Heiß, heißer, tödlich – wird das die Zukunft in Mannheim? [mit Video]
Mannheim ist ”Hitzehochburg” in Deutschland. Die Stadt soll dringend mehr tun beim Hitzeschutz – doch was und wie? Darüber sprachen StadträtInnen von LTK, Vertreterinnen des Klimabündnisses Heath for Future und Mannheims oberster Quartiermanager im Gewerkschaftshaus.
”Dies wird aktuell der kühlste Sommer unseres restlichen Lebens” prophezeit LTK-Stadträtin und klinische Psychologin Jessica Martin bei der Klima-Veranstaltung am Dienstag 7. Juli im Gewerkschaftshaus Mannheim. Etwa 100 hitzegeplagte Besucherinnen und Besucher sind gekommen, weil sie Lösungen hören wollen gegen die Hitze in der Quadratestadt.
Hitzerekord in Mannheim
Schließlich ist Mannheim, frisch abgelöst vom neuem Spitzenreiter Ludwigshafen, immer noch die zweit heißeste Stadt in Deutschland, laut dem Hitzecheck der Deutschen Umwelthilfe. Sie hatte festgestellt: 88 Prozent der Mannheimer Stadtbevölkerung leben in Gebieten mit hoher Hitzebelastung. Die Kombination aus sommerlichen Spitzentemperaturen, einem Versiegelungsanteil von fast 57 Prozent und wenig kühlendem Grün machte die Quadratestadt in 2024 zum bundesweiten Spitzenreiter.
Erst vor wenigen Tagen wurde in Mannheim der Rekordwert 40 Grad Celcius gemessen. Die Rettungsdienste mussten an dem Hitze-Wochenende mehr als doppelt so häufig ausrücken als üblich.
Und das hatte Folgen: heiß, heißer, tödlich, so schildert Stadträtin und Ärztin Jessica Martin zu Beginn der Veranstaltung ihre schockierenden Erfahrungen.
”Als wir ankamen in den Krankenhäusern lagen die Toten teilweise schon vor der Kühlung, weil keine mehr reingepasst haben. Es waren alle Altersklassen betroffen. Tote wurden noch im Nachgang in Wohnungen gefunden, die nicht mehr die Möglichkeit hatten sich Hilfe zu holen.”
Angesichts dieser Misere passt der Titel der Veranstaltung perfekt: Wenn das Klima krank macht – Was muss die Stadt tun?” Dazu eingeladen hatten die Gemeinderatsfraktion aus Linken, Tierschutzpartei und Klimaliste (LTK) zusammen mit dem Klimabündnis ”Health for Future”. Dort engagieren sich Menschen aus dem Gesundheitswesen gegen den Klimawandel.
Zwei von ihnen, Annika Stefanie Reinhold vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und Ernährungsberaterin Simone Hobrecker informieren in Impulsvorträgen bei der Veranstaltung. Die Therapeutin über psychischen Stress durch Hitze und die Oecotrophologin welchen Einfluss unsere Ernährungsweise hat.
”Die Hitze sorgt für eine größere Aggression bei sehr vielen Menschen. Und warum das so ist, das erforschen wir tatsächlich gerade noch. Daneben sorgt sie noch für Schlaflosigkeit in der Nacht, was dann wieder Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben auch eine höhere Sterblichkeit bei großen Hitzeereignissen”, sagt Annika Stefanie Reinhold vom Klimabündnis ”Health for Future”
”Viel wichtiger als künftige Klimakrisen zu vermeiden, ist der Klimaschutz. Und eine klimaschützende Ernährung ist eine, die weniger Treibhausgasemissionen verursacht. D.h. ganz einfach gesagt: weniger tierische Produkt, vor allem Rind und mehr pflanzliche Produkte.
Ein anderer Faktor ist das Wasser. Lieber Leitungswasser trinken, anstatt Wasser aus Plastikflaschen!”, rät Simone Hobrecker vom ”Klimabündnis ”Health for Future.
Klimawandel und soziale (Un-)Gerechtigkeit belasten viele Menschen
Weitere Risiken wie Luftschadstoffe und Ozon spielen in dem Vortrag von Linken-Parteimitglied Joachim Lyschik eine wichtige gesundheitsschädliche Rolle. Er fokussiert auch auf den Zusammenhang von Klimawandel und sozialer Gerechtigkeit. Manager in klimatisierter Umgebung und Paketzusteller erleben Hitze komplett unterschiedlich. Und Großstädte mit weniger Autos können schon weiterhelfen.
Beim anschließenden Podiumsgespräch sitzt auch Tobias Vahlpahl mit dabei. Er ist der Geschäftsführer des Mannheimer Quartiermanagement-Vereins, der als Verbindungsglied fungiert. Er bestätigt bei der Veranstaltung, dass die Klimakrise soziale Unterschiede noch verstärken kann.
”Wir sind Partner der Stadt. Ohne diese vermittelnde Funktion und auch übersetzende Funktion in die Quartiere wären viele Sachen nicht möglich. Gleichzeitig informieren wir aus dem Quartier heraus in Richtung Stadtverwaltung aber auch in Richtung Gemeinderat. Wie geht es den Menschen? Wer kann sich vielleicht auch nicht selbst artikulieren? Welche Bevölkerungsgruppen müssen stärker gehört werden? Welche sind besonders leidtragend?”
Für Hitzeschutz fehlt das Geld
Im Podium wird auch klar: Die Stadt Mannheim kennt viele Hitzeschutz-Ideen, sieht aber vor allem ein Finanzproblem. Dennoch verstärkt zu Handeln, das fordern die Veranstalter aus Gemeinderatsfraktion LTK und Klimabündnis von der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat. Mit dem Ziel: schnelle sowie mittel- und langfristige lokale Lösungen für ausreichenden Hitzeschutz und gegen den Klimawandel umzusetzen. Doch dabei gebe es viele Hürden, so die Kritik von der LTK-Gemeinderatsfraktion, erklärt Denis Ulas, Stadtrat ”Die Linke”
”Es fehlt der politische Wille, weil andere Themen einfach wichtiger sind. Das Thema Klimaschutz, Klimafolgenanpassung spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Denn die Stadt muss leider sparen und es wird genau an diesen Maßnahmen gespart; Klimaschutz, Klikmafolgenanpassung, Hitzeschutzmaßnahmen. Wer darunter leidet sind eben die Schwächeren in der Bevölkerung. Sie haben keine Lobby im Gemeinderat und deshalb ist es wichtig, dass wir für diese Menschen Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen.”
Viele Fragen und Anregungen vom Publikum sorgen dann an dem Abend noch für ein Stimmungsbild im Gewerkschaftshaus, das die Unzufriedenheit im Umgang der Klimasituation deutlich macht. So habe z.B. der gescheiterte Verkehrsversuch in den Quadraten mehr Ausdauer verdient; er sei wegen der Kritiker zu früh eingestellt worden. Auch ließen sich Straßen in der Innenstadt für den Verkehr zeitweise sperren, um eine weitere Aufheizung zu vermeiden, wird als Idee genannt. Ebenso wie Kältebusse für Obdachlose einzusetzen oder und klimatisierte Hallen öffnen für Menschen, die in ihren Dachwohnungen unter der Hitze leiden. Ebenso würden in manchen Städten weiße reflektierende Farbe auf den Dächern gegen Hitze etwas helfen. Zudem stelle sich die Frage, weshalb die wenigen Trinkwasserbrunnen in Mannheim nicht deutlich erkennbarer beschildert sind? Ideen gibt es also viele. Was die Stadt umsetzen wird, bestimmt der Gemeinderat. Doch leider fehlt es bei den Entscheidern offenbar am Mut das nötige Geld von denen einzufordern, die im Überfluss leben.
Autor: HB Foto: HB
















