Maria wurde getötet, weil sie sich trennen wollte.
Am Morgen des 11. März 2026 wird im Käfertaler Wald bei Mannheim die Leiche einer 19-jährigen Frau gefunden. Noch am selben Tag bestätigt die Polizei Mannheim Hinweise auf ein Tötungsdelikt und gibt am Folgetag gemeinsam mit der Staatanwaltschaft Mannheim die Festnahme eines 17-jährigen und weitere Informationen bekannt. Am Freitag wurde schließlich näheres zur Vorgeschichte des Paares bekannt sowie Eifersucht als mögliches Tatmotiv benannt. Was folgte, war vorhersehbar: Rechte Medien berichten über Details zu Herkunft und Aufenthaltsstatus sowie Leben des Täters und geben vor den Sachverhalt damit hinreichend erklären zu können.
Wie die Staatsanwaltschaft Mannheim bekannt gegeben hat, seien die beiden seit etwa einem Jahr in einer Beziehung gewesen. Am Vorabend der Tat hätten sie sich zu einem Gespräch verabredet und seien zum Karlstern gegangen. Gegen 00:30 soll es schließlich zur Tat gekommen sein. Darüber hinaus haben Medien berichtet, dass sich Maria trennen wollte geplant habe am nächsten Tag eine Anzeige wegen Körperverletzung bei der Polizei zu stellen.
Auf Grund der Tatsache, dass der Tatverdächtige aus Syrien stammt, haben sich vor allem rechte Medien damit hervorgetan, persönliche Informationen und näheres zum mutmaßlichen Hintergrund der Beteiligten zu veröffentlichen. Dass die Berichterstattung rechter Scharfmachern vor allem auf die Nationalität des Tatverdächtigen zielt, war absehbar. Dass es sich um einen Femizid handelt, der einer umfassenderen Betrachtung bedarf, wird dabei ausgeblendet. Warum das aus einer rechten Ideologie heraus Sinn ergibt, soll weiter unten behandelt werden. Zunächst etwas zum Phänomen des Femizid und diesem Fall.
Was ist ein Femizid?
Von einem Femizid (wörtl.: Frauentötung) ist die Rede, wenn eine Frau oder als Frau gelesene Person getötet wird und sich die Beweggründe des Täters (80-90 % aller Tö-
tungsdelikte in Deutschland werden laut PKS von Männern begangen) auf jeweilige Geschlechterrollen beziehen lassen. Femizid ist kein juristischer Begriff, also keine eigenständige Strafttat, sondern ein sozialwissenschaftlich und politisch verwendeter Begriff zur Analyse bei Tötungsdelikten an Frauen* und Mädchen.
„Femizide (sind) vorsätzliche Tötungsdelikte, die sich gegen eine Frau oder ein Mädchen richten, und die unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass das Opfer weiblich und daher potenziell sexistischer Diskriminierung ausgesetzt war.“1
Ein Indiz dafür, dass das Geschlecht der betroffenen Person eine Rolle gespielt haben könnte liegt vor, wenn Mädchen und Frauen von bestimmten Taten überproportional betroffen sind. Für Tötungsdelikte im Allgemeinen trifft das nicht zu. Nimmt man ein weiteres Merkmal hinzu, sind die Zahlen jedoch alarmierend. Als weiteres gewichtiges Indiz eines Femizids nennt die Studie „wenn ein Mädchen oder eine Frau in einer stark von ihrem Geschlecht geprägten sozialen Rolle getötet wurde“. Das umfasst Tötungsdelikte im Kontext von Partnerschaften oder sexuellen Beziehungen oder auch gegenüber Sexarbeiter*innen oder weiblichen Angehörigen. Von den in der Studie untersuchten 133 Tötungen oder versuchten Tötungen an Frauen, wurden über 80% während oder nach einer Partnerschaft verübt.
„Rund drei Viertel der Partnerinnenfemizide (…) standen in Zusammenhang mit einem Konflikt über eine tatsächliche oder befürchtete Trennung oder eine tatsächliche oder vermeintliche sexuelle Untreue des Opfers. Diese als De-Etablierungsfemizide kategorisierten Delikte zeichneten sich in der Regel durch eine gewalt- und konfliktreiche Vorbeziehung sowie sexistische Einstellungen und Rollenbilder des Täters aus.“
Im vorliegenden Fall wird berichtet, dass sich die junge Frau von dem Tatverdächtigen habe trennen und ihn anzeigen wollen. Diese Angaben wurden zwar bis zum Erscheinen des Artikels nicht unabhängig verifiziert, liefern jedoch Hinweise auf einen Femizid nach den oben genannten Kriterien. Diese Kombination bietet laut FemiziDE jedoch das klassische Eskalationsmuster für Femizide, völlig unabhängig von der Nationalität: Der Täter verliert gleichzeitig die Kontrolle über die Beziehung und sieht sich mit strafrechtlichen Konsequenzen konfrontiert.
Femizid und rechte Ideologie.
Als Risikofaktoren für Femizide gelten schlechte sozioökonomische Lage sowie psychische Erkrankungen. Migration, vor allem aus patriarchal geprägten Ländern, wird in der Studie nicht als Ursache, sondern als Katalysator bezeichnet, da sich Migrant*innen in Deutschland zunächst häufig in einer schlechten sozioökonomischen Lage befinden oder Fluchterfahrungen mit psychischen Belastungen und Folgeproblemen einhergehen können. Versucht man eine Erklärung hauptsächlich über die Migrationsbiografie eines Täters herzustellen, werden andere Aspekte ausgeblendet. Dadurch wird der gesellschaftliche Umgang mit Gewalt an Frauen* und weitverbreiteten sexistischen Einstellungen eher erschwert.
Nun könnte man es sich einfach machen und sagen, dass Rechte grundsätzlich eher fremdenfeindliche Einstellungen vertreten und es deshalb nicht verwunderlich sein dürfte, dass sie die Nationalität eines Täters besonders hervorheben. Damit ließe man ihnen jedoch die Möglichkeit offen, Fremdenfeindlichkeit als Begründungsmoment für den Schutz von Frauen in Stellung zu bringen.
Vielmehr ist der Bezug zur Nationalität als das einzige Merkmal anzuerkennen, das eine vollständige Abgrenzung vom Täter und seiner Tat ermöglicht, ohne die eigene Ideologie zu berühren. Würden weitere Merkmale hinzu kommen, wird es vor allem für Rechte schwierig sich zu distanzieren. Von der Motivationsebene bis hin zur Handlungsebene lassen sich Einstellungen benennen, die ausschlaggebend für rechte Ideologien sind, egal woher sie stammen. Femizide basieren auf Einstellungsmustern — Besitzanspruch, männliche Dominanz, Ablehnung weiblicher Autonomie — die strukturell kompatibel mit rechten und autoritären Ideologien sind und von diesen aktiv reproduziert und verteidigt werden.
Dafür muss man nicht einmal die offen frauenfeindliche Incel-Szene heranziehen. Das Verteidigen traditioneller Geschlechterhierarchien und die Abwehr von Autonomiebestrebungen von Frauen oder trans- und nicht binären Personen, ist ein Kernelement rechter und konservativer Ideologien. Forschungen zeigen zudem, dass die Akzeptanz von Hierarchien zwischen Gruppen sowohl mit rechten politischen Einstellungen als auch mit sexistischen Überzeugungen korreliert. Besitzdenken gegenüber Frauen, wie es sich im Gefühl von Eifersucht ausdrückt – teils romantisiert als Leidenschaft- sowie Vorstellungen männlicher Überlegenheit finden sich häufig bei Femizidtätern sowie verstärkt in rechtsautoritären Weltbildern.
Dabei ist der Anspruch auf Verfügungsgewalt über anderer Menschen Körper kein gesellschaftliches Randphänomen, wie etablierte, Diskurse um Arbeitszeitein oder Wehrpflicht zeigen. Gerade letztere führt zu einem weiteren Kern rechter Ideologien. Wenn von vornherein akzeptiert wird, dass gesellschaftliche Institutionen Ansprüche auf Körper erheben dürfen, ist die Frage, wer diesen Anspruch erheben darf — der Staat, der Mann, die Gemeinschaft — nur noch eine Frage der Rahmung, nicht des Prinzips. Die strukturellen Grundlagen für Femizide müssen also nicht importiert werden.
Warum Rechte eine genauere Betrachtung scheuen müssen.
Rechte Medien und Journalist*innen versuchen das Problem zu Externaliseren und die eigene Ideologie zu entlasten. Das ist kein journalistisches Versehen, sondern folgt einer ideologischen Funktionslogik: Die strukturellen Ursachen von Femiziden sind mit dem Weltbild der Autoren*innen oder deren Adressat*innen nicht kompatibel.
In einem besonders reißerischen Artikel wird nachgerechnet, was der Tatverdächtige den deutschen Staat gekostet haben soll. Diese Rechnung weist nicht nur in besonderem Maße auf ein Denken hin, das Menschen zu Investitions-Objekten herabwürdigt und sie der Verfügungsgewalt des „Investors“ zu unterwerfen. Was diese Rechnung außer Acht lässt, ist mindestens ebenso aufschlussreich. Welche Kosten entstehen durch fehlende Präventions- und Interventionsarbeit mit jungen Männern, denen emotionale Regulation als Schwäche beigebracht wird? Welche gesellschaftlichen Kosten hat eine Sozialisation, die von Konkurrenz- und Besitzdenken geprägt ist? Wieso sind Frauenhäuser und Beratungsstellen unterfinanziert? Die FemiziDE-Studie dokumentiert, dass mindestens drei Femizidopfer vor der Tat keinen Platz fanden. Oder noch grundsätzlicher: Wieso werden Mindestlöhne und Sozialleistungen angegriffen, statt die finanzielle Abhängigkeit von Frauen zu bekämpfen. Diese Fragen werden nicht gestellt, weil ihre Beantwortung zu strukturellen Ursachen und weg von instrumentalisierbaren Kategorien wie der Nationalität eines Täters führen würde.
Bei dem Tötungsdelikt im Käfertaler Wald handelt es sich zweifelsohne um einen Femizid. Es ist ein Muster erkennbar, das die Forschung umfassend beschrieben hat: Trennungskonflikt, Vorgewalt, Kontrollverhalten, Tötung als Reaktion auf drohenden Machtverlust. Dieses Muster kennt jedoch keine Nationalität. Es ist das Muster patriarchaler Gewalt, das von rechten Ideolog*innen in seinen Grundzügen seit je her verteidigt wird. Die Fixierung auf die Herkunft des Täters ist deshalb keine Analyse — sie ist Ablenkung.
Text: DeBe
1 Die Definition und einige Erkenntnisse sind der Studie „Femizide in Deutschland. Eine empirisch-kriminologische Untersuchung zur Tötung an Frauen“ von Florian Rebmann, Sabine Patricia Maier, Wolfgang Stelly, Jürgen Thomas, Paulina Lutz und Nora Labarta Greven vom 20.11.2025 entnommen. Die Studie ist über https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/172346 abrufbar.
















