„Solidarischer Frühling Neustadt“ – Am Pfingstsonntag auf nach Hambach!

Auch in diesem Jahr veranstaltet ein breites Bündnis den „Solidarischen Frühling Neustadt“, eine Veranstaltungsreihe mit Ausstellungen, Filmvorführungen, Diskussionsveranstaltungen und musikalischen Events. Die Abschlusskundgebung findet am 24.5.2026, Pfingstsonntag, auf dem Platz vor dem alten Rathaus in Hambach statt (Weinstraße 264). Beginn 10 Uhr mit einem „solidarischen Frühstück“, ab 11 Uhr Redebeiträge und Musik. Auch Mannheimer sind willkommen! Die S-Bahn fährt alle halbe Stunde in 30 Minuten nach Neustadt. Dann kann man den Bus nehmen (500, 501 oder 502) bis zur Haltestellte Mittelhambach. Wir sehen uns hoffentlich!

Transparent auf dem Hambacher Schloss: Hambach ist bunt

Was war – was ist da los auf dem Hambacher Schloss?

Das Hambacher Schloss liegt auf der Höhe der Hardt im Süden Neustadts. 1832 zogen insgesamt 20.000 bis 30.000 Männer und Frauen nach Hambach, darunter gut 200 Heidelberger Studenten. Ziel war die damals noch „Keschdeburg“ genannte Burgruine, die im Besitz Neustadter Bürger war. Heute scheint der Rhein für die nordbadische linke und demokratische Bewegung oftmals eine unüberwindbare Grenze zu sein. Was interessiert uns Mannheimer, was da in Hambach los ist?

Damals, 1832, wurde aufgerufen zu einem „Nationalfest der Deutschen“. Ein geeintes politisches Programm gab es nicht. Die Redner, prominent insbes. Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth, vertraten unterschiedliche politische Strömungen. Im Mittelpunkt standen die Forderungen nach politischen Freiheiten (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit etc.). Aber auch die „soziale Frage“ war Thema und mobilisierte breite Teile der Bevölkerung. Diese wurde etwa wegen „Forstfrevels“ gerichtlich verfolgt. Winzer und Landwirte hatten unter den Zollschranken zu leiden. Gegen die absolutistischen Herrscher in den zersplitterten deutschen Fürstentümern wurde die Forderung nach der Volkssouveränität und der deutschen Republik in einem konföderierten, republikanischen Europa erhoben. Die schwarz-rot-goldene Fahne wurde erstmals als Symbol eines demokratischen, vereinten Deutschlands auf den Schlossberg getragen. Die breite Solidaritätswelle mit der polnischen Nationalbewegung, die 1831 durch das zaristische Russland niedergeschlagen wurde, drückte sich auch in Hambach durch die polnische Fahne und polnische Delegationen aus.

Heute wird das Hambacher Fest von 1832 oft als „Wiege“ der deutschen Demokratie bezeichnet. Kein Zweifel, es ist ein Markstein der deutschen und europäischen Demokratiegeschichte, die weit über unsere Region von Bedeutung ist. Auch wenn das Hambacher Fest nicht von Erfolg gekrönt war, sondern für viele seiner AktivistInnen – erstmals waren auch Frauen beteiligt – mit Gefängnisstrafen oder dem Gang ins Exil endete. (Ausführlich zum Hambacher Fest von 1832)

Das „Erbe“ des Hambacher Festes von 1832 war in der fast 200-jährigen Rezeptionsgeschichte schon immer umstritten. Ältere mögen sich an die Auseinandersetzung um die 150-Jahrfeier 1982 oder den Besuch des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan 1985 erinnern. Beide Ereignisse waren von mehr oder weniger heftigen Protesten und Gegenveranstaltungen geprägt.

Max Ottes „Hambach-Fest“ 2018-2020 gegen die Ausgrenzung der AfD

Aber blicken wir auf die letzten Jahre zurück. 2018 trat das damalige noch CDU-Mitglied Max Otte zum ersten Mal in Hambach mit einer eigenen Veranstaltung auf. Max Otte, damals noch Ökonomieprofessor in Worms, machte sich als Crash-Prophet einen Namen und war mit dem Verkauf eigener Aktienfonds unterwegs. Bei der Bundestagswahl 2017 wählte er die AfD, 2022 kandidierte Otte für die AfD bei der Wahl des Bundespräsidenten. Mit seinem ersten sog. neuen Hambacher Fest 2018 auf dem Hambacher Schloss wollte er die „Ausgrenzung der AfD“ aufheben. Als Redner lud er den damaligen Bundessprecher der AfD, Jörg Meuthen, ein. Meuthen trat 2022 aus der AfD aus mit der Begründung, dass die AfD „eine Partei am rechten Rand mit völkisch-nationalistischen Positionen“ sei. Weitere Redner waren u.a. das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin, der 2020 aus der SPD wegen rassistischer und islamfeindlicher Thesen ausgeschlossen wurde, einige CDU-Mitglieder und Markus Krall, damals parteilos. Krall tritt dafür ein, allen, die vom Staat Transferleistungen beziehen, das Wahlrecht zu entziehen. Für einen „Systemwechsel“ kokettiert er mit dem Einsatz von Gewalt.

Wolfgang Kochanek und seine „Weiße“ Bewegung 2022-2023

2022 trat Wolfgang Kochanek, Unternehmer aus Neustadt, in Max Ottes Fußspuren. Noch großmäuliger als Otte wollte er, wie 1832, 30.000 „Weiße“ DemonstrantInnen auf das Schloss mobilisieren. Tatsächlich waren es dann höchstens 3.000, eine bunte Szene aus Corona-MaßnahmekritikerInnen, „QuerdenkerInnen“, falschen „FriedensfreundInnen“, Ex-Hippies und VerschwörungserzählerInnen. Auch die ersten Reichsbürgerfahnen wurden 2022 gesichtet. Kochanek, ehemals bei den Piraten aktiv, reihte sich in kurzer Zeit in das Milieu der Niedergangs-Propheten Deutschlands ein. Seine Schmähung der Staatsbediensteten war unerträglich und widerlich. Er wollte sie alle „entsorgen“. Nachdem ihm im zweiten Jahr seines Aktivismus im „Widerstand“ die Luft ausging, hielt er den „parlamentarischen Weg“ für eine Veränderung der politischen Verhältnisse nicht mehr für gangbar. Was bleibt dann? Entweder die „Flucht“ aus Deutschland oder vielleicht hoffte er auch auf den gewaltsamen Putsch oder Aufstand. Vorher wollte er noch mit einer eigens zu gründenden Partei bei den Kommunalwahlen 2024 die Neustadter Stadtpolitik aufmischen und bei der Bundestagswahl mit eigener Partei die AfD an die Macht hieven. Es blieb bei großsprecherischen Ankündigungen.

Ab 2023 zieht die Gruppe „Freieinig“ auf das Schloss

Aus der Konkursmasse Kochaneks setzte eine Gruppe, die sich heute Freieinig nennt, die politische Belagerung des Hambacher Schlosses fort. Freieinig entstammt der Anti-Corona-Maßnahmen-Bewegung, rückt mittlerweile aber das Thema „Frieden“ in den Vordergrund mit einem klaren Akzent auf die „Freundschaft“ zu Russland. Da wird postuliert, dass „Deutschland“ 1813 bei der Völkerschlacht bei Leipzig gemeinsam mit Russland siegreich gegen Napoleon „für die Freiheit“ gekämpft habe. Das Ergebnis dieses Sieges Preußens, Russlands und Österreichs gegen Frankreich und seine Verbündeten war ein reaktionärer Rollback unter Metternichs Führung gegen die Errungenschaften der französischen Revolution. Dagegen sind die Hambacher von 1832 angetreten.

Freieinig mobilisiert sein bundesweites Netzwerk seit 2023 jährlich zu Pfingsten für einen Marsch auf das Hambacher Schloss. Da kommen dann schon einmal ein paar Hundert „Patrioten“ zusammen. Darunter mischen sich auch Reichsbürger, wie der in Lorsch beheimatete Trommler Wolfgang Burkard, der auch schon auf dem Mannheimer Marktplatz die Ungültigkeit des Grundgesetzes verkündete. Und Freieinig hat auch kein Problem mit Ergün Küm gemeinsam aufzutreten, der die verstorbene Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck „für die mutigste deutsche Frau“ hält, die er je kennen gelernt habe: „Da wo du aufgehört hast, werden wir weitermachen.“ erklärt der Mann, der gerne mit ein oder zwei Katzen auf den Schultern auftritt, und auch schon in Mannheim bei Antifa-Veranstaltungen aufgetaucht ist. In Richtung Querfront-Strategie muss der Auftritt von Diether Dehm bei der letztjährigen Kundgebung von Freieinig auf dem Hambacher Schloss interpretiert werden. Deren Mobilisierungsfähigkeit hat allerdings über die Jahre deutlich nachgelassen.

Max Otte, Wolfgang Kochanek und Freieinig haben, bei all ihren Besonderheiten, gemeinsam, dass sie sich zwar verbal vom „Extremismus“ abgrenzen, aber offen sind auch für einen gewaltaffinen Rechtsextremismus, das Reichsbürgermilieu und für Verschwörungserzählungen. Die AfD spielt nur eine untergeordnete Rolle, man gibt sich parteiunabhängig. Aber als Instrument eines Machtwechsels in Berlin mag sie in Frage kommen.

Freundeskreis Hambacher Fest 1832 

Der Freundeskreis Hambacher Fest 1832 hatte sich 2018 anlässlich des ersten „Hambach-Festes“ von Max Otte gegründet. Seit 2018 betreibt er auch den „Hambach-Blog“, der auch über das historische Fest von 1832 informiert, aber in erster Linie die aktuellen politischen Auseinandersetzungen um das Hambacher Schloss dokumentiert und kommentiert. Dabei positioniert er sich klar gegen den Missbrauch des Hambacher Schlosses von rechts.

Der Freundeskreis initiierte 2022 eine öffentliche Erklärung gegen Max Ottes drittes „neues Hambacher Fest“, der sich in kurzer Zeit 200 politische MandatsträgerInnen und Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft aus der gesamten Region anschlossen.

In Mannheim führte der Freundeskreis in Kooperation mit der IG-Metall 2019 und 2021 Veranstaltungen zum Thema durch, 2021 mit dem bekannten Rechtsextremismusforscher Andreas Kemper. Diese Veranstaltung war Teil der „Demokratietage #2021Hambach1832“ mit über 20 Veranstaltungen in der gesamten Metropolregion, die der Freundeskreis in Kooperation mit lokalen Initiativen angeschoben hatte. 2022 organisierte der Freundeskreis das Bühnenprogramm „Gesicht zeigen – Demokratie leben“ mit künstlerischen und politischen Beiträgen auf dem Neustadter Marktplatz. 2022 erarbeitete der Freundeskreis eine umfangreiche Broschüre „Warum 2022 nicht 1832 ist. Texte gegen den Missbrauch des Hambacher Festes“, an der zahlreiche fachkundige Autor:innen beteiligt waren. 2025 initiierte der Freundeskreis den „Solidarischen Frühling Neustadt ‘25“ mit einer Reihe von Veranstaltungen und Kundgebungen in Neustadt, die von weiteren Initiativen und Organisationen mitgetragen wurden.

Die Neustadte Szene gegen Rechts und die Politik von Stadt und Stiftung

Transparent auf dem Hambacher Schloss: Hambach ist bunt

Das „Regionale Bündnis gegen Rechts Neustadt“ gehört zu den langjährigen und breit aufgestellten Kräften „gegen Rechts“, das mit eigenen Aktionen auch gegen die Vereinnahmung des Hambacher Schlosses von Rechtsausen aktiv war. In den letzten Jahren kamen weitere Gruppen hinzu, so die Initiative „Neustadt bleibt bunt“, die u.a. erfolgreich eine Kampagne initiiert hat, „Neustadt bleibt bunt“-Transparente an Privathäusern in Hambach aufzuhängen. Aufgerüttelt durch die Correctiv-Recherche zum „Remigrationstreffen“ in Potsdam und die gemeinsame Verabschiedung eines Antrags zur Migrationspolitik von CDU/CSU, FDP und AfD am Ende des letzten Bundestags hat sich in Neustadt Anfang 2024 eine Gruppe der Omas gegen Rechts gegründet. Diese ist mit Mahnwachen, Veranstaltungen, Social-Media-Aktivitäten und kreativen Aktionen momentan eine der treibenden politischen Kräfte „gegen Rechts“.

Die durch OB Marc Weigel (FWG) repräsentierte Stadtverwaltung hat bisher gegenüber den Trommelmärschen von Max Otte bis Freieinig mehr oder weniger hinhaltend taktiert. Der Neustadter Stadtrat dagegen hat mehrfach Beschlüsse gefasst, in denen es etwa heißt: „Das Hambacher Schloss, als der Hauptort des Hambacher Festes von 1832, wird in den letzten Jahren zunehmend von Einzelpersonen und Organisationen für Zwecke vereinnahmt, die den Werten unserer Demokratie entgegenstehen oder sie gar abschaffen wollen. Der Stadtrat sieht die Stadt Neustadt zusammen mit der Stiftung Hambacher Schloss in der Pflicht, sich einem solchen Missbrauch des Hambacher Schlosses entgegenzustellen.“ (Einstimmiger Beschluss vom 18.5.2022).

Bei der Stiftung Hambacher Schloss, in der führend das Land Rheinland-Pfalz vertreten ist, ist seit 2018 ein deutlicher Wandel zu beobachten. 2018 wurde von der Stiftung noch mehr oder weniger argumentiert, sie sei auf die Mieteinnahmen von Max Otte angewiesen und man müsse diese Veranstaltungen aushalten. Seit einigen Jahren ist nun die Stiftung aktiv in der Aufdeckung der rechten Netzwerke und ihrer demokratiefeindlichen Aussagen, kommuniziert diese auch in die Öffentlichkeit und nimmt klar gegen die rechtsgerichtete Vereinnahmung des Hambacher Festes von 1832 Stellung, so etwa mit der Hambacher Intervention von 2022.

Ulrich Riehm, Freundeskreis Hambacher Fest 1832 | Fotos: Privat

 

https://hambacherfest1832.blog

Solidarischer Frühling Neustadt ’26
https://hambacherfest1832.blog/das-programm-des-solidarischen-fruhlings-neustadt-26/

Ausführlich zum Hambacher Fest von 1832 ein Interview mit dem Mannheimer Historiker Prof. Dr. Wilhelm Kreutz
https://hambacherfest1832.blog/kreutzwilhelm-interview/