Welche Zukunft hat Eichbaum nach der Insolvenz? Interview mit dem Betriebsratsvorsitzenden Umut As
Im Oktober 2025 stellte die Privatbrauerei Eichbaum GmbH & Co. KG einen Insolvenzantrag. Seitdem sind einige Monate vergangen, doch die Zukunft der Traditionsbrauerei und ältestem Betrieb der Stadt ist weiter ungewiss. Wir sprachen mit dem Betriebsratsvorsitzenden Umut As über die schwierige Lage der Beschäftigten, die Ursachen der Insolvenz und welche Perspektiven er für das Unternehmen sieht. (cki/scr)
KIM: Der Insolvenzantrag wurde im Oktober 2025 gestellt. Kam das für euch überraschend?
Der Betriebsrat wusste auch nur ein paar Wochen vorher Bescheid. Also vom Deal mit Karamalz wussten wir, aber das wurde uns so gesagt: Wir verkaufen Karamalz, aber wir würden noch die Abfüllung ein paar Jahre haben. Das heißt: Unsere Abfüllanlage wäre ausgelastet und mit dem Geld, das reinkommt, könnten wir uns noch über Wasser halten. Dann könnten wir strategisch die nächsten paar Jahre besser planen.
In letzter Minute haben wir dann erfahren, dass es Veltins doch selber abfüllen will. Und das war dann der Schlag ins Gesicht, wo wir dann auch wussten, jetzt kommen wir aus der Scheiße definitiv nicht mehr raus. Und dann kam die Insolvenz ganz schnell innerhalb von ein, zwei Wochen.
Ansonsten hat man natürlich gesehen, dass nicht mehr so viele LKWs rein und raus fahren wie früher. Der Bierabsatz ist durchgehend am sinken. Auch wenn man es erwartet, ist es trotzdem ein Riesenschock. Im ersten Moment, als wir es den Leuten gesagt haben, war Ruhe. Normalerweise ist unsere Betriebsversammlung immer sehr laut. Aber da war Stille, da war jeder erst mal schockiert.
KIM: Wie sind die letzten Monate gelaufen? Kann man als Eichbaum Mitarbeiter morgens noch mit einem guten Gefühl zur Arbeit gehen?
Der Anfang war sehr schwer. Dadurch, dass auch die Gelder verspätet gekommen sind, war die große Frustration bei den Leuten. Aber man hat sie wieder abfangen können. Man muss sagen, als Betriebsrat und auch die neue Geschäftsführung, wir haben die Leute gut mitgenommen. Deswegen haben sie auch gut mitgemacht, weil jeder wusste, der Laden muss irgendwie weiterlaufen.
In einer Zeit, wo wir dachten, es könnte gelbe Zettel (Krankmeldungen, Anm.d.R.) regnen, ist das nicht passiert. Die Leute sind immer noch zur Arbeit gekommen. Sie haben voll mitgemacht und ab Dezember, Januar durften wir in Eigenverwaltung weitermachen. Das war ein gutes Zeichen. “Insolvenz in Eigenverwaltung” heißt immer, es geht eher in die positive Richtung.
Mittlerweile ist Februar und jetzt soll Personal abgebaut werden, dass wir ungefähr unter 200 kommen. Das soll uns schmackhafter für Investoren machen. Aktuell haben wir ca 285 Leute. Das wäre fast ein Drittel.
Leider hat das mit den Investoren wieder nicht geklappt und deswegen werden die Kündigungen auf März oder April verschoben. Es kann sich wieder alles komplett ändern.
Da war diese große Hoffnung, innerhalb von ein paar Wochen sind wir vielleicht raus. Nachdem das nicht geklappt hat, ist die Frustration wieder da.
Am 24. März ist wieder Gläubigerversammlung und es könnte passieren, dass die Gläubiger sich entscheiden, nicht mehr weiterzumachen.
KIM: Heißt es, wenn kein Investor gefunden wird, ist das dann das endgültige Aus von Eichbaum?
Ja, definitiv sogar. Wir haben zu viele Schulden. Wir können da eigenständig nicht mehr rauskommen.
KIM: Was siehst du als Hauptursache, warum das Ganze so schief gelaufen ist?
Es ist nicht eine einzige Sache, die schief gelaufen ist. Es hat angefangen mit schlechten, oder besser gesagt, keinen Investitionen. Zwischen 2005 und 2009 hat Eichbaum sehr viel Geld verdient. Da hätte man die Flaschenanlage erneuern und die Produktion aufbauen müssen.
Dann kommt dazu, dass seit 20, 30 Jahren der Bierabsatz durchgehend sinkt. Die Menschen trinken nicht mehr so viel Bier. Die Bierkultur in Deutschland ist gerade irgendwie gefühlt am Aussterben. Generation Z trinkt gar kein Bier mehr. So Sachen liest man mittlerweile in Artikeln.
In einer Zeit, in der es sowieso schon sehr schlecht ging, kam dann noch Russland mit dazu. China hat uns auch hart erwischt, aber China hat uns schon vorher erwischt. Der letzte große Tritt war Russland, wo wir einen großen Absatz verloren haben. Das war zum Beispiel viel Craft Bier, also Bier, was gut Geld eingebracht hat. Das hat uns den letzten Schlag verpasst.
KIM: Wie könnte man den Betrieb neu aufstellen, dass er wieder läuft?
Es ist schwierig. Erst mal brauchen wir Kohle. Danach muss man mit mehr Innovation andere Getränke angehen. Das war auch ein Plan. Zwischen Oktober und Dezember wollten wir uns mehr auf Energydrinks spezialisieren. Doch dann haben wir festgestellt, dass unsere Brauerei nicht dafür geeignet ist. Man müsste noch viele Millionen einsetzen, um unsere Struktur dafür anzupassen.
KIM: Was könnt ihr als Betriebsrat überhaupt noch tun?
Die Transfergesellschaft ist das einzige, was wir für die Leute noch aushandeln können. In einer Insolvenz zählen keine Gesetze und Regeln mehr, alles ist irgendwie vom Tisch und wir sind komplett mit dem Rücken an der Wand.
KIM: Welche Möglichkeiten haben die Eichbaum Mitarbeiter*innen, die ihren Job verlieren werden? Was kann eine Transfergesellschaft leisten?
Der Markt ist allgemein schlecht und es sind nicht so viele Firmen hier in der Gegend, wo unsere Leute gut arbeiten könnten. Mir fällt da auf Anhieb nur die Coca Cola ein.
Die anderen Brauereien in der Region sind alle viel kleiner. Fast allen Brauereien geht es schlecht.
KIM: Könnte man Eichbaum als Betrieb verkleinern und zur regionalen Brauerei machen?
Das regionale Geschäft war bei uns schon immer das viel kleinere Geschäft. Unsere großen Geschäfte, die wirklich Geld bringen, sind zum Beispiel die Produktion für Lidl. Die haben europaweiten Vertrieb.
KIM: Welches Feedback bekommt ihr als Betriebsrat von der Belegschaft?
Wir sind traditionell ein sehr starker Betriebsrat. Wir hatten gerade Betriebsratswahlen mit 79% Wahlbeteiligung, was relativ gut ist.
Man kann nur den Betriebsrat anschwätzen. Die Leute können niemand anderen anmeckern, außer uns. Das ist auch ganz normal. Wir haben gelernt damit umzugehen.
Ja klar, der eine oder andere sagt: Wie könnt ihr zulassen, dass 100 Leute rausgeschmissen werden? Aber im Großen und Ganzen weiß man schon, wir sind halt pleite. Wo keine Kohle ist, da kannste auch nichts machen.

Die Brauerei Eichbaum gilt als ältestes Unternehmen der Stadt, gegründet im Jahr 1679 | KIM Archivbild
KIM: Bekommt ihr Unterstützung von der Gewerkschaft?
Die Stefanie von der NGG ist super, die ist in der Woche drei, vier mal bei uns im Haus, die hilft sehr gut mit. Der DGB hat auch schon öfter angerufen, ob man was helfen kann. Die sind für uns da. Alle fragen nach. Auch andere Betriebsräte von anderen Firmen.
Traditionell sind immer über 70, 80 % der Belegschaft organisiert, immer auch streikbereit. Wir haben immer unsere Warnstreiks gemacht, um Tariferhöhung zu bekommen, obwohl das eine schlechte Zeit war.
KIM: Eichbaum ist nicht nur eine Firma, wo Leute arbeiten, wo produziert wird. Es ist auch Identität für Mannheim, im Stadion, bei Straßenfesten… Was denkst du, bringt die Zukunft? Kann es ein Mannheim ohne Eichbaum überhaupt geben?
Das schlimmste Szenario ist schon, dass wir den Laden zumachen und Mannheim verliert sein ältestes Unternehmen und seine Traditionsmarke, wie du sagst, ein Teil seiner Identität.
Ich hab vorhin von der Solidarität geredet, wenn man mitkriegt, wie die Waldhof Fans für uns im Stadion singen. Das berührt einen.
Es gibt andere Firmen, wo viel mehr Leute raus fliegen. Über uns wird mehr geredet, als über das Krankenhaus. Wie du sagst, es ist halt bisschen mehr als nur Bier.




















