6 Jahre nach dem Anschlag: Kundgebung und Demo erinnern an die Getöteten von Hanau
Sechs Jahre sind seit dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau vergangen, bei dem neun Menschen getötet wurden. Eine weitere schwer verletzte Person ist vor kurzem den Spätfolgen mehrerer Schussverletzungen gestorben. Über 200 Menschen haben an der Veranstaltung von DIDF und Mannheim gegen Rechts teilgenommen.
Am Abend des 19. Februar 2020 erschoss der 43-jährige Tobias R. an mehreren Tatorten in Hanau aus rassistischen Motiven neun Frauen und Männer: Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović und Ferhat Unvar.
Ibrahim Akkuş starb im Januar an den Spätfolgen
Ein trauriges, aktuelles Ereignis begleitete den Aufruf zum diesjährigen Gedenken an die Opfer des Anschlags von Hanau. Ibrahim Akkuş verstarb im Januar an den Spätfolgen des Anschlags. Im Jahr 2020 hatte der rechtsextreme Täter acht mal in der Arena Bar auf ihn geschossen. Er überlebte schwer verletzt, war danach aber auf einen Rollstuhl angewiesen und musste von seiner Frau und der gemeinsames Tochter gepflegt werden. Er sagte nach dem Anschlag: „Ich dachte, das ist ein demokratisches Land. Niemand würde uns umbringen.“ Ibrahim Akkuş ist das zehnte Todesopfer des rassistischen Anschlags.
Zum ersten mal eine Demonstration in Mannheim
Am Abend des 19. Februars versammelten sich rund 200 Menschen in den Planken. Die Veranstaltung, organisiert vom Bündnis Mannheim gegen Rechts in Zusammenarbeit mit der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF), wurde mit einem kurzen Beitrag eröffnet, der die tödlichen Folgen der Nacht des 19. Februar noch einmal zusammen fasste, gefolgt von einer Audio-Aufnahme von Angehörigen der Opfer, die aus ihrer Perspektive berichteten, wie es ihnen geht, was sie sechs Jahre nach der Tat bewegt und welche Forderungen sie stellen. Ein weiterer Beitrag des Bündnis Mannheim gegen Rechts thematisierte den rassistischen Hass des Täters und die Verantwortung rechter Organisationen und Parteien – konkret der AfD – für solche Taten.
Während des Demonstrationszuges trugen viele Teilnehmende Kerzen und Bilder der Opfer, um deren Gesichter und Namen sichtbar zu machen. Auf Wunsch der Organisator*innen sollten Parteifahnen und nationale Symbole außen vor bleiben, um den Fokus ausschließlich auf das Gedenken und die Ablehnung von Rassismus zu legen.
Bei der abschließenden Kundgebung am Marktplatz sprachen Vertreter*innen der DIDF, des Migrationsbeirats der Stadt Mannheim, des Antidiskriminierungsbüros, der Internationalen Jugend sowie vom Vorstand des Stadtjugendrings. In ihren Ansprachen wurde das anhaltende Risiko rassistischer Gewalt betont, insbesondere bei zunehmenden Wahlerfolgen rechter Parteien. Behörden und Sicherheitsorgane wurden aufgefordert, rassistische Hetze konsequent zu bekämpfen und gegen rechte Akteure in den eigenen Reihen vorzugehen. Solche Ereignisse, wie die Tat von Hanau, dürften nicht ohne Konsequenzen bleiben.
Migrationsbeirätin Julia Alicka brachte auf die Bühne eine Shisha mit. „Nicht als Provokation. Nicht als Dekoration. Sondern als Zeichen.“ Die meisten Opfer von Hanau wurden in einer Shisha Bar erschossen, die der Täter als Ziel ausgewählt hatte. „Und genau dort — an einem Ort der Alltäglichkeit und der Kultur — wurden Menschen ermordet. Nicht trotz dessen, was sie waren, sondern auch, weil sie dort saßen. Weil sie sichtbar waren. Weil sie Teil unserer Gesellschaft waren.“
Rechte Gewalt nimmt weiter zu
Nur wenige Tage ist es her, dass die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei Die Linke belegt, dass die Zahl rechter Gewalttaten 2025 gegenüber den Vorjahren erneut angestiegen ist. Unter den erfassten Gewalttaten werden auch zwei versuchte Tötungsdelikte geführt. Dabei muss davon ausgegangen werden, dass die berichtete Zahl von 1.521 Angriffen noch ansteigen wird, weil einige Bundesländer ihre Zahlen noch nicht gemeldet haben.
Statistisch ist also auch heute, dem Tag an dem viele Menschen in Deutschland den getöteten von Hanau gedenken, von etwa vier rechten Gewalttaten auszugehen. Gewalttaten unter denen immer mehr Menschen zu leiden haben.
Auch aus diesem Grund haben die Redner*innen der Veranstaltung darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, den getöteten und anderen Opfern rechter Gewalt und rechten Terrors zu gedenken und weiterhin für Aufklärung zu kämpfen. Damit solle nicht nur den Angehörigen ein klein wenig Gerechtigkeit wiederfahren, sondern auch der Kampf gegen Rechte verstärkt werden.
Die Zukunft der Erinnerung
Der 19. Februar 2026 markierte den sechsten Jahrestag des Anschlags von Hanau. Sechs Jahre, in denen die Situation in Deutschland für von Rassismus Betroffene schlechter wurde. Es wird für die Angehörigen und Freund*innen der Opfer immer schwieriger, Gehör zu finden. Doch sie lassen nicht locker.
Neben Mannheim fanden in mehr als 60 Städten weitere Gedenkveranstaltungen statt. In Frankfurt und Hanau gab es zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen zur Erinnerung. Der Raum mit der Aufschrift #saytheirnames in der Krämerstraße 24 in Hanau wurde neu gestaltet und „lädt Schulen, Universitäten, Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen dazu ein, sich intensiv mit dem 19. Februar 2020 auseinanderzusetzen – gemeinsam, kritisch und solidarisch“.

Vor einigen Monaten erschien der Dokumentarfilm „Das deutsche Volk“ von Marcin Wierzchowski. Der Regisseur begleitet vier Jahre lang Angehörige und Überlebende und ihren „unermüdlichen Widerstand gegen das Vergessen“. Ab März ist der Film in der ARD Mediathek verfügbar.
Ebenfalls im März stellen Hadija Haruna-Oelker und Max Czollek ihr neues Buch „Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ vor. Das Buch ist „eng mit Ereignissen wie dem rechtsterroristischen Anschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau verbunden und geht der Frage nach, warum trotz „Nie wieder“-Versprechen rechtsextreme Gewalt, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland weiter Realität sind“.
Die Erinnerungskultur ist lebendig und vielfältig, doch Veränderungen in Deutschlands Alltag, vor allem in Politik und Behörden, brauchen viel Kraft und Ausdauer.
Text/Fotos: DeBe/CKI























