„Schluss mit dem korporierten Unwesen aller Couleur“
Was in Heidelberg am Vorabend des 1. Mai geplant ist
Im Interview berichtet Clara Grube von der Antifaschistischen Initiative warum am Vorabend des 1. Mai die Demo „Burschis in den Neckar fegen“ stattfinden wird und welche Bedeutung der Tag für Antifaschist*innen und Feminist*innen in Heidelberg hat.
KIM: In Heidelberg ist am Abend vor dem 1. Mai oft mehr los als am 1. Mai selbst. Was ist dieses Jahr geplant?
CG: Wie schon in den letzten Jahren ruft wieder ein breites Bündnis zu einer antifaschistischen und feministischen Vorabdenddemo auf. Unter dem Motto „Burschis in den Neckar fegen! Feministisch und antifaschistisch in den 1. Mai“ wollen wir ein klares Zeichen gegen Rechtsruck und Antifeminismus setzen, wobei wir nicht zuletzt die Rolle der rechten Studentenverbindungen thematisieren. Von der Stadtbücherei aus ziehen wir an den Verbindungshäusern vorbei in die Heidelberger Altstadt. Um ein starkes feministisches Signal zu senden, hat die Demo einen FLINTA*-Frontblock: Die Demospitze besteht ausschließlich aus Frauen, Lesben, inter, trans*, non-binary und agender Personen.
KIM: Der 30. April greift erneut das Thema Burschenschaften auf. Wie hat sich die Szene nach dem antisemitischen Übergriff auf dem Haus der Normanniaim Jahr 2020 (KIM berichtete) entwickelt? Ist mittlerweile Gras über die Sache gewachsen? Kann die Normannia einfach weiter machen?
CG: Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Verbindungsstudenten, der eingeräumt hatte, eine jüdische Großmutter zu haben, löste die Normannia ihre Aktivitas auf und kündigte allen studierenden Mitgliedern die Zimmer. Ausschlaggebend dafür waren die polizeiliche Hausdurchsuchung und die überregionalen Medienberichte über den brutalen Übergriff. Einige der Haupttäter wurden inzwischen zu Bewährungsstrafen verurteilt.
Durch die Auflösung der Aktivitas war die offen faschistische Burschenschaft zunächst am Ende, denn die studentischen Mitglieder stellen die Kontinuität her und sorgen auch für Nachwuchs. Außerdem waren nach dem Übergriff im Sommer 2020 zahlreiche langjährige Mitglieder, sogenannte Alte Herren, ausgetreten – teils aus Solidarität mit den antisemitischen Tätern, teils wegen der schlechten Presse, die auch sie selbst betraf. Damit stand die Finanzierung der Burschenschaft auf der Kippe, denn die „Alten Herren“ bezahlen für den Unterhalt des Hauses und der Aktivitäten.
Zwischenzeitlich vermietete der Trägerverein das Haus der Normannia an ausländische Studierende, um seinem Vereinszweck nachzukommen und zusätzliche Einnahmen zu generieren. Im Hintergrund liefen aber die Planungen zu einer Neugründung. Zunächst wollten die verbliebenen Normannen die Burschenschaft unter dem Tarnnamen „Cimbria“ neu gründen, weil der alte Name einen zu schlechten Ruf hatte, aber das Täuschungsmanöver flog auf. Aktuell haben die „Alten Herren“ die frühere Homepage und Social-Media-Kanäle wiederbelebt, doch außer vereinzelten Posts sind aktuell keine Aktivitäten spürbar. Umso wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass es so bleibt und die faschistische Burschenschaft sich nicht mehr regt. Genau deshalb führt auch die Route der diesjährigen antifaschistischen Vorabenddemo am Haus der Normannia vorbei und hält dort eine Zwischenkundgebung ab.
Gleichzeitig ist klar: Die Normannia ist nur die Spitze des Eisbergs. Heidelberg ist schon immer geprägt von dutzenden Studentenverbindungen, die das gesamte Spektrum von konservativ bis dunkelbraun abdecken, aber trotz dieser Unterschiede untereinander enge freundschaftliche Kontakte pflegen. Die offen faschistische Normannia war allerdings dann doch vielen Korporationen etwas suspekt, weil ihre allzu unverblümte NS-Verherrlichung nicht wirklich karriereförderlich schien. Entsprechend nutzten und nutzen die anderen Verbindungen die Normannia gerne, um sich zu distanzieren und dadurch vorzutäuschen, sie hätten nichts mit rechten Inhalten zu tun. Dabei sind sie eben nur gemäßigter rechts, stehen aber ebenfalls für ein nationalistisches, militaristisches, elitäres und ultrapatriarchales Weltbild, wenn auch in verschiedenen Schattierungen. Wir aber sagen: Schluss mit dem korporierten Unwesen aller Couleur!
KIM: Vielleicht nochmal ein kleiner Rückblick für alle, die den Hintergrund den 30. April in Heidelberg nicht kennen. Seit wann und warum gibt es die järhlichen Proteste an diesem Tag?
CG: Der 30. April, also der Vorabend des 1. Mai als Kampftag der Arbeiter*innenklasse, wurde über viele Jahrzehnte hinweg von den reaktionären Studentenverbindungen für braune Umtriebe missbraucht: Beim sogenannten Maiansingen zogen sie nachts mit Fackeln zum Marktplatz, um dort nationalistische und verbotene Lieder zu grölen, beispielsweise das Deutschlandlied in allen drei Strophen. Dabei wurden sie oft unterstützt von Gästen aus der organisierten Naziszene, und immer wieder kam es zu rechten Angriffen gegen rassifizierte Menschen oder Andersdenkende.
Schon früh bildeten sich deshalb antifaschistische Gegenproteste, die in den 1990er Jahren zunahmen. 1997 gelang es der Autonomen Antifa Heidelberg und befreundeten Gruppen erstmals, das rechte Maiansingen zu unterbinden und stattdessen mit einer linken Demonstration den öffentlichen Raum mit fortschrittlichen Inhalten zu füllen.
Seither finden jedes Jahr am Vorabend des 1. Mai antifaschistische Aktivitäten in der Heidelberger Altstadt statt: Demonstrationen, Kundgebungen und lange Zeit auch ein antifaschistisches Straßenfest.
KIM: Ihr schreibt im Aufruf: „Wir sind die Enkel*innen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten“ Welche Rolle spielt Feminismus beim antifaschistischen Kampf gegen rechte Strukturen in Heidelberg?
CG: Gerade die Studentenverbindungen, die mit den antifaschistischen Protesten am 30. April untrennbar verbunden sind, stehen beispielhaft für patriarchale Rollenbilder, die aus dem 19. Jahrhundert stammen – oder zumindest aus den 1950er Jahren. Frauen* gehören aus Sicht der meisten Korporationen möglichst an Heim und Herd in die Mutterrolle, und TINA*-Personen tauchen in diesem Weltbild überhaupt nicht auf. Entsprechend verknüpfen sich hier antifaschistische Kämpfe mit dem Kampf gegen Antifeminismus, gegen Queer- und Trans*feindlichkeit und gegen das Patriarchat.
Ohnehin ist Antifaschismus für uns nicht einfach das Vorgehen gegen Nazis, sondern muss eine große Bandbreite an Ausbeutungs- und Unterdrückungsformen mitdenken. Antifaschismus und Feminismus sind für uns nicht zwei getrennte Kämpfe, sondern gehören untrennbar zusammen. Für uns ist klar: Antifaschismus ist immer auch feministisch – Antifaschismus geht nur intersektional.
KIM: Als 2019 nach mehr als 20 Jahren das antifaschistische Straßenfest zum 30. April nicht mehr fortgesetzt wurde, gab es einen Bruch mit der Tradition. Wie haben sich die Aktivitäten seitdem entwickelt und welche Organisationen beteiligen sich heute?
CG: Das Antifaschistische Straßenfest auf dem Heidelberger Uniplatz – manchmal noch ergänzt durch eine Demonstration – war jahrzehntelang prägend für den 30. April: Unter dem Motto „Zusammen kämpfen – zusammen feiern!“ kamen jedes Mal Hunderte zusammen, um das bunte Programm aus Redebeiträgen, Quiz, politischen Agitprop-Szenen und Bands zu erleben und sich an Infoständen und mit Leckereien zu versorgen. 2019 kam es dann zu Polizeischikanen, die den Verlauf des Straßenfests ziemlich überschatteten. Für 2020 war ein Fest geplant, aber pandemiebedingt musste es abgesagt werden, und auch im Folgejahr war eine große Feier nicht umsetzbar. Deshalb entschieden wir uns, gemeinsam mit anderen Gruppen stattdessen eine kämpferische Vorabenddemo auf die Beine zu stellen, was wir seither auch jedes Jahr als Bündnis machen. Außer uns als Antifaschistische Initiative Heidelberg beteiligen sich Seebrücke, SJD – Die Falken, VVN-BdA, ROSA-Hochschulgruppe und die Linksjugend [’solid] an der Organisation der Demo.
KIM: Und was passiert am 1. Mai? Kommt ihr zu Besuch nach Mannheim oder ist auch in Heidelberg was geplant?
CG: Am 1. Mai findet eine Kundgebung des DGB auf dem Heidelberger Marktplatz statt, zu der sich ein kleiner Demonstrationszug bewegt. Wir freuen uns aber darauf, uns am antikapitalistischen Block auf der 1.-Mai-Demo in Mannheim und an der anschließenden revolutionären 1.-Mai-Demo zu beteiligen. Deshalb veranstalten wir am 1. Mai einen Zugtreffpunkt am Heidelberger Hauptbahnhof, um gemeinsam nach Mannheim zu fahren.



















