Interview mit „Mannheim kohlefrei“: MVV bis 2035 “klimapositiv“  – ein realistisches Ziel?

Kommunalinfo Mannheim: Die MVV will ja bis 2035 klimapositiv sein. Was können wir uns darunter vorstellen?

MA kohlefrei: Das bezieht sich auf die Versorgung mit Fernwärme. Hier verfolgt die MVV die Strategie die Versorgung mit Fernwärme zu ‚vergrünen‘. Dazu sollen bis 2030 Flusswärmepumpen und Geothermie den Bezug von Wärme aus der Kohleverbrennung des GKM ersetzen. Das ist erst mal positiv zu sehen, aber über die Hälfte der Fernwärme soll aus der Verbrennung von Müll und Altholz generiert werden. Bei beiden Prozessen fallen Emissionen an, die nach Möglichkeit vermieden oder wenigstens reduziert werden sollten. Da etwa die Hälfte des Mülls biogener Natur ist, plädieren wir dafür, die Mülltrennung auszuweiten und aus der Vergärung Biomethan zu generieren. Der übrige Restmüll sollte durch Vermeidung reduziert werden. Ähnlich sollte bei der Altholzverbrennung die stoffliche Verwertung im Vordergrund stehen und nur wirklich unbrauchbares Holz verbrannt werden.

Die MVV betrachtet Müll und Holz als Ressourcen ihrer Kraftwärmekopplungsanlagen. Von daher fehlt hier schon der Aspekt der Vermeidung. Bei der Verbrennung wird CO2 emittiert, so unterliegt die Müllverbrennung dem nationalen Emissionshandel. Ab 2027 sollen auch sie in den EU-Emissionshandel einbezogen werden.

In Zukunft will die MVV das entstehende CO2 mit einem als CCUS (Carbon Capture Utilization and Storage) bezeichneten Verfahren abscheiden und in unterirdischen Lagerstätten deponieren lassen, oder es an andere Industrien zur Nutzung weiterleiten. Da dabei auch biogenes CO2 entsorgt würde, das vorher von Bäumen oder anderen Pflanzen aus der Luft aufgenommen wurde, behauptet die MVV, sie würde der Atmosphäre auf diese Weise CO2 entziehen und der Klimaerwärmung entgegenwirken. Deshalb macht sie seit einiger Zeit Reklame mit dem (kaum definierten) Begriff „klimapositiv“.

MVV-Hochhaus mit der Botschaft „Klimapositiv“

Dabei ist CCUS aus mehreren Gründen fragwürdig: Es müssen gigantische Mengen an Energie aufgewendet werden, es ist sehr teuer, das CO2 muss sicher verschlossen, transportiert und endgelagert werden. Das ist mit nicht abschätzbaren Kosten und Risiken verbunden. Die Akzeptanz in der Bevölkerung fehlt. Zur Finanzierung will die MVV u.a. für das abgeschiedene CO2 auf einem zukünftigen Markt für „Negativemissionen“ Zertifikate verkaufen, die die Käufer berechtigen würden, die Atmosphäre wieder mit einer gleichgroßen Menge an CO2 anzureichern. Die „klimapositive“ Wirkung wäre dann nur von sehr kurzer Dauer.

Obwohl die Müllverbrennung in einem geringen Maße wahrscheinlich notwendig ist, als ein Hauptpfeiler für die Erzeugung ‚grüner‘ Wärme sollten sie unserer Meinung nach jedoch nicht dienen. Es darf keine Abhängigkeit von den derzeitigen Müllmengen entstehen.

Insgesamt sehen wir die Verbrennung von Müll und Altholz sehr kritisch und gehen davon aus, dass CCUS weder funktioniert und noch eingesetzt wird. Insofern halten wir die klimapositiv- Werbung der MVV als reines Marketing.

KIM: Bis 2030 will die MVV aus dem GKM raus. Wird dieses Ziel erreicht?

MA kohlefrei: Die Kraftwerksblöcke des GKM liefern sowohl Strom als auch Fernwärme. Bei der Stromversorgung wird es darauf ankommen, inwieweit die bundesweite Stromversorgung ausreichend auf erneuerbare Energien umgestellt ist und Kohlekraftwerke obsolet sind.

Die Wärme aus dem GKM nimmt die MVV für das Fernwärmenetz ab. Diese Wärme müsste bis 2030 komplett aus anderen Quellen erzeugt werden. Wir haben schon erwähnt, dass über die Hälfte der Fernwärme aus der Müll- und Holzverbrennung generiert werden sollen. Darüber hinaus plant die MVV ein oder zwei größere Flusswärmepumpen (FWP) am Standort des GKM. Das ist unbedingt zu befürworten. Die FWP können allerdings nur etwa 110 Grad heißes Wasser bereitstellen. Dies muss dann über einen mit Gas, später Biogas, betriebenen Nacherhitzer auf die 130 Grad des MVV-Netzes gebracht werden. Um diesen Aufwand zukünftig zu vermeiden, sehen wir es als unabdingbar an, nicht nur neuere Teilnetze mit niedriger Temperatur zu fahren, sondern auch das Bestandnetz schrittweise umzustellen. Hier wird unseres Erachtens zu wenig daran gearbeitet.

Als zweite größere Umstellung ist die Errichtung von mehreren Geothermie Werken geplant. Vor knapp drei Jahren wurden sowohl von der MVV Tochter GeoHardt im Mannheimer Süden wie von der Firma Vulcan Energy im Mannheimer Norden entsprechende Voruntersuchungen durchgeführt. Beide Firmen planen die Errichtung von Geothermie Werken, deren Wärme in das Fernwärmenetz eingespeist werden soll. Nach über zweijähriger Verzögerung hat die Firma GeoHardt jetzt bekanntgegeben, dass sie ihre erste Bohrung in Mannheim-Rheinau plant. Sie selbst hält es für realistisch, dass die Anlage bis 2027 genehmigt wird und noch vor 2030 in Betrieb gehen kann. Aufgrund des Umfangs der Prüfungen und aufgrund der technischen Herausforderungen haben wir Zweifel an diesem Zeitplan. Wenn die Produktion erst nach 2030 beginnt, gefährdet das das Ziel der MVV, dann keine Wärme mehr aus dem GKM zu beziehen.

Wenn wir den Blick mal über Mannheim hinaus schweifen lassen, wird es umso bedauerlicher, dass es in Mannheim nur langsam voran geht. In München gibt es ähnlich gute Voraussetzungen für Geothermie wie im Rheingraben. Dort sind inzwischen sechs geothermischen Anlagen im Betrieb und beliefern rund 80.000 Haushalte mit erneuerbarer Wärme. Die kommunalen Stadtwerke München haben ihren Umstieg auf eine erneuerbare Energieversorgung allerdings schon im Jahr 2008 begonnen, zu der Zeit haben die privatwirtschaftlichen Betreiber des GKM noch Block 9 geplant und 2015 in Betrieb genommen.

KIM: Die Stadt Mannheim hat einen Klimaschutzaktionsplan (KSAP) beschlossen und will bis 2030 klimaneutral sein. Was bedeutet das, und wird dieses Ziel erreicht?

MA kohlefrei: Wenn alle Maßnahmen des KSAP wie vorgesehen umgesetzt werden, sollen 2030 83% der Mannheimer Emissionen vermieden sein. Nach einer Zunahme der Emissionen in 2021 und 2022 konnte erst im Jahr 2023 in etwa wieder der Stand vom Pandemiejahr 2020 erreicht werden.

Um sich einer Beurteilung anzunähern, ist es hilfreich sich anzusehen, wer alles zum Gelingen eines solchen Plans aktiv beitragen muss. Wenn wir die verschiedenen Akteure wie Industriebetriebe, private Haushalte, Energieversorger, Handel, das Einwirken von Land, Bund und EU, die Stadtgesellschaft insgesamt mit in Betracht ziehen, wird deutlich, dass die Stadt zwar Einwirkungsmöglichkeiten hat, bestimmt aber nicht allein verantwortlich für das Gelingen oder Nichtgelingen der Umsetzung eines solchen Planes ist.

Obwohl also viele andere Akteure beitragen müssen, halten wir die finanzielle Ausgestaltung des Klimafonds der Stadt als bei weitem nicht ausreichend. Die Stadt selbst schätzt die Kosten der Umsetzung aller Maßnahmen auf einen Betrag zwischen 2 und 5 Mrd. EUR bis 2030, demgegenüber erscheinen die 5,5 Mio. EUR des Klimafonds als Tropfen auf den heißen Stein. 2024 ist es nicht mal gelungen, den Fonds völlig auszuschöpfen. Jetzt soll der Fonds aufgrund der städtischen Haushaltsprobleme auf 3 Mio. Euro gekürzt werden. Das ist umso schwerer zu verstehen, als schon im vergangenen Jahr das Tausend-Bäume Programm, das bisher über den Bereich Grünflächen finanziert wurde, nun aus dem Klimafonds bezahlt wird.

Angesichts unzureichender und nicht ausgeschöpfter Mittel wirken die politischen Einlassungen, nach denen Mannheim in Deutschland und Europa Vorreiter im Klimaschutz sei, als etwas großspurig.

Es sollte doch wenigstens möglich sein, vorhandene Mittel auszuschöpfen, sich entschiedener gegen Kürzungen zu wehren und vermehrt die Initiative zu ergreifen.

KIM: Wie wird sich die Wärmewende auf die Arbeitsplätze, speziell auch im GKM, auswirken?

MA kohlefrei: Die Frage ist für uns nicht einfach zu beantworten, weil wie die Planung der beteiligten Unternehmen nicht kennen und wir auch keine Untersuchungen zu dem Thema kennen. Zumindest dann, wenn die Wärmewende konsequent umgesetzt wird, dürfte sie insgesamt einen Mehrbedarf an Fachkräften bewirken, wenn man dabei nicht nur die Energieerzeugung betrachtet, sondern auch den Ausbau des Fernwärmenetzes, ggf. den Neubau von Nahwärmenetzen und die energetischen Sanierungen und Heizungstauschmaßnahmen.

Was das GKM betrifft, sehen wir erstmal keinen Grund, warum die Abkopplung der Fernwärme von der Kohleverbrennung überhaupt Arbeitsplätze kosten sollte, zumal ja durch die Flusswärmepumpen weiterhin Energie für die Fernwärme auf dem GKM-Gelände erzeugt werden soll. Auswirkungen auf die Arbeitsplätze könnte das absehbare Ende der Kohleverstromung im GKM haben. Als Datum dafür wird momentan das Jahr 2033 genannt; letztlich wird es vom Kohleausstiegsgesetz und der Entwicklung des Strommarkts und des CO2-Preises abhängen. Ob danach auf dem GKM-Gelände noch Strom erzeugt wird, wissen wir nicht. Falls ja, darf es nach unserer Meinung nur klimaneutraler Strom sein! Aber unabhängig davon besteht– wenn man den gesamten Fachkräftebedarf im Energiesektor betrachtet – eigentlich auch da kein Grund, warum die Dekarbonisierung Arbeitslosigkeit verursachen sollte.

Generell wäre es unsinnig, wenn klimaschädliche Erzeugung von Energie (oder auch von anderen Produkten) fortgesetzt würde, um Arbeitsplätze zu erhalten. Wenn bei einer klimaschutzbedingten Transformation Arbeitsplätze wegfallen, müssen aber adäquate Beschäftigungsalternativen angeboten werden. Dafür ist neben den Unternehmen auch die Politik in der Verantwortung.

Das Interview für „Mannheim Kohlefrei“ führten Andreas Häuser und Jürgen Runge

Webseite: https://mannheim-kohlefrei.org/