Wie der „Traum vom Fliegen“ mit Schütte-Lanz zum Albtraum wurde
Bei der BUGA wird es kein Klettergerüst in Form eines Luftschiffs von Schütte-Lanz geben. Die Li.Par.Tie und der OB haben sich für diese Entscheidung eingesetzt. Die militärische Bedeutung von Schütte-Lanz-Luftschiffen, die ab 1909 in Mannheim bzw. Brühl gebaut wurden, ist bisher wenig problematisiert worden, möglicherweise weil man sich kaum vorstellen kann, wie so ein träges, riesiges Fluggerät überhaupt im Krieg einsetzbar war. Außerdem macht der Mannheimer Lokalpatriotismus blind, wenn es um „wegweisende Erfindung“ geht, „die von Mannheim aus die Welt veränderten“. Und wer mag sich schon einen „Erfinderpark“ als Kriegsgerät von grundlegender luftwaffentechnischer Tragweite madig machen lassen.
Tatsächlich waren Luftschiffe die ersten strategischen Bomber der Luftfahrtgeschichte, die mit ihrer großen Reichweite und Tragfähigkeit militärische Ziele und die ahnungslose Zivilbevölkerung in England bombardieren konnten. Die Schütte-Lanz-Luftschiffe – die stromlinienförmige aus Sperrholz gefertigte Weiterentwicklung gegenüber den Luftschiffen der Firma Zeppelin – sind ausschließlich für den Einsatz im ersten Weltkrieg entwickelt worden und für Aufklärungs- und Angriffsfahrten eingesetzt worden. Sie haben über vielen Städten (z.B. Nancy und London) ihre Bombenlast abgeworfen und Tod und Verwüstung gebracht. Eine solche Kriegsführung, – der moderne Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung, weit entfernt von einer Front, auch Terrorkrieg genannt -, hat die Welt tatsächlich nachhaltig verändert.

Zeitungsausschnitt aus dem Mannheimer neuen Volksblatt anlässlich der Probefahrt von SLI im Oktober 1911
Die Luftschiffe erreichten Flughöhen von 7.000m, eine Geschwindigkeit von 120 km/h, eine Dauerfahrt bis zu 100 Stunden und eine Nutzlast bis zu 51.000 Kilogramm. Um selbst unerkannt zu bleiben und nicht von Artilleriegeschossen getroffen zu werden, fuhren sie, wenn möglich, über den Wolken. Die Ziele wurden dann über einen Mann in einem “Spähkorb” per Telefonkabel an die Führungskanzel gemeldet. Die “Spähkörbe” wurden an bis zu 2.000 Meter langen Drahtseilen herabgelassen und flogen knapp an der Wolkenuntergrenze. Der Bombenabwurf wurde durch sie nicht behindert. Für Aufklärungsflüge standen Funkgeräte mit einer Reichweite bis 400 km zur Verfügung. Die kleinen Jagdflugzeuge der damaligen Zeit konnten größere Höhen noch nicht erreichen und stellten keine Gefahr für die Luftschiffe dar. Erst in den letzten Kriegsjahren hatten die Jagdflugzeuge technisch aufgeholt, was zu 40 Abschüssen bei den Luftschiffen führte, weitere 39 gingen durch Unfälle zu Bruch.
Im ersten Weltkrieg sind über 100 Luftschiffe verschiedener Hersteller zum Einsatz gekommen, darunter 13 von Schütte-Lanz. Zehn weitere aus seiner Werft waren nicht einsatzbereit oder wurden nicht fertig gestellt. In der Hochphase waren dort 1.700 Personen beschäftigt. Neben den Militärluftschiffen in Brühl baute das Unternehmen Schütte-Lanz ab 1915 in seinem Zweig-Werk Zeesen bei Königs Wusterhausen (Brandenburg) ca. 500 Militär-Flugzeuge in Lizenz. Auch hier waren mehr als 2.000 Menschen beschäftigt, darunter auch Kriegsgefangene.
Im Versailler Vertrag wurde im Deutschen Reich der Großluftschiffbau untersagt. Dies führte zu Auflösung des Unternehmens Schütte-Lanz. Sämtliche Hallen mussten demontiert werden. Da Graf Zeppelin im Unterschied zu Schütte-Lanz nicht nur Kriegsgerät hergestellt hatte, durfte er weiterhin zivile Luftschiffe bauen. In Brühl sattelte ein Nachfolgeunternehmen auf Sperrholz um.
Der Historiker Christian Salewski kommt 2007 in seiner Dissertation über Johann Schütte (1873-1940) zu einer „Neubewertung des Luftfahrtpioniers“: „Andererseits zählte er zu den Luftrüstungsindustriellen, die teils aus finanziellem Interesse, teils aus einem extremen Nationalismus heraus Heer und Marine mit Luftschiffen ausrüsteten, mit denen völkerrechtswidrig Ziele in England bombardiert und die englische Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken versetzt wurde. Als Vorsitzender der WGL („Wissenschaftliche Gesellschaft für Luftfahrt“) war er zudem mitverantwortlich dafür, dass das nationalsozialistische Regime bei seinen Rüstungsanstrengungen auf eine gut organisierte technisch-wissenschaftliche Intelligenz zurückgreifen konnte.“
(Barbara Ritter)
Zum Weiterlesen:
- Über Bauzeit und Verbleib der SL-Luftschiffe sowie deren militärischen Einsatz gibt es genaue Aufzeichnungen https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1264849
- Über den politischen Lebensweg von Prof. Johann Heinrich Schütte, der sich weit rechts abgespielt hat und im offenen Bekenntnis zur NSDAP schon im Jahr 1931 mündete. Seine Verstrickung in die NS-Diktatur wurde in seiner Geburtsstadt Oldenburg 2013 Thema einer wissenschaftlichen Untersuchung. (S. 205-211): Wissenschaftliche Untersuchung der Straßennamen der Stadt Oldenburg (PDF)
- Über den Compagnon Karl Lanz, der Mannheimer Grundstücks- und Kapitalgeber für das Schütte-Lanz-Unternehmen. Michael Caroli vom Marchivum hat einen interessanten Blog-Beitrag veröffentlicht. https://www.marchivum.de/de/blog/stadtgeschichte-62
- Über das Gelände und die restlichen denkmalgeschützten Bauten von Schütte-Lanz und seinen Nachfolgeunternehmen gibt es eine Beschreibung auf der Webseite des Vereins Rhein-Neckar-Industriekultur: https://www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/luftschiffwerft-schuette-lanz-in-bruehl