Schändung des Mahnmals für die Opfer der NS-Zwangssterilisation wieder weg

Am Freitag, 29.5.2026 erreichte den Arbeitskreis NS-Justiz Mannheim die Nachricht, dass das Mahnmal für die Opfer der NS-Zwangssterilisation mit einer menschenfeindlichen Parole beschmiert wurde. Der Satz „Zwangssterilisierung ist ein Verbrechen“ war überschrieben mit “Zwangssterilisierung ist KEIN Verbrechen”.

Die oder der Unbekannte ist offenbar der Meinung, dass es nicht verwerflich sei, andere Menschen zu bewerten und auszusortieren, ihnen eigene Kinder zu verbieten, sie zu verletzen, ihren Körper und ihre Seele zu verstümmeln.

Das ist keine geistlose Schmiererei, sondern eine Verhöhnung den über 1900 Opfer in Mannheim, die in der NS-Zeit aufgrund des rassistischen sog. Erbgesundheitsgesetzes von 1933 gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht wurden.

Das städtische Mahnmal steht seit 13 Jahren abwechselnd an Orten der zahlreichen beteiligten Institutionen. Aktuell steht es vor der AOK. Es war bisher keinen solchen menschenfeindlichen eugenischen Provokationen ausgesetzt. Dass Gedenkstätten immer wieder geschändet werden, ist Realität.

Die Tat ist ein Angriff auf eine antifaschistische, demokratische Erinnerungskultur. Sie zeigt ebenso, dass es einen großen Bedarf an Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit gibt.

„Überrascht sind wir nicht. Aber wütend. Und erst recht entschlossen, weiter zu machen“ erklärten Mitglieder des Arbeitskreises NS-Justiz e.V., die das wandernde Mahnmal als Gedenkstätte betreuen. Der Verein hat Anzeige erstattet, ebenso die Stadt Mannheim. Die AOK hat die Schmiererei nach bekannt werden am selben Tag gründlich beseitigt. Der Künstler Enver Enli hatte die Schändung als erster bemerkt, dokumentiert und Alarm geschlagen.

PS: Das Mahnmal wird am 25. Juni 2026 zu seinem neuen Stellplatz umziehen: auf das Gelände vom ehemaligen „Lanz-Krankenhaus“ im Lindenhof. Eine Einladung zu dem Event erfolgt rechtzeitig.

Arbeitskreis Justiz und Geschichte des NS in Mannheim e.V. – Pressemitteilung


DUNKELHEIT AUF DEM GEDÄCHTNIS – UND DIE ANTWORT DES GEWISSENS

Manchmal begegnet einem die Geschichte nicht in einem Buch, sondern in einem einzigen Wort.
Vor wenigen Tagen fotografierte ich in Mannheim das Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisation. Es handelt sich um das von Michael Volkmer geschaffene Wandermal, das seit Jahren an verschiedenen Orten der Stadt an die Verbrechen erinnert, die im Namen einer menschenverachtenden Ideologie begangen wurden.
Auf dem Denkmal steht der Satz:
„Weil sie denken, ich sei weniger wert als andere … Zwangssterilisation ist ein Verbrechen.“
Als ich die Fotos später betrachtete, bemerkte ich etwas Verstörendes.
Jemand hatte den Satz verändert.

Aus „Zwangssterilisation ist ein Verbrechen“ war durch einen einzigen Zusatz geworden:
Zwangssterilisation ist kein Verbrechen.“
Nur ein Wort.

Und doch steckt in diesem Wort eine ganze Ideologie.
Es war nicht bloß eine Sachbeschädigung. Es war ein Angriff auf die Erinnerung. Ein Angriff auf die Würde der Opfer. Ein Angriff auf die historische Verantwortung, die wir als Gesellschaft tragen.
Vor Jahren hatte ich Gespräche mit dem AK Justiz Mannheim geführt und über die Geschichte der Zwangssterilisation recherchiert. Ich lernte Menschen kennen, die sich mit großer Beharrlichkeit dafür einsetzen, dass die Schicksale der Betroffenen nicht vergessen werden. Menschen wie Anne Barbara Dell, Barbara Ritter und viele andere, die über Jahre hinweg Erinnerungsarbeit geleistet haben.
Dass ein solches Denkmal heute noch angegriffen wird, zeigt, wie notwendig diese Arbeit weiterhin ist.
Nachdem ich die Veränderung dokumentiert hatte, informierte ich umgehend die zuständigen Stellen, befreundete Initiativen und politische Verantwortliche.
Die Reaktionen kamen schnell.
Vertreter der Stadt Mannheim wurden informiert. Der Stadtraumservice wurde eingeschaltet. Aus dem Rathaus kam die klare Botschaft, dass die Schmiererei schnellstmöglich entfernt werden müsse. Falls dies nicht zeitnah geschehe, wolle man selbst tätig werden.
Auch aus der Zivilgesellschaft kam Unterstützung.
Gisela Kerntke von QuerKultur-KulturQuer betonte die Bedeutung einer öffentlichen Reaktion. Der Verleger Ulrich Welhöfer brachte seine Empörung über den Vorfall zum Ausdruck.
Besonders deutlich positionierte sich der AK Justiz Mannheim.
In seiner Stellungnahme erklärte der Arbeitskreis, dass die Tat nicht nur eine Beschädigung eines Denkmals sei. Sie verhöhne die rund 1900 Opfer der Zwangssterilisation in Mannheim und stelle einen Angriff auf eine antifaschistische und demokratische Erinnerungskultur dar.
Diese Einschätzung trifft den Kern.
Denn Denkmäler bestehen nicht nur aus Metall oder Stein.
Sie bewahren Erinnerungen. Sie erzählen Geschichten. Sie erinnern an Menschen, denen Unrecht widerfahren ist.
Wer ein solches Denkmal angreift, greift nicht nur ein Objekt an, sondern die Werte, für die es steht.
Der AK Justiz Mannheim wies zudem auf eine unbequeme Wahrheit hin: Erinnerungsorte stehen immer wieder unter Druck. Gerade deshalb bleiben Bildungs- und Erinnerungsarbeit unverzichtbar.
Erfreulich ist jedoch, dass die Reaktion auf diesen Vorfall deutlich und solidarisch ausfiel.
Die Schmiererei wurde entfernt. Strafanzeige wurde erstattet.
Institutionen und engagierte Bürgerinnen und Bürger reagierten entschlossen. Niemand sah weg.
Am Ende bedankte sich der AK Justiz Mannheim ausdrücklich bei mir dafür, den Vorfall dokumentiert und gemeldet zu haben.
Ich verstehe diesen Dank nicht als persönliche Auszeichnung.
Vielmehr erinnert er daran, welche Bedeutung Aufmerksamkeit, Dokumentation und journalistische Arbeit haben können.
Manchmal ist ein Foto mehr als ein Bild. Manchmal wird es zu einem Dokument der Zeit. Manchmal macht es sichtbar, was verborgen bleiben soll. Und manchmal setzt es eine Kette von Solidarität in Bewegung.
Heute steht das Denkmal wieder unversehrt an seinem Platz.
Doch geblieben ist mehr als eine gereinigte Oberfläche.
Geblieben ist die Gewissheit, dass Erinnerung nicht allein ist.
Und dass es Menschen gibt, die bereit sind, sie zu verteidigen.

Enver Enli