, zudem wurde und wird dieses Land durch ihre noch zu wenig bekannten Kämpfe für Bürger*innenrechte, für Gleichheit und gegen Rassismus demokratischer, gerechter und anti-rassistischer. Die Arbeitsleistungen der Migrant*innen sind freilich ebenso eine Erfolgsgeschichte und Erfolgsfaktor für Deutschland, sei es ihre Man- und Women-Power, die als Muskelkraft, als Dienstleistung, als Denkarbeit, Kreativität oder unternehmerisches Talent, eigentlich schon immer dazu beigetragen hat, dieses Land am Laufen zu halten. Dennoch hören wir meist oder am Lautesten dann über Migration, wenn sie als Gefahr beschworen wird – aktuell sehen wird das wieder, alle fokussieren sich auf die sog. illegale Migration, sind sich einig darin, sie abwehren und Kontrolle erlangen zu müssen, und nutzen dabei Migration und Migrant*innen wie es immer und immer wieder zu beobachten ist, als Mittel eines exkludierenden gesellschaftlichen Zusammenhalts, sei es auf nationaler Ebene oder innerhalb der Festung Europa.
Andere der Deutschen, Migrationsandere, auszuschließen und als Gefahr zu framen, das existierte meist parallel mit dem Anliegen, ausländische Arbeitskraft zu holen, anzuwerben und zu ge-brauchen für das, was man nicht mehr als Deutscher machen wollte – und das hat eine lange Geschichte, die mit der Gründung des ersten deutschen Nationalstaates, des Deutschen Kaiserreichs 1871 begann; um 1900 war Deutschland nach den USA führendes „Arbeitseinfuhrland“, wie das ein Zeitgenosse nannte, allerdings auch explizit kein Einwanderungsland, insbesondere nicht für die osteuropäischen, meist polnischen Arbeitsmigrant*innen, die man als volksfremde und minderwertige ansah. Der Schutz des „deutschen Volkes“ das zunehmend als rassisch höherwertig imaginiert wurde, stand dabei zunehmend im Mittelpunkt. Die Rede von der Überfremdung oder Slogans wie „Deutschland den Deutschen“ kamen schon Ende des 19. Jahrhunderts auf.
Deutschland Einwanderungsland wider Willen
Der Wille, dass Deutschland kein Einwanderungsland werde, blieb auch in der BRD bestehen, 1952 hieß es noch, dass nicht „wertvoller Bevölkerungszuwachs“ durch Einbürgerung zu verhindern sei und schon in den 1960er Jahren definiert man innerhalb des Bundes- und der Landesinnenministerien, dass die Gastarbeiter auch als solche galten. Diese Haltung spiegelt sich ja in diesem widersinnigen Begriff ‚Gastarbeiter‘, den es in dieser Form nur im Deutschen gibt: Was viele nicht wissen, ist, dass dieser Begriff schon im Nationalsozialismus aufkam, um Arbeitsmigrant*innen aus befreundeten Ländern zu bezeichnen; er war also keine Erfindung der Nachkriegszeit, mit dem man zehn Jahre nachdem jede vierte Arbeitskraft in NS-Deutschland eine Zwangsarbeiter*in war, ausländische Arbeitnehmer*innen nun auf freundliche Art bezeichnen wollte. Zudem war man anders als der schon so oft zitierte Satz von Max Frisch eigentlich gar nicht überrascht, dass Menschen kamen, als man Arbeiter rief. Man tolerierte diese Menschen weiterhin nur wegen ihrer ökonomischen Nützlichkeit, für ihre menschlichen Bedarfe sollten sich die Wohlfahrtsverbände und die Firmen sorgen, am besten sollten sie in Industriegebieten und in Werksgeländen, da wo früher die Barracken der Zwangsarbeiter*innen standen, unsichtbar bleiben. Die Stadtverwaltungen begannen meist erst Anfang oder Mitte der 1970er Jahre an, sie überhaupt als Einwohner*innen zu betrachten und sich allmählich um ihre Bedarfe zu kümmern.
Das hat zur Folge, dass selbst im demokratischen und vermeintlich geläuterten Deutschland, das zentrale Merkmal des Lebens als Gastarbeiter die prekäre Präsenz war, ein Status, der mit fehlender Planbarkeit und Sicherheit verbunden war und sie in fast allen Bereichen zu Ungleichen machte, die nicht dazugehörten und auch nicht dazugehören sollten – unabhängig davon, was diese überhaupt wollten.
Diese prekäre Präsenz hing nicht nur mit der besonderen Situation als Arbeitsmigrant*innen zusammen, mit der harten Arbeit, der Sehnsucht und der Umgewöhnung. Sie war auch nicht nur Folge von zahlreichen Erfahrungen mit Alltagsrassismus, rassistischen Beleidigungen und auch rassistischer Gewalt, die schon in den 1960er Jahren nachzuweisen sind. Sie bestand beispielsweise darin, dass man jedes oder jedes zweite Jahr bis in die 1980er Jahre hinein, zur Ausländerpolizei musste, um die Aufenthaltserlaubnis zu verlängern, da man selbst, wenn man angab, länger bleiben zu wollen oder selbst, wenn man schon das Recht auf eine permanente Aufenthaltsberechtigung hatte, immer nur ein oder zwei Jahre Aufenthalt erhielt, selbst wenn die Arbeitserlaubnis länger gültig war. Für viele der damaligen sog. Gastarbeiter war die Ausländerpolizei oder später die Ausländerbehörde ein Angstraum. Man konnte wegen allem möglichen abgeschoben werden: wegen zu schnellem Autofahren, wenn man ohne Ticket Straßenbahn fuhr, bei Krankheit, selbst bei Krankheiten, die man sich beim Arbeiten zugelegt hatte und selbst wenn man Freizügigkeit genoss, wie schon sehr früh die Italiener*innen, die Mitglieder der EWG waren, die aber auch immer wieder rechtswidrig von lokalen Ausländerämtern abgeschoben wurden – all diese Beispiele habe ich in meinen Forschungen auch in den Akten der Mannheimer Stadtverwaltung gefunden. Oder aber – und das wurde vor allem nach dem Ende der eigentlichen Gastarbeiterzeit, nach dem Anwerbestopp 1973 praktiziert, als niemand in der BRD mehr übersehen konnte, dass etwa 2,3 Millionen Arbeitsmigrant*innen, von den 14 Millionen Zugängen, die es in den Jahren zwischen 1955 und 1973 gegeben hatte, teilweise schon über zehn Jahre in einen Einwanderungsprozess getreten waren. Denn es war weniger die ökonomische Krise, denn vielmehr der Wunsch, Einwanderungsprozesse zurückzudrehen oder weitere zu verhindern, die den Anwerbestopp vor 50 Jahren motivierten – dafür sprachen sich Kommunen, Länder und der Bund aus. Jetzt begann man, die Präsenz der Ausländer wie diese neue permanente Bevölkerungsgruppe nun genannt wurde, um sie nicht Einwander*innen nennen zu müssen, insofern zu prekarisieren, indem ihre Aufenthaltserlaubnis oder die Erlaubnis, ihre Familie nachzuholen, von der Größe ihrer Wohnung abhängig gemacht wurde – für jede Person, auch neugeborene Babys, mussten 12 Quadratmeter Wohnraum nachgewiesen werden, sonst lief man Gefahr, seine Aufenthaltserlaubnis zu verlieren, oder vom Amt – auch diesen Fall habe ich in den Akten gefunden – gesagt zu bekommen, das Kind, das in Mannheim geboren wurde, „zurückzubringen“. Das Perfide an dieser Situation war, dass die Arbeitsmigrant*innen, die seit Anfang der 1970er Jahre aus den Heimen und den Baracken vermehrt in Wohnungen zogen, um Familien zu gründen, nur schwer geeigneten Wohnraum fanden, da, so etwa nach internen Angaben des Wohnungsamts Mannheim von 1978, 90% der deutschen Vermieter*innen keine Ausländer als Mieter*innen haben wollten, besonders keine Türk*innen – ähnlich wie die GBG, die stellenweise Wohnsegregation betrieb und unattraktive Häuser nur mit Ausländern, die besseren vorwiegend mit Deutschen belegte – auch dazu gibt es Nachweise in den Akten.
Akte des Widerstands und Selbstorganisation
Auf Ausschlüsse, rassistische Praktiken und diskriminierende Maßnahmen reagierten allerdings viele Migrant*innen mit Akten des Widerstands: sie gründeten eigene Mietbörsen und Mietervereine, einer der ersten türkischen Mietervereine soll 1978 in Mannheim gegründet worden sein, unzählige von ihnen klagten bei Verwaltungsgerichten gegen amtliche Entscheidungen auch des Mannheimer Ausländeramtes und bekamen auch oftmals Recht, andere schrieben Protest- oder Petitionsbriefe an den Ausländerbeauftragten, den OB oder gar den Bundespräsidenten. Später gründeten sich migrantische Selbstorganisationen wie die Unmündigen in Mannheim, alles sog. Ausländerkinder, und forderten gleiche Rechte ein, nachdem die frühen Kämpfe für politische Partizipation etwa das kommunale Wahlrecht für Ausländer vom Bundesverfassungsgericht 1989 abgelehnt worden war; andere wieder fanden ein Ventil in der gewerkschaftlichen Arbeit und Partizipation, die sich den Migrant*innen viel schneller als andere Institutionen, allerdings auch lange nicht auf Augenhöhe, öffneten. Mannheim ist diesbezüglich ein Negativbeispiel: Hier wurde erst im Jahr 2000 der erste Ausländerbeirat gewählt, das war etwa in Stuttgart schon 1984 der Fall, wo Migrant*innen die Möglichkeit hatten, zumindest selbstbestimmt Themen zu setzen und für sich zu sprechen.
Doch selbst das Bleiben, das Sesshaftwerden, war eine Art widerständigen Handelns gegen den Willen einer Mehrheit von Politik und Gesellschaft. Die Autonomie der Einwanderung prägte dabei insbesondere das Bild der Städte, einzelner Straßenzüge und ganzer Stadtteile, der Rand oder unattraktiver Wohnbestand, der Migrant*innen lediglich offenstand und wo sie durch ihre andauernde Präsenz ihre Spuren einschrieben – der Jungbusch, die Neckarstadt West und Teile der Innenstadt als Heimat.
Hybride Identität
Deshalb banden auch viele ihre hybride Identität an die Stadt: Ageliki Goutenidou, eine inzwischen verstorbene Arbeitsmigrantin, die seit 1958 in Mannheim lebte und arbeitete, bezeichnete sich in einem Interview, das ich 2005 mit ihr führte, als „Monnemerin“, aber nicht als Deutsche. Sie war verbittert, dass der deutsche Staat ihnen anderes als in den USA nicht nach fünf Jahren die Einbürgerung angeboten hatte; sie meinte, sie habe die andauernde Bezeichnung als Ausländer als beleidigend empfunden. Sie fand außerdem, und das sind ihre Worte, dass es „weiße Sklaverei“ sei, wenn man Menschen nur als Arbeiter und als nichts anderes betrachte.
Vor kurzem gab es den Vorschlag im ersten Einwanderungsgesetzt, das sich Deutschland nun endlich auch unter diesem Namen geben will, festzuschreiben, dass die ehemaligen Gastarbeiter, die Möglichkeit einer einfachen Einbürgerung bekommen sollen – das wäre zumindest eine späte Anerkennung.
Was wäre Mannheim ohne Migrant*innen?
Was wäre Mannheim ohne Migrant*innen? Berhanu Berhe, der zuerst als Studierender in die Region kam, dann kurzzeitig, nach Ablauf seines Stipendiums bei den Mannheimer Motorenwerken quasi als Gastarbeiter arbeiten musste und nach dem Putsch in Äthiopien, als ehemaliger Offizier gezwungen war, hier Asyl zu beantragen, sagte gerade dazu einen Satz, in einem Interview, das ich 2012 mit ihm führte: „Die andere Seite muss auch – übrigens in Deutschland auch in Mannheim ganz konkret – müssen endlich mal kapieren: Mannheim ohne diese Migranten ist undenkbar! Punkt.“
Seine Geschichte ist auch insofern interessant, da sie zeigt, wie schnell die Label wechseln können – vom ausländischen Studierenden, zum Arbeitsmigranten, zum anerkannten Asylberechtigten und dann zum eingebürgerten Deutschen. Die Label und die Motive müssen ebenso wenig immer übereistimmen: Nicht alle Gastarbeiter wollten hauptsächlich oder nur Geld sparen: viele dieser zumeist jungen Menschen waren abenteuerlustig, wollten ein freieres Leben, eine Freundin, ein Auto; junge Frauen wollten sich ebenso vor der sozialen Kontrolle zuhause befreien, ein eigenes Verdienst, einen Führerschein haben. Andere wieder verließen ihre Heimat wegen politischer, religiöser oder der Unterdrückung ihrer Identität: Griech*innen während der Junta, Spanier*innen während der Franco-Diktatur, linke Türk*innen und Kurd*innen während der Militärputsche in der Türkei oder auch Romn*ja, die in Jugoslawien oder Griechenland diskriminiert wurden.
Wo werden all die anderen Migrant*innen Mannheims erinnert?
Zugangstickets wie Arbeitsmigration und Asyl sagen also nicht alles aus über die Motive der Menschen, die migrieren und sich in einem anderen Land, an einem anderen Ort sesshaft machen. In vielen Hinsichten sind diese Zugangstickets auch Instrument des Teilens und Herrschens, des divide et impera, das schon die Römer anwandten, um zu verhindern, dass Minoritäten sich gegen sie solidarisieren. Das reproduziert dieser Erinnerungsort leider auch ein Stückweit: Es hebt die eine Gruppe von Migrant*innen von den anderen ab, nützliche von den scheinbar unnützen, es zementiert Trennlinien. Wo werden alle anderen Migrant*innen Mannheims, die aus allen Regionen dieser Erde hierher kamen, erinnert? Trennlinien, die auch zwischen den ehemaligen Gastarbeiter*innen weiterhin bestehen, so etwa zwischen EU- und sog. Drittstaaten-Angehörigen, und somit zur größten Gruppe, den Türkeistämmigen, die, sofern sie keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, selbst wenn sie 40, 50 Jahre hier leben und echte Mannheimer*innen sind, am 18. Juni dennoch nicht den OB mitwählen dürfen. Mannheim ist eine translokale Stadt, an dem sich Wege aus Orten aus aller Welt kreuzen und sie zu dem machen, was sie ist. Die kollektive Erinnerung daran, wie das geschah sowie die Wertschätzung dieser Transformation fehlen noch. Es ist eine ignorierte oder nur sehr oberflächlich zur Kenntnis genommene Geschichte, die mit vielen anderen Geschichten verflochten ist und deren Komplexität, Reichtum, aber auch dunkle Seiten einer angemessenen Auseinandersetzung und Erinnerung bedürfen – eine Aufgabe, die hier nur ihren ersten Anfang finden kann.
(Die Zwischenüberschriften wurden von der Redaktion eingefügt)