Was die Corona-Pandemie mit gesellschaftlicher Solidarität zu tun hat

Symbolbild: Pixabay

Absage hier, Absage da, Schulen und Kitas dicht, nun sogar Restaurants, Kneipen, Kinos… mittlerweile sollte jede und jeder kapiert haben, dass es sich nicht nur um ein ernsthaftes, sondern um ein historisch bisher einmaliges Ereignis handelt: Die globalisierte Welt versucht sich gegen eine globale Pandemie zu wehren.

Immer mehr kapieren, worum es eigentlich geht

Auch der Autor dieses Textes hat sich erst in den letzten Tagen ausführlicher mit der Thematik beschäftigt. Davor waren es eben Nachrichten aus China, später aus dem Iran, dann auf einmal Italien und plötzlich gibt es die ersten Todesfälle in Baden-Württemberg und die Erkenntnis, dass wir am Anfang einer langen und gefährlichen Krise stehen.

Wir alle sind keine Virolog*innen, aber auf einmal müssen wir verstehen, was Virolog*innen erforscht haben, um deren drastisch klingende Maßnahmenvorschläge zu verstehen.

Der Versuch einer Zusammenfassung, der Kernproblematik

In den ersten Wochen, als das Virus noch fern von Deutschland schien, war oft zu hören: Keine Panik, die allermeisten Infizierten haben nur leichte oder gar keine Symptome, ähnlich wie bei einer Erkältung. Das „aber“ haben viele überhört. Denn für den kleineren Teil, häufig ist von etwa 15% zu lesen, hat die Krankheit einen schweren Verlauf und ein Krankenhausaufenthalt wird dringend erforderlich.

An dieser Stelle kommt die virologische Erkenntnis zur Ausbreitungsgeschwindigkeit ins Spiel. Folgende Grafik, die von vielen Medien zur Veranschaulichung genutzt wird, verdeutlicht die Problematik des exponentiellen Wachstums.

Die rote Kurve zeigt das exponentielle Wachstum der infizierten Personen. Zum Höhepunkt der Krise ist das Gesundheitssystem völlig überfordert – viele Menschen sterben. Die blaue Kurve verdeutlicht die Chance, bei einem zeitlichen Herauszögern der Pandemie innerhalb der Kapazitätsgrenzen des Gesundheitssystems zu bleiben und damit vielen Menschen das Leben zu retten.

Exponentielles Wachstum kann unser Gesundheitssystem zusammenbrechen lassen

Hinsichtlich der Ausbreitungsgeschwindigkeit geht Christian Althaus, Leiter der epidemiologischen Forschungsgruppe der Uni Bern im Interview mit der Süddeutschen, von einer Verdopplung der Fallzahlen alle 6 – 7 Tage aus. Aus der Praxis wissen wir, dass es noch schneller gehen kann.

Die zur Zeit 3758 Fälle in Deutschland (Stand 14. März) werden sich demnach bis Mai auf über 1 Million erhöht haben. Geht man von 15% schweren Verläufen aus, benötigen dann 150 000 Menschen eine intensive medizinische Betreuung – das sprengt die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems. Wir müssen auch bedenken, dass viele Krankenhäuser Personalprobleme bekommen, da auch Ärzt*innen und Pfleger*innen erkranken und dienstunfähig sein werden.

Die Ausbreitung werden wir nicht verhindern können – da sind sich die Virolog*innen sicher – aber mit drastischen Maßnahmen können wir sie verlangsamen und damit vielleicht einen Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems verhindern.

Drastische Maßnahmen bedeuten konkret: Soziale Kontakte in allen Bereichen so stark einschränken, wie irgendwie möglich. Die Schulschließungen sind erst der Anfang, Ausgangssperren werden das letzte Mittel sein. Offenbar ist das leider auch das einzige, was wir zur Zeit tun können.

Zahlen in Mannheim

Stand 14. März gibt es in Mannheim 37 nachgewiesene infizierte Personen (dazu werden einige bislang unerkannte Fälle kommen). Nach dem oben beschriebenen Modell der Virolog*innen könnten es bei einem exponentiellen Verlauf im Mai bis zu 50 000 Fälle in Mannheim werden, was 7500 schwer Erkrankten entspricht. Die Zahl der Betten der Intensivstationen in den drei Mannheimer Krankenhäusern nennt Oberbürgermeister Peter Kurz im Interview mit dem Mannheimer Morgen vom 12.03.2020 „im hohen zweistelligen Bereich“. Das heißt: unter 100 solcher Betten. Das ist völlig unzureichend für eine solch große Anzahl schwer Erkrankter.

Fallzahlen Mannheim, Stand 14. März | Quelle: Stadt Mannheim

Das alles sind natürlich nur Zahlenspiele und keine Prognose für die Zukunft. Aber die Zahlen verdeutlichen, worum es geht. Exponentielles Wachstum muss verhindert werden!

In Italien zeigt sich aktuell, dass der Zusammenbruch des Gesundheitssystems leider kein unrealistisches Szenario ist. Ärzt*innen müssen kurzfristig entscheiden, wen sie an das letzte freie Beatmungsgerät anschließen und wen sie sterben lassen – eine furchtbare Vorstellung!

Die Sterblichkeit bei den Corona-Erkrankten ist in Italien erschreckend hoch. Stand 13. März sind von 17 660 Erkrankten bereits 1 266 Menschen gestorben. Das ist eine Sterblichkeit von mehr als 7 Prozent! (Datenquelle: Johns Hopkins University)

Solidarität bedeutet zu Hause bleiben

Angesichts der beschränkten Möglichkeiten ist die Vermeidung sozialer Kontakte das einzig wirksame, das man zur Zeit tun kann. Das Festhalten an großen Veranstaltungen kommt purem Egoismus gleich. Auch „den Normalbetrieb aufrecht halten“ ist problematisch. Das öffentliche Leben sollte auf das absolut notwendige zurück gefahren werden. Nur wer sich streng an Hygieneregeln hält, handelt verantwortlich.

Viele werden sicherlich noch die Aussage im Ohr haben, dass für die allermeisten die Infektion harmlos verlaufe. Und natürlich stimmt das auch, denn rund 85% werden keine größeren Probleme haben.

Trotzdem sind auch die 85% Überträger*innen des Virus und wer weiter macht, wie bisher, sorgt für eine schnelle Ausbreitung der Pandemie und gefährdet ganz konkret die 15%, die eine umfangreiche medizinische Behandlung benötigen werden.

[su_box title=”Ausgangssperre – Grundrechtsverletzung oder legitime staatliche Maßnahme?” box_color=”#646464″ radius=”2″]In Italien kontrollieren Polizei und Militär die Bewegungen der Bürger*innen. Das Verlassen der eigenen vier Wände ist stark eingeschränkt. Staatliche Gewalt schränkt die Freiheit der Menschen massiv ein. Ein solches Szenario ist auch für Deutschland nicht ausgeschlossen. Die Frage wird sein, ob die Menschen freiwillig auf riskante soziale Kontakte verzichten oder nicht. Ausgangssperren sind eine schwere Grundrechtsverletzung und können nur mit einem autoritären, undemokratischen staatlichen Handeln umgesetzt werden. Die Entscheidung, ob die Maßnahme nötig ist oder nicht, wird niemandem leicht Fallen. Der Grundrechtsverletzung steht die Chance entgegen, vielen tausend Menschen das Leben retten zu können. Auf jeden Fall sollte die Ausgangssperre aus medizinischen Gründen von einer politischen Ausgangssperre qualitativ unterschieden werden. [/su_box]

Fallzahlen China, Stand 14. März. Hier wird deutlich, dass drastische Maßnahmen, wie Ausgangssperren und das Abriegeln ganzer Regionen, die Ausbreitung tatsächlich verlangsamen können. | Quelle: WHO

Die Frage nach der Schuld…

… ist müßig zu beantworten. Die politische Rechte war wie immer schnell bei ihren Schuldzuschreibungen. Migrant*innen, besonders die Geflüchteten wurden als „Krankheitsbringer“ diffamiert (übrigens nicht erst seit dieser Pandemie, auch schon in den Jahren zuvor). Doch wir müssen feststellen: Die gefährlichsten „Krankheitsbringer“ waren die Geschäftsreisenden der international operierenden Konzerne und die Skiurlauber über die Faschingsferien.

Dennoch macht es keinen Sinn, irgendjemandem die Schuld zu geben. Niemand will das, was gerade passiert. Die Pandemie wird die ganze Welt erreichen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell.

Bolsonaro und Trump haben den Corona-Virus noch vor wenigen Tagen als Erfindung der verhassten Medien bzw. der Demokraten ausgelacht. Mittlerweile gehört Bolsonaro zu den Infizierten und Trump muss hoffen, dass er sich beim Händeschütteln mit seinem politischen Weggefährten nicht angesteckt hat.

Die Tragik daran ist, dass die USA – eines der reichsten und modernsten Staaten der Welt – wegen ihres unsozialen Gesundheitssystems besonders viele Opfer haben werden. Viele Niedrigverdiener*innen werden krank arbeiten und nicht zum Arzt gehen. Das Virus wird sich schnell ausbreiten. Und natürlich trifft es vor allem die Armen und Benachteiligten der Gesellschaft.

Nun wird gemeldet, dass auch Venezuela betroffen ist – ein Land in Dauerkrise, in einem scharfen Konflikt zwischen Arm und Reich, in dem die Krankenhäuser teilweise nichtmehr über fließend Wasser und Strom verfügen. Die Regierung ruft die USA auf, die Sanktionen gegen das Land zu beenden. Und Venezuela ist nur ein Beispiel, und sicher nicht das am schlimmst betroffene Land.

(cki/ttr)

 

Links zum Thema

Informationsseite der Stadt Mannheim

Informationsseite des Robert-Koch-Instituts

Fallzahlen weltweit (WHO – Weltgesundheitsorganisation)

Fallzahlen weltweit (Johns Hopkins University)