Carl Wurster – wie lange noch Ehrenbürger Ludwigshafens?
Nur wenig Beachtung fand im Dezember 2025 das hundertjährige Jubiläum der Gründung der IG Farben. Dabei entstand doch 1925 das damals mächtigste Chemiekartell der Welt und die BASF in Ludwigshafen spielte dabei eine tragende Rolle.
Eine kleine „AG Verdrängte Zeitgeschichte Ludwigshafen“ nahm sich aber dieses Themas an und führte zwei gut besuchte Veranstaltungen durch. Die erste Veranstaltung informierte über das firmeneigene KZ Auschwitz-Monowitz. In der Nähe des KZ Auschwitz wurde 1941 ein neues Chemiewerk der IG Farben gebaut. Im IG Farben- Lager Monowitz und auf der Baustelle des Chemiewerks wurden tausende Gefangene ausgebeutet, gequält und ermordet.
Die Führungskräfte im Werk Ludwigshafen wussten das alles, denn von dort aus steuerte man die Bauarbeiten und delegierte technisches Personal.
Im Werk Ludwigshafen selbst gab es ebenfalls ein großes Zwangsarbeitslager, in dem Tausende von Arbeitssklaven und -sklavinnen schwerste Arbeiten verrichten mussten. Im April 1943 lag die Zahl alleine bei IG Farben bei 13727 Menschen.
1938 wurde Carl Wurster Vorstandmitglied der IG Farben und Werksleiter im Werk Ludwigshafen. Im Jahr zuvor trat er in die NSDAP ein. Außerdem war er Wehrwirtschaftsführer und Ritterkreuzträger. Als Wehrwirtschaftsführer war er intensiv in die Kriegsvorbereitungen eingebunden.
Carl Wurster wusste also von all diesen Vorgängen, plante sie mit und entschied sie mit. Er ist (mit)verantwortlich für den grausamen Tod tausender Menschen. Nach dem Krieg wurde er 1948 wegen Versklavung und Massenmord angeklagt, aber nicht verurteilt. Im Jahr 1952 war er bereits wieder Vorstandvorsitzender der nach dem Krieg neugegründeten BASF und Mitglied in Aufsichtsräten weiterer Firmen und Banken.
Und heute? Die Vergangenheit hinterließ Spuren: in Ludwigshafen gibt es einen Carl-Wurster-Platz und einen Ehrenbürger Carl Wurster. Die Universität Mannheim hat einen Ehrendoktor Carl Wurster. Bei der Vergangenheit dieses Mannes hätte das nie geschehen dürfen.
Die „AG Verdrängte Zeitgeschichte Ludwigshafen“ setzt sich dafür ein, diese Ehrungen Carl Wursters aufzuheben. Wursters Biographie ist nur ein Beispiel. Hunderte weiterer Personen aus der Rhein-Neckar-Region waren direkt oder indirekt am Holocaust beteiligt.
Nach dem aktuellen Stand der historischen Forschung ist eine unkommentierte Ehrung von Wurster nicht mehr tragbar.
Der leider viel zu früh verstorbene Ludwigshafener Historiker Stefan Hörner hat sich intensiv mit den Verbrechen der IG Farben beschäftigt. 2010 hat er hierzu eine Doktorarbeit verfasst und das relativ unbekannte Buch „Der Auschwitz-Konzern – Die verschwiegenen Täter des Holocaust- I.G. Farbenindustrie AG“ im Jahre 2016 veröffentlicht. Das Buch beschreibt umfangreich die Verantwortlichkeit führender Manager wie eben auch Carl Wurster.
Aktuell fordern wir den Stadtrat in Ludwigshafen auf, die Ehrenbürgerschaft zu revidieren. Diese Forderung wird von circa 150 Menschen aus der Stadtgesellschaft unterstützt. Darunter sind aktuelle und ehemalige Stadträte, Träger des Verdienstordens des Landes, ehemalige Personalräte der Stadt, Gewerkschaftsfunktionäre, Ärzte und Professoren.
Die AG Verdrängte Zeitgeschichte ist mit dem Vortrag „Geschäfte mit Krieg, Tod und Sklaverei – Geschichte und Karrieren am Beispiel des I.G. Farben Kartells und BASF“ als Gast bei der 8. Anarchistischen Buchmesse. Der Vortrag findet am Samstag, den 16. Mai um 14 Uhr im Forum in der Neckarpromenade statt.
Am Mittwoch, den 18. November zeigen wir in Kooperation mit Cinema Quadrat den Film „Der Rat der Götter“ von Kurt Maetzig aus dem Jahr 1950. Er zeigt den Weg des IG-Farbenkonzerns von der Wahlunterstützung Hitlers bis in die Nachkriegszeit. Grundlage sind eine aufsehenerregende, 1947 erschienene Dokumentation von Richard Sasuly und die Akten des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses.
An dieser Stelle bedanken wir uns für die freundliche Unterstützung durch den Verein „Industriekultur Rhein-Neckar“, den Naturfreunden Mannheim & Ludwigshafen, attac, dem Buchmesseteam und Cinema Quadrat.
Wer nähere Informationen will oder die Arbeit unterstützen möchte, wende sich bitte an:
„AG Verdrängte Zeitgeschichte Ludwigshafen“ c/o Naturfreunde Ludwigshafen, Postfach 210922, 67063 Ludwigshafen
Mail : andre.neu@naturfreunde-ludwigshafen.de
Quellen:
Dr. Stefan Hörner „Der Auschwitz-Konzern – Die verschwiegenen Täter des Holocaust- I.G. Farbenindustrie AG“
als PDF


















