Silent Demo Mannheim mit über 4.000 Menschen: Black Lives Matter!

Ifrah und Sima, die Mannheimer Organisatorinnen, begrüßen die Demo-Teilnehmer*innen. Sie bedanken sich bei den Münchner Initiatorinnen des bundesweiten Aktionstages am 6.6.
„Leute! Geht runter auf die Knie! Wir wollen niemand stehen sehen. Und Arm hoch! 8 Minuten und 46 Sekunden!“ Ifrah und Sima, die jungen Organisatorinnen der „Silent Demo Mannheim“ müssen nicht lange warten, und Tausende knien nieder, setzen oder legen sich auf den Boden und schwiegen. Sie gedenken Gorge Floyds, des von weißen Polizisten im Rahmen einer „Personenkontrolle“ in Minneapolis umgebrachten Afroamerikaners. Hunderte handgemalte Pappschilder sagen derweil, worum es geht: „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben zählen), „No Justice, No Peace“, „Stop Racism!“, „White Silence is White Violence“ (Weißes Schweigen ist Gewalt), „Enough is Enough“ (Genug ist genug!).
Nach den langen 8 Minuten 46 heißt es: „Leute! Ihr könnt wieder aufstehen. Ihr seht: Wir Menschen können zusammen alles schaffen“. Ifrah und Sima hatten zu Beginn der Veranstaltung erklärt, worum es geht: „Wir machen eine friedliche Demo. Ihr könnt Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Egal, wer ihr seid – wir wollen euch eine Stimme geben.“ Und viele Menschen nutzen diese Gelegenheit, um zu sagen oder auch herauszuschreien, wie sie immer wieder Rassismus, Alltagsrassismus erleben, wie sie sich beleidigt fühlen durch das „N-Wort“, mit dem sie immer wieder beschimpft werden. „Mensch ist Mensch – egal welche Hautfarbe!“ Am Ende sind es über 20 Rede- und Gesangsbeiträge ausschließlich von Menschen, die selbst Betroffene sind.
Als erstes spricht Moses, sein Vater ein Ruander, der das Glück hatte, ein Studienstipendium für die Bundesrepublik zu bekommen, seine Mutter Deutsche. Moses repräsentiert damit die jungen schwarzen Deutschen, von denen noch einige Weitere das Wort ergreifen werden, und die auch einen nicht unerheblichen Teil der Menschen ausmachen, die zur Demo erschienen sind. Die Anwesenden sind ganz überwiegend jung. Viele sind – auch ohne deutsches Elternteil – ganz offensichtlich Kinder oder Nachfahren von Migrant*innen, die schon lange in Deutschland leben oder dort geboren sind. Also Deutsche. „Wo kommst du her? – Aus Ludwigshafen“: Diesen Standarddialog hat Moses wohl nicht so oft erlebt, schließlich war er ja hier schon im Kindergarten und dann in der Schule, was nicht vor dem ewigen „N-Wort“ schützt. Zur privaten Schulabschlussfeier mit seinen (Bio-)-deutschen Freund*innen unterwegs passiert, was ihm immer wieder passiert: Die Polizei deutet ihn aus der Gruppe heraus: Personenkontrolle – ohne jeden Grund, außer dass er schwarzer Deutscher ist. Moses zitiert aus dem Grundgesetz, Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. „Wir stehen dafür, dass dieses Grundgesetz wieder in Kraft tritt!“ „Alle haben wir gekämpft, ohne Ergebnis“ resümiert er. „Wir brauchen Euch!“ Moses fordert Zivilcourage, er fordert den Stacheldrahtzaun des Rassismus einzureißen. (Am Ende nennt er seinen vollen Namen: Moses Reppert.)
Im weiteren Verlauf gibt es sehr emotionale Beiträge. Eine weiße Deutsche spricht aus der Sicht der Ehefrau eines Afrikaners und Mutter dreier gemeinsamer Kinder. Sie fragt die Tausende im Schlosshof: Was macht ihr morgen? Seid ihr bereit, für eure Brüder und Schwestern einzustehen? Der Rassismus ist ein strukturierter Rassismus!
Einige Redner*innen bedanken sich für die Solidarität aller, die gekommen sind. „Wir lassen uns nicht spalten“. Es werden immer weitere Aspekte angesprochen: Deutschland muss sich der Geschichte des Kolonialismus stellen. Das Reden in den Medien über statt mit den rassistisch Diskriminierten muss ein Ende haben. Angesichts des mörderischen Polizeieinsatzes gegen George Floyd: „Nicht alle Polizisten sind schlecht. Aber die Guten müssen sich gerade machen!“
Gegen Ende richtete Gökay Akbulut MdB noch das Wort an die Menschen: Nicht die Migrant*innen und die Geflüchteten tragen Verantwortung für die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft, sondern sie verlangen gleiche Rechte, gleiche Chancen und gute Arbeit für alle. Obwohl Parteizugehörigkeiten an diesem Tag keine Rolle spielen und Parteien auch nicht sichtbar in Erscheinung treten, nennt Gökay Akbulut trotzdem eine Partei beim Namen, nachdem sie vom Schock über die Morde von Hanau, gesprochen hat, der Morde auch an einigen ihrer Freunde: Sie macht die AfD verantwortlich für das Wiedererstarken des Rassismus in Deutschland. Dass die AfD ein Potenzial von 25% hat – dagegen müssen alle gemeinsam auf die Straße. Das sehen die Menschen auf dem Schlossplatz auch so.
Nach drei Stunden ist diese Veranstaltung zu Ende. Ganz viele haben diese denkwürdige und kraftvolle Veranstaltung von Anfang bis Ende verfolgt. Weiter hinten auf dem Schlossplatz, wo die für den ganzen Platz zu bescheidene Beschallungsanlage nicht mehr so gut durchdrang – man hatte ja nur mit 1.000 Menschen gerechnet -, war ein reges Kommen und Gehen. So muss man eher davon ausgehen, dass insgesamt noch mehr als die 4.000 Menschen George Floyd die Ehre erwiesen haben und deutlich gemacht haben: „Menschen sind Menschen!“ Es waren auch viele solidarische „weiße Kurpfälzer*innen“ auf dem Platz. Aber es war vor allem der Tag der schwarzen und nicht-weißen Deutschen, die in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht haben: Wir haben den strukturellen und Alltagsrassismus endgültig satt. Wir kommen nicht irgendwo her, sondern wir sind hier, wir sind Deutsche und beanspruchen gleiche Rechte, ohne ständige Diskriminierung!
(Bericht und Bilder (4): Thomas Trüper / Alexander Kästel)
Siehe auch: Beitrag von Hémêfa auf der Black-Lives-Matter-Demo 6.6.20 Mannheim (Auszüge)