Was hat meine Postleitzahl mit meiner Gesundheit zu tun? Gesundheitliche Ungleichheit in Mannheim und wie man sie verändern kann

Neckarstadt-West, aber auch Luzenberg, Hochstätt und Jungbusch gehören zu den Stadtteilen, in denen die Menschen deutlich früher sterben als z.B. in Neuhermsheim oder Niederfeld. Das hat viel mit der Einkommens-, Bildungs- und Wohnsituation zu tun. (Bild: Neckarstadt-West; KIM-Archiv)

Wenn man krank zur Ärztin geht, dann bekommt man meistens gute Ratschläge wie man sich gesünder verhalten kann oder Medikamente verschrieben. Umzugstipps dagegen bekommt man eher nicht. Dabei hat der Ort in dem wir wohnen einen erheblichen Einfluss auf unsere Gesundheit.

In Mannheim liegt die Lebenserwartung für einen 2021 Geborenen bei 77,5 Jahren – im nur ein paar S-Bahn-Stationen entfernten Heidelberg bei 81,3 Jahren[1]. Auch innerhalb Mannheims gibt es erhebliche Unterschiede in der Lebenserwartung: Bewohner*innen der Neckarstadt West werden im Durchschnitt nur 69 Jahre alt, wohingegen die meisten Bewohner*innen des Lindenhofs Ihren 81ten Geburtstag feiern[2].

Doch wie lassen sich diese drastischen Unterschiede erklären? Dr. Kristina Hoffman vom Mannheimer Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD) erklärte beim Netzwerktreffen des Arbeitskreises Gesundheitsförderung im Quadrat[3], dass nicht nur biologische Faktoren die Gesundheit beeinflussen. Auch unsere Lebensumgebung kann einen starken Einfluss haben. So liegen sozial benachteiligte Stadtteile häufiger an großen Straßen oder in der Nähe von Industriegebieten und Ihre Bewohner*innen leiden vermehrt unter der Luftverschmutzung und Lärmbelastung[4]. Die Lärmbelastung durch viel befahrene Straßen ist nicht nur nervig, sondern kann auch langfristige negative Folgen auf die psychische Gesundheit der Anwohnenden haben. Hinzu kommt die Schadstoffbelastung durch den Verkehr, die zu Lungenerkrankungen führen kann.

Zusätzlich unterscheiden sich auch die Angebote nach Stadtteil. Eine Studie, die die Stadt Köln[5] untersucht, zeigte dass es in ärmeren Vierteln mehr Fast Food Angebote, Tabakläden und Alkoholverkauf gibt. Wer öfter durch Jungbusch oder die Neckarstadt läuft, kann sich vorstellen, dass es hier ähnlich aussieht. Auch die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen in sozial benachteiligten Vierteln lässt zu wünschen übrig: In Mannheim gibt es dort weniger Hebammen, Kinderärzt*innen und Psycholog*innen, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind. Das zeigt ein Bericht des Mannheimer Gesundheitsamtes von 2019 [6].

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten: Weil Krankheit eben nicht nur individuelle Ursachen hat, kann Politik Bedingungen schaffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Oder noch besser, verhindern, dass Menschen überhaupt erst krank werden. So setzte die LI.PAR.Tie im Mannheim durch, dass eine neue Hebammenstelle auf der Vogelstang geschaffen wird. Mit ihrer Hilfe können in Zukunft Kinder schon von Geburt an vor Ort gesundheitlich versorgt und unterstützt werden. Zudem ist auf der Schönau ein Gesundheitscafé geplant, das einen unkomplizierten Zugang der Bewohner*innen zu medizinischer Versorgung bereitstellen soll.

Ein weiteres Projekt, das sich an Jugendliche richtet, findet sich in Hochstätt und Rheinau. In den Jugendhäusern der Viertel trainiert die Fitnesstrainerin Sarah Kowatsch regelmäßig mit Jugendlichen[7]. Das verbessert nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Selbstbewusstsein der jungen Erwachsenen, die oft aus sozial benachteiligten Familien stammen.

Auch der Klimawandel ist eine gesundheitliche Herausforderung, die nicht alle in der Stadt gleich trifft: Sozialschwache Viertel haben oft weniger Grünflächen und somit auch eine höhere Hitzebelastung. Unter der Hitze leiden vor allem sehr junge Kinder und ältere Menschen. Die Stadt Mannheim erarbeitet gerade einen Hitzeaktionsplan, der sich diesem Thema annimmt. Erste Maßnahmen kann man inzwischen in der Stadt sehen: Auf dem alten Messplatz wurde ein Trinkwasserspender aufgestellt, damit Menschen an heißen Tagen ausreichend trinken können. Das soll vor allem wohnungslosen Menschen zugutekommen. Langfristig wäre es natürlich wünschenswert, wenn sich alle Mannheimer*innen vor der Hitze in den Sommermonaten schützen könnten. Eine Möglichkeit wäre ein kostenloser Zugang für den Luisenpark und Herzogenriedpark. So können sich auch Menschen ohne eigenen Garten im Sommer draußen aufhalten.

Gesundheitliche Ungleichheit im Bezug auf den Klimawandel ist auch ein Thema für die Wissenschaftler*innen im Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit am Uniklinikum Mannheim. Gerade planen sie eine deutschlandweite Umfrage, in der es darum geht, wie die Bevölkerung sich vor Hitze schützen kann. Die Rolle der Wohnsituation und des Wohnumfeld werden dabei besonders berücksichtigt. Diese Ergebnisse könnten wiederum relevant für die Stadt Mannheim sein.

Was man noch tun könnte, um die Gesundheit der Mannheimer*innen zu verbessern, wird zudem einmal im Jahr in der kommunalen Gesundheitskonferenz besprochen. Hier kommen Bürger*innen, Menschen, die in der medizinischen Versorgung arbeiten und Wissenschaftler*innen mit dem Mannheimer Jugend- und Gesundheitsamt zusammen, um zu überlegen welche Herausforderungen es zurzeit in den Mannheimer Stadtteilen gibt.

Eine Stadt kann also durchaus etwas tun, um die Gesundheit ihrer Bevölkerung zu schützen. Dabei sollte vor allem die soziale Gerechtigkeit zwischen Vierteln beachtet werden, um allen Menschen ein gesundes und langes Leben zu ermöglichen. Für Bürger*innen kann Engagement vor Ort ein erster Schritt sein, um die kommunalen Lebensbedingungen und damit auch die Gesundheit der Nachbar*innen zu verbessern.

Marike Andreas

[1] Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, 2021

[2] https://datawrapper.dwcdn.net/h9tVc/2/

[3] https://www.mannheim.de/de/service-bieten/gesundheit/kommunale-gesundheitskonferenz/arbeitskreis-gesundheitsfoerderung-im-quadrat

[4]https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/4031/dokumente/umwelt_und_gesundheit_02_2009_web.pdf

[5] https://elib.dlr.de/82841/1/Artikel_Public_Health_Nutrition_2012.pdf

[6] Bericht zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlichen in Mannheim: https://www.gesundheitsamt-bw.de/fileadmin/LGA/_DocumentLibraries/SiteCollectionDocuments/01_Themen/GesundheitsdatenBerichte/Kommunale_GBE/GA_Mannheim_Kinder_und_Jugendgesundheitsbericht_2019.pdf

[7] https://hochstaett.majo.de/partado-fit-strong-auf-der-hochstaett-und-rheinau-fuer-jugendliche/