Müllgebühren steigen – aber wohin fließt unser Geld?
Wie die fehlende Biotonnenpflicht die „grüne Fernwärme“ der MVV finanziert
Die Müllgebühren in Mannheim steigen dramatisch: 2026 werden private Haushalte durchschnittlich 12 Prozent mehr zahlen – fast doppelt so viel wie noch vor einem Jahr geplant. Gleichzeitig liegt Mannheim mit 223,7 Kilogramm Haus- und Sperrmüll pro Einwohner und Jahr landesweit auf dem letzten Platz mit dem meisten Müll. Heidelberg und Karlsruhe produzieren mit 137 Kilogramm pro Kopf 40 Prozent weniger Müll. Doch woran liegt das? Und warum tut die Stadtverwaltung nichts dagegen?
Die Kostenspirale dreht sich immer schneller
Die Zahlen sind ernüchternd: Die Verbrennungskosten bei der MVV stiegen von 78 Euro (2020) auf 146 Euro pro Tonne (2026). Hinzu kommt die CO₂-Abgabe, die von 45 Euro (2024) auf voraussichtlich 65 Euro pro Tonne (2026) ansteigt. Die Gesamtkosten für Transport und Verbrennung des Mannheimer Hausmülls explodierten von 9,8 Millionen Euro (2020) auf 16,5 Millionen Euro (2026).
Wer zahlt diese Kostensteigerungen? Natürlich die Bürgerinnen und Bürger über ihre Müllgebühren. Ein Ende dieser Spirale ist nicht absehbar – es sei denn, die Stadtverwaltung packt das Problem endlich an der Wurzel: bei der Müllvermeidung.
Versäumnisse der Verwaltung: Ankündigungen ohne Taten
Bereits vor zwei Jahren kündigte die Verwaltung an, dass die Vorbereitungen zur Einführung einer Grund- und Leistungsgebühr bei der Müllabfuhr bereits angelaufen seien. Diese sollte endlich Anreize zur Müllvermeidung schaffen: Wer weniger Müll produziert, zahlt weniger. In der im Dezember verabschiedeten Beschlussvorlage zur Gebührenerhöhung 2026 findet sich jedoch keinerlei Erwähnung mehr davon. Was ist aus diesem wichtigen Vorhaben geworden?
Auch bei der Biotonne versagt die Verwaltung: Während bundesweit 72 Prozent aller Landkreise und kreisfreien Städte eine Pflicht-Biotonne eingeführt haben, ist sie in Mannheim nach wie vor freiwillig. Die Folgen sind gravierend und kosten die Bürgerinnen und Bürger bares Geld.
Um diese Versäumnisse aufzuklären, hat die Fraktion LTK zwei Anfragen an die Verwaltung gestellt: Anfrage Nr. A005/2026 zur Grund- und Leistungsgebühr sowie Anfrage Nr. A004/2026 zur verpflichtenden Biotonne. Die Fraktion erwartet klare Antworten: Warum wurden angekündigte Maßnahmen nicht umgesetzt? Welche Hindernisse bestehen? Und vor allem: Wann kommt die Verwaltung endlich ins Handeln?

Die Trennung des Biomülls vom Restmüll spart nicht nur klimaschädliche CO₂ Emissionen sondern auch viel Geld | Bild: KIM
Die fehlende Biotonne kostet uns doppelt
Ein zentraler Hebel zur Müllvermeidung liegt ungenutzt brach: die verpflichtende Biotonne. Organische Abfälle machen typischerweise 30-40 Prozent des Hausmülls aus. In Mannheim landen diese wertvollen Bioabfälle größtenteils in der Restmülltonne und werden zur MVV-Verbrennungsanlage gekarrt – mit allen Kostenfolgen.
Dabei sind organische Abfälle von der CO₂-Abgabe ausgenommen. Jede Tonne Bioabfall, die getrennt gesammelt wird, spart 146 Euro Verbrennungskosten plus bis zu 65 Euro CO₂-Abgabe – also über 200 Euro pro Tonne, die die Haushalte über ihre Müllgebühren bezahlen müssen.
Bundesweite Erfahrungen zeigen eindeutig: Kommunen mit Pflicht-Biotonne erreichen eine Anschlussquote von 74 Prozent und signifikant niedrigere Restmüllmengen. Freiwillige Biotonnen kommen dagegen nur auf 44 Prozent Anschlussquote. Der Landkreis Cuxhaven führte 2021 die Pflicht-Biotonne ein – mit eindrucksvollem Erfolg: Die Restmüllmenge sank von 224 Kilogramm pro Kopf (2020) auf 163 Kilogramm (2023), während die Bioabfallsammlung von null auf 83 Kilogramm stieg.
Warum setzt die Mannheimer Stadtverwaltung diese bewährte Maßnahme nicht um?
Das vorgeschobene Qualitätsargument
Im kürzlich verabschiedeten Abfallwirtschaftskonzept begründet die Verwaltung eine „kritische“ Prüfung, eine Pflicht-Biotonne einzuführen, mit einem bemerkenswerten Argument: Der aktuell gesammelte Bioabfall habe nur deshalb eine so hohe Qualität, weil die Biotonne freiwillig sei. Nur „motivierte“ Haushalte würden die Tonne nutzen und daher sorgfältiger befüllen.
Dieses Argument ist nicht nur durch keinerlei Daten gestützt – es ist ökologisch und ökonomisch absurd. Denn der Preis dieser angeblichen „Qualität“ ist, dass die Mehrheit der Mannheimer Haushalte ihre Bioabfälle in die Restmülltonne wirft und zur teuren Verbrennung schickt. Bei einer Anschlussquote von vermutlich unter 50 Prozent (die genauen Zahlen hat die Verwaltung bislang nicht veröffentlicht) landen Jahr für Jahr Zehntausende Tonnen wertvoller Bioabfälle in der Müllverbrennungsanlage.
Bundesweite Erfahrungen zeigen: Störstoffe in der Biotonne sind ein generelles Problem, das jedoch durch Kontrollen, Öffentlichkeitsarbeit und gegebenenfalls Sanktionen wirksam gelöst werden kann – unabhängig davon, ob die Tonne verpflichtend oder freiwillig ist. Der NABU empfiehlt ausdrücklich „zielgerichtete Kontrollen der Biotonnen, um die Qualität der Bioabfälle sicherzustellen und Fehlwürfe zu minimieren.“ Keine der bundesweiten Studien zeigt, dass freiwillige Biotonnen systematisch bessere Qualität liefern als Pflicht-Biotonnen.
Die Frage, die sich stellt: Hat die Verwaltung überhaupt belastbare Daten, die zeigen, dass die Qualität des Mannheimer Bioabfalls besser ist als in vergleichbaren Städten mit Pflicht-Biotonne? Und selbst wenn – rechtfertigt dies, dass jährlich Millionen Euro zusätzliche Kosten entstehen, weil Bioabfälle verbrannt statt verwertet werden?
Das Qualitätsargument wirkt wie eine Nebelkerze, um von den eigentlichen Versäumnissen abzulenken: der fehlenden Bereitschaft, wirksame Maßnahmen zur Müllvermeidung umzusetzen.
Wer zahlt die Zeche?
Die Rechnung ist einfach: Ohne verpflichtende Biotonne landen in Mannheim jährlich Zehntausende Tonnen Bioabfall in der Restmülltonne. Diese von der MVV verbrannt – zu Kosten von über 200 Euro pro Tonne (Verbrennung plus CO₂-Abgabe, siehe oben). Die Bürgerinnen und Bürger zahlen diese Kosten über ihre stetig steigenden Müllgebühren.
Die Bioabfälle, die eigentlich klimafreundlich vergoren und kompostiert werden könnten, setzen bei der Verbrennung CO₂ und Methan frei. Das ist weder ökologisch sinnvoll noch wirtschaftlich für die Haushalte.
Fernwärme ja – aber nicht aus Müllverbrennung
Der Ausbau der Fernwärme in Mannheim ist grundsätzlich sehr zu begrüßen und ein wichtiger Baustein der Wärmewende. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Fernwärme aus Müllverbrennung gewonnen wird: Nach aktuellen Angaben soll die Müllverbrennungsanlage bis 2035 knapp 50 Prozent der Mannheimer Fernwärme liefern.
Wie die Fraktion bereits in einem Beitrag im März letzten Jahres zur Besichtigung der MVV Umwelt auf der Friesenheimer Insel kritisierte, ist die Müllverbrennung keine nachhaltige Lösung für die Fernwärmeerzeugung. Sie schafft falsche Anreize: Je mehr Müll verbrannt wird, desto mehr Fernwärme kann erzeugt werden. Die steigenden Müllmengen in Mannheim – und die damit verbundenen steigenden Gebühren für die Bürgerinnen und Bürger – werden so indirekt zur Grundlage der „grünen Fernwärme“.
Echte Nachhaltigkeit sähe anders aus: Drastische Reduktion der Müllmengen durch konsequente Mülltrennung und -vermeidung, kombiniert mit Fernwärmeerzeugung aus tatsächlich erneuerbaren Quellen wie Großwärmepumpen, Geothermie oder Solarthermie.
Was muss jetzt passieren?
Die Stadtverwaltung muss endlich handeln:
- Verpflichtende Biotonne einführen – wie in 72 Prozent aller deutschen Kommunen bereits Standard. Dies würde die Restmüllmengen substanziell senken und die Gebührenbelastung für alle Haushalte reduzieren.
- Grund- und Leistungsgebühr umsetzen – seit Jahren angekündigt, aber nie realisiert. Das pauschale Gebührensystem schafft keinerlei Anreize zur Müllvermeidung.
- Datenanalyse durchführen – warum produziert Mannheim doppelt so viel Müll wie Heidelberg und Karlsruhe? Wo genau entsteht dieser Müll? Welche soziodemographischen oder strukturellen Faktoren spielen eine Rolle? Ohne diese Grundlage können keine zielgerichteten Maßnahmen entwickelt werden.
- Konsequente Müllvermeidungsstrategie – durch Ausbau von Mehrwegsystemen, Förderung von Reparatur und Wiederverwendung sowie verbindliche Recyclingquoten.
- Transparenz schaffen – die Verwaltung muss erklären, warum angekündigte Maßnahmen nicht umgesetzt wurden und welche Alternativen sie plant.
Fazit: Schluss mit dem Verschleppen notwendiger Maßnahmen
Die derzeitige Situation ist inakzeptabel: Die Mannheimer Bürgerinnen und Bürger zahlen immer höhere Müllgebühren, während die Verwaltung längst angekündigte Maßnahmen zur Müllvermeidung nicht umsetzt. Gleichzeitig finanzieren die Haushalte mit ihren Gebühren die Verbrennung von Bioabfällen, die eigentlich getrennt gesammelt werden müssten.
Die Fraktion LTK hat mit ihren beiden Anfragen (A004/2026 und A005/2026) die notwendigen Weichen gestellt. Jetzt liegt es an der Verwaltung, endlich zu handeln.
Denn eines ist klar: Echte Nachhaltigkeit und echter Klimaschutz entstehen nicht durch das Verschleppen wirksamer Maßnahmen, sondern durch konsequente Vermeidung an der Quelle. Mannheim braucht keine Ausreden mehr – Mannheim braucht weniger Müll.
Dr. Jessica Martin, Stadträtin für die Klimaliste, Fraktion LTK im Mannheimer Gemeinderat

















