Die AfD und ihr instrumentelles Verhältnis zum SV Waldhof Mannheim
Beim SV Waldhof Mannheim handelt es sich um einen der zentralen kulturellen Bezugspunkte in Mannheim. Die Heimspiele sind regelmäßig stark besucht und Schrifzüge und Tags der Anhänger des SVW finden sich in nahezu allen Stadtteilen. Mit ihrer Solidaritätsbekundung gegenüber den Mitarbeitern der Eichbaum-Brauerei haben Fans gezeigt, dass ihr Engagement auch über den Fußball hinaus geht. Kein Wunder also, dass andersherum politische Akteure versuchen viele Menschen zu erreichen, indem sie Themen rund um den Verein aufgreifen.
AfD- Stadtrat Markus Rieger hat in den vergangenen Wochen zwei „Stimmen aus dem Gemeinderat“ im Amtsblatt vorgelegt, die dabei ein instrumentelles Verhältnis zum Waldhof zeigen. Im Amtsblatt vom 27.08. kommentiert Rieger das „Sicherheitschaos im Carl- Benz- Stadion“ und bezieht sich auf die Geschehnisse beim DFB-Pokalspiel des SVW gegen den 1.FC Kaiserslautern am 22. August, die auch bundesweit in Nachrichten aufgegriffen wurden. Er kritisiert unter anderem, dass trotz Verbots große Mengen an Pyrotechnik ins Stadion gelangt seien oder die Scheiben des Gästeblocks mit strafbaren Schmierereien versehen waren und bedankt sich bei der Polizei für ihren Einsatz.
Sicherheit geht vor.
Damit spricht sich Markus Rieger für die Kriminalisierung einer Fankultur aus, die SVW- Stürmer Terence Boyd gegenüber dem SWR als Bestandteil einer absolut geilen Athmosphäre bezeichnet. Diese Athmosphäre macht für viele Fans nicht nur den Reiz am Stadionbesuch aus, sondern hat auch eine politische Komponente. Der Kampf gegen zunehmende Sicherheitsmaßnahmen bei Fußballspielen wird von Fans schon lange und nicht nur bei Hochrisikospielen geführt. Es lässt sich überzeugend argumentieren, dass es Bereiche in Stadien auch für diejenigen geben muss, die sich aus Auseinandersetzungen heraushalten und nicht zum Ziel von Aggressionen und Pyrotechnik werden wollen. So herrschte auch im Nachhinein des angesprochen Derbys weitgehende Einigkeit darüber, dass gezielte Raketen in Familienblocks Grenzen überschreiten. Viele Stadionbesucher erleben eine zunehmende Überwachung und Kontrollen als Repression, wenn Sie das Gefühl haben, dass ihre Art des Fantums eingeschränkt werden soll, um den Sport noch besser vermarkten zu können.
Mit dem Fokus auf „Sicherheit im Stadion“ blenden die AfD und Markus Rieger jedoch Konflikte aus, die oft im Stadion ausgetragen werden, aber weit darüber hinaus gehen. Proteste gegen Überwachung und Verbote im Stadion, lassen sich auch als Folge von Verhältnissen lesen, in denen viele Menschen das Gefühl haben, dass ihnen unter allen Zwängen des Alltags auch noch vorgeschrieben werden soll, wie sie ihre Freizeit ausleben dürfen. Dabei schlägt sich die AfD klar auf die Seite der Herrschenden und der Polizei und nicht auf die Seite „des kleinen Mannes“, wie sie oft behauptet. Sie fordern auf der einen Seite mehr Sicherheit/Kriminalisierung und Aufklärung/Überwachung und treiben auf der anderen Seite eine Politik voran, die die alltäglichen Zwänge der Arbeitenden und Lohnabhängigen eher verstärkt.
Markus Rieger und die AfD vertreten also sicher nicht die Interessen einer Anhängerschaft, die sich immer noch auf ihre Wurzeln als „Arbeiterverein“ bezieht. Vielleicht ist das auch der Hintergrund dafür, dass er nur wenige Wochen später ein „klares Bekenntnis zum SV Waldhof“ nachgelegt hat?
Ein Bekenntnis, das keines ist.
Am 8. Oktober erscheint eine weitere Stimme von Rieger mit der Überschrift „Klares Bekenntnis zum SV Waldhof Mannheim“ im Amtsblatt vom 08. Oktober. Als Anlass für das Bekenntnis nennt Rieger eine „öffentliche Diskussion“ und „bundesweite Debatten“ bei denen auch der Kader des SV Waldhof thematisiert worden seien. Worum es genau ging, wird nicht näher ausgeführt. Aus dem weiteren Text lässt sich nur schließen, dass Migration eine Rolle gespielt haben könnte, was sich auch in der als Klarstellung bezeichneten Aussage zeigt: „Kein einziger Spieler des aktuellen Kaders ist von migrationspolitischen Fragestellungen angesprochen oder betroffen.“ Vermutlich bezieht sich der Text auf ein „kommentierendes Gedankenexperiment“ von Rüdiger Ofenloch, dass im Mannheimer Morgen am 25. September unter der Überschrift „Wie würden die Remigrationspläne der AfD den aktuellen SV-Waldhof-Kader beeinflussen?“ veröffentlicht wurde.
Markus Riegers Klarstellung ist unter mehreren Aspekten gar nicht so klar, wie er es darstellt. Darin steckt schließlich eine sehr enge zeitliche Einschränkung, wenn er sagt, dass es keinen Spieler des „aktuellen Kaders“ betreffe. Das macht das Bekenntnis äußerst nichtssagend und er scheint selbst daran zu zweifeln, dass der Kader des SV Waldhof in Zukunft nicht doch betroffen sein würde. Ein verbindliches Bekenntnis klingt jedenfalls anders. Dazu kommt, dass die Afd derzeit gar nicht in der Position ist, ihre Remigrationsvorstellungen (in Mannheim) umzusetzen, sodass Überlegungen wie in dem Gedankenexperiment ohnehin fiktiv und demnach nicht aktuell sind.
Es entsteht fast der Eindruck, dass Rieger mögliche Widersprüche zwischen den Interessen seiner Partei und denen des Sportvereins Waldhof erkennt und dabei vielleicht sogar ein glaubhaftes Unbehagen verspürt, das ihn zu seinem Bekenntnis führte. Er versucht diese Widersprüche mit einem Spagat zu überwinden, der sich zwischen den ernstzunehmenden Forderungen mächtiger Teile der AfD nach mehr Deutschtum und der Bedrohung spannt, die davon für vielfältige Lebensrealitäten ausgeht, wie sie zum Beispiel im Kader des SV Waldhof vorzufinden sind. Ob er im Falle einer Konkretisierung und Umsetzung von Remigrationsplänen immer noch zum Kader des SV Waldhof stehen würde, dafür bestehen begründete Zweifel.
Rieger verneint mit seinem Kommentar zwar das Gedankenexperiment des MM, mehr aber auch nicht. Durch die zeitliche Einschränkung handelt es sich nicht um ein ernstzunehmendes Bekenntnis zum SV Waldhof und dessen Kader, der -wie Mannheim selbst- immer auch von Migrationsgeschichten geprägt war und es wohl auch in Zukunft sein wird, wenn der Verein weiterhin seine große Rolle als Identifikations- und Integrationsort für viele Mannheimer*innen spielen soll.
Diese beiden Beispiele zeigen deutlich, dass sich die AfD zwar symbolisch auf Institutionen wie den SV Waldhof Mannheim bezieht, aber die Inhalte der Politik, die sie vertritt, klar im Widerspruch mit Zielen des Vereins oder den Interessen großer Teile der Anhängerschaft stehen.
Text: DeBe
| Remigration: Begriff, der seit einigen Jahren verwendet wird, wenn es um Pläne der AfD geht, wie bestimmte Gruppen aus Deutschland entfernt werden können. Sowohl innerhalb der AfD, als auch bei Beobachtern umfasst Remigration verschiedene Maßnahmen von gewalttätigen Abschiebungen bis zur Förderung einer freiwilligen Ausreise. Die betroffenen Gruppen werden mal ethnisch, mal kulturell oder anhand ihrer wirtschaftlichen Nutzbarkeit definiert. Statt von einem festen Konzept ist also von einem Container- Begriff auszugehen, den Angehörige und Gegner der AfD unterschiedlich befüllen und verwenden. |















