Beitrag von Melanelle B. C. Hémêfa auf der Black-Lives-Matter-Demo 6.6.20 Mannheim (Auszüge)

Melanelle B. C. Hémêfa rüttelt auf (Foto: k_rel )

– Künstlername: Melanelle B. C. Hémêfa

– Instagram Namen: melanelle_ (dort gibt es auch die komplette Rede zu hören) ; k_rel (Photograph)

– 26 Jahre alt, Studentin im Lehramt an der Universität Mannheim, Bildungsreferentin Schwerpunkt (Antirassismus / Empowerment), Moderatorin, Poetresse, Blacktivist

– Zusammenarbeit mit dem JNTM, Kulturamt in Mannheim, Theater Heidelberg, Museen in Stuttgart, Antirassismus-Workshops in verschiedenen Institutionen, Vorstand des Vereins Umoja!,  Launching vom Podcast Ashé in 2 Wochen.

– Das Schreiben ist für mich wie eine Katharsis, eine Heilung und ein Schutzschild. Da ich nun mehr als 17 Jahre Texte in 4 Sprachen schreibe und splite, freut es mich, dass meine Worte für einige Teilnehmer*innen der BLM-Demo wie Balsam wirkten.

 

Schwarze Haut auf weißem Boden.

Schwarze Haut das ist nicht dein Boden.
Schwarze Haut du bist nicht Deutsch.
Schwarze Haut du kannst kein Deutsch.
Schwarze Haut du stinkst.
Schwarze Haut du darfst, kannst und sollst hier nicht sein-
Schwarze Haut Deutschland ist, wird und war niemals deins.
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Wer bist du der da spricht, der da urteilt, der da nimmt?
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Schwarze Haut du arbeitest schwarz.
Schwarze Haut du fährst schwarz.
Schwarze Haut ich sehe schwarz für dich.
Schwarze Haut du malst dir vieles schwarz aus.
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Wie kann ich das verstehen,
wieso wurden wir mit solchen Worten versehen?
Ihr, die spricht, ich frage euch:
„Habt ihr Angst vor dem Schwarzen Mann?“/
„Habt ihr Angst vor der Schwarzen Frau?“
Ihr, die ständig spricht/ ständig spricht und nehmt- hört genau hin!
Denn ihr wisst nichts/ nichts über uns – dazu wart ihr nie gewillt.

­­­­­Ist es nicht absurd, absurd, dass in der deutschen Sprache Begriffe existieren und genutzt werden, die negativ konnotiert sind und gleichzeitig als synonym für meine Hautfarbe verwendet werden? Negative Konnotationen mit denen ständig Witze gebildet worden sind, mit denen Macht ausgeübt und missbraucht worden ist?
Macht, die euch privilegiert aber nicht zusteht, die unverdient ist aber dennoch existent. Du hast dich nie darüber gewundert?


Rassismus ist ein System, das weiße Menschen, mit der Anklage Mord oder Brandstiftung an Asylheimen, unbestraft davonkommen lässt. Rassismus ist so viel mehr als das was du glaubst, als das was ihr glaubt zu wissen. Rassismus ist Seife, eine Badewanne, ein kleines Mädchen und der Versuch sich die Hautfarbe abzuwaschen. Rassismus ist der Versuch sich das Leben zu nehmen. Rassismus ist es dein Spiegelbild zu hassen, weil andere es dir ununterbrochen sagen. Rassismus ist der Versuch ein Abbild von dir zu schaffen, das dich sexualisiert, exotisiert und kriminalisiert. Rassismus ist mehr arbeiten, mehr lesen, mehr kämpfen, mehr streiten, mehr zweifeln, mehr weinen, mehr fürchten, mehr Gewalt, mehr Trauer und mehr Leid. Rassismus ist wenig von mir und viel Fassade. Rassismus ist dieses subtile Gefühl von anderssein, hier, jetzt und überall.


Ich, wir die PoC und BIPoC dieser Welt fordern VERANTWORTUNG.

Eine Verantwortung, die euch zwingt, eure Person und das System in dem ihr lebt, von dem ihr profitiert bewusst zu reflektieren.

Verantwortung bedeutet in diesem Rahmen nicht „All lives matter“ zu schreien, wenn wir „Black lives matter“ schreien. Denn, wenn alle Leben zählen, dann erkläre mir warum wir sterben? Auf offener Straße erschossen und gedemütigt werden?

Verantwortung bedeutet in euren Betrieben die Antirassimus- Klausel einzufordern, damit PoC und BIPoc vor rassistischen Übergriffen geschützt werden. Und ich rede nicht nur vom expliziten Rassismus, den die weiße Mehrheitsgesellschaft erkennt. Ich rede auch von eurem „du bist hübsch für eine Schwarze, du sprichst aber gut Deutsch, du kommst aus dem Busch und schlaft ihr auf Bäumen“- talk.

Verantwortung bedeutet, dass ein Gesetz vom Bundestag verbschiedet wird, das Rassismus zum Tatbestand hat. Denn Rassismus ist sowohl verbale, existenzielle als auch körperliche Gewalt.

Verantwortung bedeutet es nicht in einem Land zu leben welches Einigkeit, Recht und Freiheit propagiert während es gleichzeitig eine Verhandlung über die Legalisierung des N-Wortes führt.  What the fuck?

Verantwortung bedeutet, dass wir Schulfächer fordern, die sich mit Rassismus beschäftigen, die die koloniale Vergangenheit von Deutschland aufarbeiten.

Damit die früh gesäten Samen nicht erneut aufblühen. Damit eure Kinder nicht zu dem Problem meiner Kinder werden. Verantwortung bedeutet in den Schulen Namen wie Patrice Lumumba, Sylvianus Olympio, Thomas Sankara, Garett Augustus Morgan, Maya Ayim, Winnie Mandela und Granny Nanny und vielen anderen zu trätieren. Verantwortung bedeutet sich weiterzubilden- und zwar in jeglicher Hinsicht. Verantwortung bedeutet zu verstehen, dass dieses Problem nicht unser Problem ist nur, weil wir die Betroffenen sind. Im Gegenteil ihr seid die Profiteure, Verursacher und Leugner des Problems.  Tragt eure Last. Verantwortung bedeutet Schwarze Unternehmen zu unterstützen. Verantwortung bedeutet es nicht nur Hashtags zu setzen und auf Demos zu gehen, sondern aktiv und tagtäglich an einer rassismuskritischen Perspektive zu arbeiten.

Ihr hört seit Jahrhunderten nicht zu. Jahrhunderte lang habt ihr über uns geredet, von uns geredet aber nie mit uns.
Wir hören ständig wartet, wartet, wartet, aber, aber, aber. Auf was sollen wir warten? Ich frage euch auf was sollen wir warten? Dass unsere Leben zählen?

Dennoch gebar die westliche, kapitalistische und privilegierte Welt ihren Reichtum aus den Schätzen unserer Länder. Ihr wollt Braids tragen, Dreads tragen, afrikanische Muster tragen, Hip- Hop und Jazz hören.

Ihr wollt unseren Rhythm fühlen aber nicht unseren Blues.

Mir ist bewusst, dass während meines Vortrages dieses „ihr“ und „wir“, „euer“ und „unser“ Teile des Publikums gestört haben mag. Ich werde es wieder in einem kollektiven „wir“ sprechen, wenn dieses „wir“ uns inkludiert, denn das tut es momentan nicht. Mir ist auch bewusst, dass manche empört, verwundert und verdutzt sein werden, vor allem die, die sich bisher noch nicht mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Ich hoffe, dass diese Empörung anhält, wenn ihr versteht welche Tragweite das rassistische System hat, in dem wir leben. 

Wir wachsen alle mit rassistischem Wissen auf. Große Teile produzieren es, viele reproduzieren es aber wenige reflektieren es. In einer Welt in der soziale Gerechtigkeit propagiert wird, will keiner „der Privilegierte“ sein, nichtsdestotrotz sind weiße Menschen privilegiert. Das ist kein Angriff, kein Generalverdacht, sondern Fakt.  Rassismuskritisch denken lernen schützt und hilft das Bild unserer Gesellschaft zu konstruieren vom dem wir seither als Ideal sprechen.

[Anm. d. Red.   PoC:  People of Colour | BIPoC: Black, Indigenous, and People of Colour]